Attilas Rezept

Er nennt es Attilas Rezept. Honig und Zitronensaft vermischen und die zähe Masse in ein Fläschchen mit heißem Wasser geben. Schütteln – und fertig ist der Hustensaft. Genial, wenn’s funktioniert. Medizinische Hilfe kann so einfach sein. Dr. Bernhard Römhild vom Deutschen Roten Kreuz steht in einem Zelt und behandelt Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak – am laufenden Band. „Der Nächste, bitte.“ Etwa 90 Frauen, Männer und Kinder würden pro Tag von ihm und seinem Team untersucht, erzählt er mir. imageRollentausch: Heute bin ich für kurze Zeit nicht als Journalist, sondern als ehrenamtliches Mitglied von Interhelp in Nordgriechenland. Dewezet-Leser wollten von mir wissen, ob es Sinn macht, in den griechischen Flüchtlingslagern humanitäre Hilfe zu leisten – und ob Interhelp gedenkt, sich dort zu engagieren.
imageHeute tragen wir die blaue Interhelp-Kappe. Wir haben uns mit Siv Sandvold verabredet, um Antworten zu finden. Die junge Frau aus Norwegen ist Koordinatorin der Hilfsorganisation „A drop in the Ocean“, mit der Interhelp in Sachen humanitäre Hilfe kooperieren könnte. Schon in der Zeltstadt von Idomeni waren Julia und ich beeindruckt davon, wie gut die Norweger arbeiten. Es galt, eine Ladung Damenschuhe an Flüchtlingsfrauen zu verteilen – ohne, dass dabei ein Gewusel ausbricht.

imageKatrine Sanaker, ebenfalls aus Norwegen, hatte uns ihr System erklärt: „Jede Frau bekommt von uns einen kleinen Zettel mit einer Nummer.“ Dann heißt es Schlange stehen. Es klappt. Die Verteilung läuft ruhig und geordnet ab. „Bei den Männern geht es allerdings schon mal etwas lauter zu. Die sind nicht so diszipliniert“, hatte Katrine lächelnd erzählt. Die Freiwilligen von „A drop in the Ocean“ engagieren sich sowohl im „illegalen“ Camp von Idomeni als auch in der offiziellen Zeltstadt „Nea Kavala“, die ganz in der Nähe der zentralmakedonischen Kleinstadt Polykastro liegt. Diese Flüchtlingsunterkunft wird vom griechischen Militär geleitet. Auf dem weitläufigen Gelände arbeitet auch Dr. Römhild vom DRK. Auch ihn wollen wir treffen.

Rein dürfe nur, wer eine Genehmigung vom Verteidigungsministerium in Athen hat, sagt der Wachmann im Tarnfleck-Anzug freundlich, aber bestimmt. Fotografieren ist verboten. Auf dem ehemaligen Flugplatz, der zuletzt als Rennstrecke benutzt wurde, stehen viele große weiße neue Zelte. Gleich hinter dem Wachposten gibt es einen Spielplatz. Auf dem Sandboden und auf einer Wiese toben Kinder. Es gibt Schaukel, Wippe und vieles mehr. Nea Kavala wirkt sauber und aufgeräumt. Ein Vorzeige-Camp, das die Griechen unbedingt der internationalen Öffentlichkeit präsentieren sollten. Ein Platz für 3000 Flüchtlinge – zwar mitten in der griechischen Pampa, aber nur wenige hundert Meter vom nächsten Dorf entfernt. Wir dürfen rein – UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, hat es uns erlaubt. Vor dem Zelt, in dem „A drop in the Ocean“ gebrauchte Kleidung und Hygieneartikel lagert, herrscht geschäftiges Treiben. Freiwillige mit gelben Westen sind fleißig – sie geben Hemden, Pullis, Hosen, Feuchttücher, Seife und andere Hygieneartikel aus. Draußen stehen Flüchtlinge artig Schlange. Kein Palaver, kein Geschrei. Wir hätten die Szenen gern mit der IPhone-Kamera festgehalten, doch zwei Soldaten, die sich im Zelt aufhalten, lassen das nicht zu. Fotografieren verboten. Nebenan leisten das Deutsche und das Finnische Rote Kreuz medizinische Hilfe. Dr. Römhild nimmt einen Zettel von einem kleinen Stapel, der auf seinem Schreibtisch liegt. Es geht um Attilas Rezept. „Wir bräuchten Zitronen“, sagt der Arzt aus Berlin, „damit sich Kranke einen Hustensaft nach Hausrezept mixen können.

Interhelp wird sicher die Idee des DRK aufnehmen, in Absprache mit Dr. Römhild und gemeinsam mit „A drop in the Ocean“ Hilfe in Nea Kavala leisten. Ich weiß: Die einen werden das gut finden, die anderen keinen Sinn darin sehen. Aber es geht um Menschen, die in Not sind. Um nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht gibt es im Weserbergland Menschen, die ein paar Euro für kranke Flüchtlinge in Griechenland erübrigen wollen. Wir werden sehen.

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