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Andrea Tiedemann

Über Andrea Tiedemann

Andrea Tiedemann wundert sich immer wieder. Über Kurioses am Rande der Lokalpolitik, über erstaunliche Prozesse vor Gericht und darüber, was sie manchmal Schönes in Hameln entdeckt. Jetzt wundert sie sich auch manchmal öffentlich.

Kommunen auf Pump – haltet den Kindern die Ohren zu…

Keine Knete? Bei den kommunalen Finanzen gelten andere Maßstäbe als beim Taschengeld.

Keine Knete? Bei den kommunalen Finanzen gelten andere Maßstäbe als beim Taschengeld.

Als Kind lernt man recht schnell, so man verantwortungsbewusste Eltern hat: Geld kann ich nur ausgeben, wenn ich es habe. Reicht das Taschengeld nicht für das neue Computerspiel, muss ich warten. Und sparen. Für die Info-Veranstaltung zum Schulzentrum Nord hätte man – nach diesen strengen Erziehungsmethoden – eigentlich eine Altersfreigabe an die Tür drucken müssen: „Eintritt nur ab 18 Jahren.“ Denn Oberbürgermeister Claudio Griese, den man getrost als Autorität der Stadt bezeichnen darf, gab bei der Frage, warum die Stadt die Schulträgerschaft für die weiterführenden Schulen nicht an den Landkreis abgeben mag, einen kurzen Einblick in die kommunalen Finanzen. Und da hätte eigentlich jeder Elternteil, der seine Kinder mitgebracht hatte, diesen sofort Ohren und Augen zuhalten müssen.

Griese stellte die Gesamtverschuldung von Stadt und Landkreis gegeneinander. Im Jahr 2019 ist der Landkreis, so die Schätzung, mit mindestens 213 Millionen Euro in den Miesen – und da sind die Kosten für die Zentralisierung der Elisabeth-Selbert-Schule noch nicht einmal dabei. Die Stadt steht zu diesem Zeitpunkt mit rund 88 Millionen Euro in der Kreide – ohne das Schulzentrum, wohlgemerkt. Wie viel Taschengeld ein Jugendlicher sparen müsste, um von einer vergleichbaren Schuldenlast wieder runterzukommen, mag man sich gar nicht ausrechnen. Griese aber kommt angesichts dieser Zahlen zu dem Schluss, dass die „wirtschaftliche Leistungsfähgkeit der Stadt gegeben“ sei. Jeder Schuldnerberater im Land bekäme einen Lachanfall, doch das Leben auf Pump – bei den kommunalen Finanzen ist es offenbar mittlerweile Alltag. „Solange wir die Kreditzinsen bedienen können, ist das kein Problem.“ Ob das nun auch Kinder animiert, ihr Taschengeld künftig für Zinsen einzusetzen? In einem Erziehungsratgeber zumindest würde der Oberbürgermeister mit diesem Tipp keinen Hit landen.

Edler als Facebook

Litfaßsäule

Öffentlich aber doch anonym – die Litfaßsäule. fn

Habt ihr nicht etwas Edleres als immer euer Facebook?“ Die Frage eines Schweizer Journalisten, den ich neulich kennenlernte, klang etwas trotzig. Aber ja, Facebook ist weit davon entfernt, edel zu sein. Es ist ein Abbild der Gesellschaft – und ich hoffe, dass es, anders als das Original, bloß etwas ins Dreckige verzerrt ist. Denn oft wirkt Facebook wie ein ungepflegtes Wohnzimmer. Dort wird schmutzige Wäsche liegengelassen – in sprachlicher Form. Die Wäsche müffelt vor sich hin, bis sich jemand verantwortlich fühlt, sie wegzuräumen. Dass die Leute sich um ihre dreckige Wäsche selber kümmern, erlebe ich kaum. Dabei ist Facebook gar nicht das gemütliche Wohnzimmer, in dem man mit Freunden stammtischparolig Ressentiments pflegen kann. Man kann es gar nicht deutlich genug sagen: Etwas auf Facebook öffentlich zu posten ist so, als würde man es auf einen Zettel drucken und  – mit Namen und Foto versehen – in der Stadt plakatieren.

In Hameln gibt es aber tatsächlich etwas Edleres als Facebook: Von den bundesweit Tausenden Litfaßsäulen stehen 70 in unserer Stadt. Es ist das Facebook des letzten Jahrhunderts. Ursprünglich gedacht, um die wild um sich greifende Plakatierung in den Städten zu bändigen, ist heute auf Hamelns Litfaßsäulen Platz. Erstaunlich viel Platz. Raum für Notizen, wie man bei der Zeitung sagt. Und es gibt offenbar jemanden, der Litfaßsäulen den sogenannten sozialen Medien vorzieht. Mit einem Edding hat sich hier jemand einiges von der Seele geschrieben – er oder sie tut es regelmäßig, an verschiedenen Säulen. Öffentlich schreiben, aber anonym bleiben. Es geht von Literatur-Klassikern wie Ulysses über Sendungs-Tipps von 3Sat bis hin zu philosophischen Schmankerln – etwas wirr, vielleicht auch psychotisch angehaucht. Aber kein Vergleich zu der Hetze und dauernden Entwertung im Netz. Edler allemal.