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Frank Werner

Über Frank Werner

Frank Werner war bis März 2016 Chefredakteur. In seinem Blog hat er sich den bemerkenswerten und absurden, bedeutenden und sinnfreien Phänomenen des Redaktionsalltags gewidmet.

Osterfeuer, oder: Anarchie im Abfallparadies

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Ohne Feuer wären wir Menschen – nichts. Geist, Geselligkeit, Zivilisation, alles begann am Lagerfeuer. Schätzungsweise ist das 1,8 Millionen Jahren her. Heute muss man sagen, zum Glück. Der gewisse zeitliche Abstand bewahrte unsere Vorfahren davor, auf Vertreter der Unteren Abfallbehörde des Landkreises Holzminden zu treffen. Nicht auszudenken, wie die Geschichte ausgegangen wäre. Strengen Blickes hätten die Beamten auf die „Verordnung über die Beseitigung von pflanzlichen Abfällen außerhalb von Abfallbeseitigungsanlagen (PflAbfVO) als Nachfolgeverordnung der Brennverordnung (BrennVO)“ hingewiesen, um den lodernden Feuerschein sogleich als „Verbrennen zum Zweck der Beseitigung außerhalb zugelassener Beseitigungsanlagen“ zu rügen. Das Lagerfeuer, Homo erectus, die Zivilisation, es wäre um sie geschehen.

Die historische Chance verpasst, versuchen die Beamten aus Holzminden heute, das Feuer wieder aus der Welt zu schaffen. Regelungswut soll es ersticken. Selbst zu Ostern will der Landkreis nichts, aber auch gar nichts anbrennen lassen, was in der Welt der Brandschutzverordnungen, Abfallvorschriften und Immissionsschutzregelungen nicht brennen darf. Wer seine Weihnachtstanne auf den Scheiterhaufen zerrt, steht aus Sicht der Behörde am Anfang einer kriminellen Karriere, weil er das Gehölz arglistig dem Abfallwirtschaftskreislauf entzieht. Um dem Frevel Einhalt zu gebieten, hat die Behörde die „Handlungshilfe Brauchtumsfeuer“ erstellt. Eine Gebrauchsanleitung, die praktisch jedes Osterfeuer als irreguläres Zündeln entlarvt.

So liegt bereits ein Verstoß vor, wenn Äste und Zweige „mehr als zwei Wochen“ vor dem Abbrennen angehäuft werden. Auch müssen Osterfeuer im Prinzip luftdicht verpackt oder an eine Absauganlage angeschlossen sein. Denn gelangt die Asche nicht vollumfänglich in eine Restmülltonne, liegt „mindestens eine Ordnungswidrigkeit nach Abfall-, Bodenschutz- oder Naturschutzrecht“ vor. Und natürlich darf auch die Auswahl des „holzhaltigen“ Brennmaterials nicht achtlos erfolgen. Wer die „Mindestaststärke von 8-10 cm“ unterschreitet, zeigt sich am besten gleich selbst an.

Aber auch wenn alles ordnungs-, frist- und normgerecht ist, bleibt ein Fallstrick. Der „öffentliche Charakter“ eines Osterfeuers sei nicht gegeben, wenn sich „nur Familie oder 2 Nachbarn“ versammeln. Um keinen Abbruch der Veranstaltung zu riskieren, sei hier empfohlen, einen dritten Nachbarn in Bereitschaft zu halten und darauf zu achten, dass alle Gäste Ausweispapiere bei sich tragen.

Eine Frage an die Müllpolizei in eigenem Interesse: Welche Strafe droht, wenn die dreiseitige „Handlungshilfe Brauchtumsfeuer“ nicht dem Papiermüll, sondern, sagen wir, einem Brauchtumsfeuer zum Zweck der Beseitigung zugeführt wird?

 

Zur erheiternden Lektüre, die „Handlungshilfe Brauchtumsfeuer“:

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Vom sparsamen Gebrauch der Urteilskraft

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Gerüchte sind die Blockbuster der sozialen Netzwerke. Sie verbreiten sich epidemisch, verfestigen sich mit jeder Wiederholung und leben länger als die Wahrheit. Wer auf gesunden Menschenverstand als wirksames Gegengift hofft, wird schnell eines Besseren belehrt. Eher als das Gerücht aus der Welt schaffen lässt sich Zahnpasta zurück in die Tube drücken. Gerüchte entziehen sich dem rationalen Argument, werden eher gefühlt als gewusst. Zumal sie in den sozialen Netzwerken kaum auf Argumente treffen. Die monophonen Meinungsblasen, in denen sich Gleichgesinnte der Richtigkeit ihrer Weltbilder versichern, immunisieren gegen Zweifel.

Die Grenze zur Hysterie wird überschritten, wenn ein Angstmacher wie der Zustrom von Flüchtlingen den Hitzegrad der Gerüchteküche bestimmt. Das einzige, was Anekdotenerzähler bei diesem Thema bändigt, ist die Beschränktheit ihrer Fantasie. Nicht, um den Erfindungsgeist noch zu beflügeln, sondern um die alltägliche Absurdität zu dokumentieren, haben wir die geläufigsten Gerüchte zum Thema „Flüchtlinge in Hameln“ gesammelt und auf Wahrheitsgehalt geprüft. Nicht alles, was durch die Netzwerke vagabundiert, ist immer komplett frei erfunden, aber das meiste so abwegig, dass sich eine Nachfrage beinahe erübrigt. Trotzdem haben wir uns gezwungen, in allen Fällen zu recherchieren. Herausgekommen ist ein Spiegelkabinett gesellschaftlicher Ängste, Verirrungen und Vorurteile.

Zimmerservice und Prostituierte? Um Flüchtlinge ranken sich mitunter bizarre Gerüchte. In diesem Artikel haben wir die Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft.

 

 

Angstmacher

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Höchste Zeit, über die Angst zu reden. Die Angst vor denen, die anders sind als wir. Vor den Fremden. Sie grassiert nicht nur in den hyperventilierenden sozialen Netzwerken. Spätestens seit Paris, Hannover und Köln ist klar: Die Angst hat uns alle im Griff. Sie nistet tief im Gefühlshaushalt der Gesellschaft. Und trübt den nüchternen, differenzierten Blick. Wer sich nur noch bedroht fühlt, interessiert sich nicht mehr für Zwischentöne und Zusammenhänge.

Auf Facebook schlägt uns die Angst inzwischen nach jeder Kriminalitätsmeldung entgegen. So schockierend die Taten jeweils sein mögen – rechtfertigen sie, sich in immer neue Untergangsszenarien zu steigern? Nach der Amok-Drohung gegen die Handelslehranstalt war sich die Facebook-Gemeinde nahezu einig: „Hameln wird immer schlimmer.“ Der Mord in Groß Berkel, ein brutaler Fall, aber eben ein Einzelfall, war Anlass genug, „amerikanische Verhältnisse“ herbeizuschreiben: „Man kann sich nur noch bewaffnet aus dem Haus trauen.“ Vier Kommentare weiter die kaum noch für möglich gehaltene Steigerung: „Hameln und Umgebung, eine einzige No-Go-Area“. Nach dem Bericht über eine Schlägerei von Frauen mit südosteuropäischem Aussehen kreiste die Debatte dann nur noch um Gebrauchsanleitungen für Pfefferspray.

Vor allem an Flüchtlingen macht sich die Furcht fest. Hier steigert sie sich leicht zur apokalyptischen Paranoia. In der allgemeinen Wo-soll-das-noch-hinführen-Hysterie erscheint selbst der abstruse Gedanke einer Bürgerwehr für einige plötzlich wie das rettende Ufer. Es mag altmodisch, beinahe trotzig klingen in diesen Zeiten, aber wir versuchen es  lieber mit Fakten. Wir haben die Polizei gebeten, die Zahlen zur Flüchtlingskriminalität in Hameln-Pyrmont offenzulegen. Schonungslos. Ohne Rücksicht auf jene, die meinen, bestimmte Wahrheiten müssten volkspädagogisch vorbehandelt werden. Und ebenso ohne Rücksicht auf die Angstmacher, die nur auf diese Zahlen warten, um Vorurteile zu schüren. Wir halten unsere Leserinnen und Leser für mündig genug, sich ein eigenes Bild zu machen.

Die Bilanz der Polizei selbst fällt ambivalent aus. Wenn wir über Flüchtlinge sprechen, müssen wir auch in Hameln über körperliche und sexuelle Gewalt reden. Frauenverachtung gehört für einen Teil der Einwanderer zum kulturellen Gepäck, aber die Gewalt ist nicht weniger den prekären Umständen geschuldet, der Kasernierung vieler junger Männer, deren Hauptbeschäftigung das Warten ist. Wir müssen ebenso über Klischees sprechen, über das Bild des klauenden Flüchtlings, das in den Hamelner Zahlen jedenfalls kaum Bestätigung findet. Und wir müssen über die Irrationalität – leichter verdaulich: die Unverhältnismäßigkeit – unserer Ängste sprechen. Ja, auch unter den Flüchtlingen befinden sich Kriminelle, und jede Migration, jedes Aufeinandertreffen von Kulturen, führt unweigerlich zu Konflikten. Es wäre naiv, etwas anderes zu erwarten. Aber die Statistik ist weit davon entfernt, die viel beschworenen Szenarien des Ausnahmezustandes zu bestätigen. Schon gar nicht liefert sie den Stoff, den Untergangspropheten gerne hätten. Keine Angst, es wird ein Morgen geben.

Hier gehts zum Dewezet-Bericht über Flüchtlinge und Kriminalität: http://goo.gl/PZuxit

Über Wandersmanns und -fraus Eiche

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In meinem Mailpostfach landet der Vorwurf, die Redaktion verbreite ein Macho-Weltbild, in dem Frauen nicht vorkämen. „Sie erwecken immer wieder einmal den Eindruck, als dürften auch in Deutschland ausschließlich Männer in der Öffentlichkeit erscheinen“, beklagt eine Leserin. Dazu möchte ich gerne etwas sagen.

Was ist passiert? Uns ist ein Fehler unterlaufen. In einem Bericht über die rührende Liebeserklärung eines Menschen aus Syrien an seine neue Heimat Aerzen, festgehalten in einem Gästebuch an einem Gedenkort für Auswanderer, hat die Redaktion aus dem Namen „Nour“  fälschlicherweise auf das männliche Geschlecht des Besuchers geschlossen. Tatsächlich handelt es sich um eine Besucherin. Für diesen Fehlschluss bitte ich um Entschuldigung. Aber ganz sicher stecken keine patriarchalen Allmachtsfantasien dahinter. Keineswegs wollten wir, wie unterstellt, den Eindruck erwecken, als sei „dieser Ort ausschließlich für männliche Menschen gedacht“.

Die Kritik erscheint mir etwas überzogen. Gemeint ist vielleicht, wir würden achtlos mit der deutschen Sprache umgehen, die im Genus oft männlich bleibt, auch wenn Männer und Frauen gemeint sind. Tatsächlich war es Erich Schütte (über dessen Geschlecht hier nicht spekuliert werden soll), der den Ort des Geschehens genderpolitisch nicht ganz ausgewogen in „Wandersmanns Eiche“ taufte. Womöglich liegt hier der Hund begraben (Hunde- und Hündinnenhalter*innen mögen diesen Satz bitte nicht als diskriminierend empfinden), denn immerhin schaffte es der Chauvi-Begriff bis in unsere Überschrift. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was im Postfach läge, stünde die Eiche nicht am harmlosen Schierholzberg, sondern in den Herrenhäuser Gärten. Es ist so schon skandalös genug. Nicht mal ein zartes Olivenbäumchen haben wir hinzugedichtet. Ohne jeden sprachpolizeilichen Begleitschutz trifft so eine junge syrische Frau auf die geballte Symbolik von Männlichkeit und Deutschtum. Und bedankt sich sogleich für die freundliche Aufnahme. Ich finde, eine  wahrhaft hoffnungsstiftende Geschichte in diesen Zeiten. Wäre da nicht im Gästebuch dieser eine, arglos nachgeschobene Satz: „I’m trying to learn the German language.“

 

 

 

Der moderne Aberglaube

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Wir stecken alle unter einer Decke. Regierung, Parteien, Polizei, Medien, wir alle. Verschworen aus einem einzigen Grund: um die schlimme Wahrheit in den Flüchtlingsheimen so lange mit unserem Schönsprech zu übergießen, bis nichts mehr von ihr nach außen dringt. Das ist der Refrain von Verschwörungstheorien, die sich wie Epidemien im Netz ausbreiten. Ein etwas unentschlossenes Beispiel aus diesem Genre erreichte die Redaktion per Mail.

Es geht um den „Enteignungsplan von Winsen“, mit dem eine Stadt ihre Bürger angeblich zur Aufnahme von Flüchtlingen zwingen will. Die „geheime Verschlusssache“ ist so unplausibel, dass jedem unbefangenen Leser mindestens Zweifel an der Echtheit des Dokuments kommen müssten. Aber Unbefangenheit ist derzeit ein knappes Gut. Der Schwindel wird im Internet wie eine Offenbarung gehandelt. Für Verschwörungstheoretiker ein gefundenes Fressen.

Es braucht nicht viel, und der große Komplott reimt sich wie von selbst zusammen. Die „umwerfende Nachricht aus Winsen“ könnte sich auch andernorts so abgespielt haben, denn „wie wir inzwischen wohl alle merken, wird uns viel Schlimmes aus den Flüchtlingslagern verschwiegen“, lautet der Verdacht, nein die Gewissheit unseres Lesers. Das Dementi folgt eine Mail später: „Üble Fälschung“, „bitte vernichten“. Sorry und Schwamm drüber, dass wir gerade noch Teil des organisierten Verschweigens waren. Es hätte ja sein können.

Aber warum überhaupt Winsen? Auch die Hamelner Gerüchteküche steckt voller absurder Geschichten, die im Brustton der Überzeugung erzählt werden. Zum Beispiel: Stadt und Landkreis statten Flüchtlinge mit Smartphones aus. Oder gerade neu auf Facebook: Die Flüchtlinge schütten ihre Trinkflaschen aus, um das Pfand zu kassieren. Oder kennen Sie den? Für von Flüchtlingen verübte Diebstähle leistet die Stadt Ausgleichszahlungen an einen Discounter. Warum auch nicht? Alles wird irgendwie für möglich gehalten.

Wer es für das große Verdienst der Aufklärung hält, den Aberglauben besiegt zu haben, irrt gewaltig. Die Gespenster wohnen nur einen Klick weiter.

 

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Ein Jahr Claudio Griese – eine Bilanz

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Hoffnungen auf einen politischen Neubeginn verdampfen meist schnell. Ein furioser Start schützt nicht vor der Macht der Routine, hochtrabende Ambitionen lernen schon früh den prosaischen Alltag kennen. Auch bei Claudio Griese waren die Erwartungen hochgesteckt. Doch Hamelns Oberbürgermeister wehrt sich bis jetzt dagegen, dem Muster einer von Sachzwängen ernüchterten Amtsführung zu folgen. Auch nach einem Jahr auf dem Chefposten vermittelt er den Eindruck, die Probleme in unserer Stadt ernsthaft anpacken und lösen zu wollen. Ohne großen Glanz, aber mit solider Fleißarbeit – das ist sein Stil.
Es gibt dürftige Punkte in Grieses Bilanz, aber unterm Strich kann sich das erste Jahr sehen lassen. Sein größter Erfolg ist die Konsolidierung der Finanzen. Das, was jahrelang als Hexenwerk galt, als von Bund und Land diktierte Unmöglichkeit, hat der neue OB geschafft: Er hat den Haushalt ausgeglichen. Zum Preis höherer Steuern, aber Griese hat angekündigt, diesen Kurs bei der Gewerbesteuer wieder zu korrigieren. Mit dem Abbau des chronischen Defizits hat die Stadt ihre strukturellen Probleme – die Erosion ihrer Einwohner- und Wirtschaftskraft bei unverändert hohen, in guten alten BHW-Zeiten gewachsenen Ansprüchen – noch längst nicht gelöst, aber sie verschafft sich Luft.
Grieses zweiter Erfolg lässt sich nicht messen, ist aber unbestritten. Zum Refrain seiner Politik gehört der Wunsch nach Bürgernähe. Der neue OB lässt kaum eine Gelegenheit aus, Angebote der Beteiligung zu unterbreiten – und schon das ist ein enormer Fortschritt. Anspruch und Wirklichkeit finden aber längst nicht auf allen Fluren des Rathauses zueinander. Auf dem Weg zum bürgerfreundlichen Dienstleister hat die Verwaltung noch eine gehörige Strecke vor sich.
Der dritte Erfolg: die Fusion der Sparkassen. Nicht Grieses Lieblingsthema und doch im Eiltempo erledigt. Der Reformstau aus der Ära Lippmann ist um ein wichtiges Projekt kleiner geworden, mit einem für die Stadt achtbaren Ergebnis: Der kleinere Partner bewegt sich in der neuen Sparkasse fast auf Augenhöhe zum Landkreis.
In der Wirtschaftsförderung, der Entwicklung des Weserufers, der Ausweisung neuer Baugebiete, der Zukunft der Bäder und des Rathauses sind Ansätze erkennbar, aber noch stehen hier mehr Fragen als Antworten im Raum. Gespannt sein darf man auch, wie ernst Griese die von ihm selbst geforderte Verschlankung der Verwaltung als Chef derselben nimmt.
Zu den größten Herausforderungen der nächsten Jahre gehört zudem die Unterbringung und Integration der Flüchtlinge. Hier war der OB bislang eher Getriebener als Treiber. Hameln muss aufpassen, die Entwicklungschancen, die der Briten-Abzug eröffnet hat, nicht zu verspielen.
Eine Baustelle – Hamelns größte – hat Griese bislang nicht in den Griff bekommen. Die Planung des Schulzentrums-Nord hängt weiter als millionenschwere Hypothek in der Warteschleife. Sparwillen bekundet hat der OB, aber ernsthafte Einschnitte in das Bauprogramm sind noch nicht erkennbar. Dabei wäre Tempo angebracht. Die Zeit für unpopuläre Entscheidungen schwindet, je näher die Kommunalwahl im nächsten Jahr rückt.

Mein lieber Herr Lück,

2015-10-23 10_45_29-10.09.15 Abgelehnter Leserbrief an die Dewezet – hier ist die verwehrte Öffentli

auf der Webseite der Alternative für Deutschland, Kreisverband Weserbergland, schwingen Sie sich zum Robin Hood der Pressefreiheit auf. Sie veröffentlichen einen Leserbrief eines „besorgten Bürgers“, der von der Dewezet „abgelehnt“ worden sei. Eine „verwehrte Öffentlichkeit“ kommt also nun endlich durch Sie ans Licht! Es gibt nur einen Haken an Ihrer Geschichte: Sie stimmt nicht. Der Leserbrief wurde veröffentlicht. Es war sogar ihr eigener.

Sie nehmen es offenbar mit der Wahrheit nicht so genau. In dieser Hinsicht möchten wir (von Ihnen fast liebevoll als „Mainstream-Medien“ apostrophiert) uns auch weiterhin von Ihnen unterscheiden. Zum freundlichen Nachlesen füge ich unsere Leserbriefseite vom 24. September bei. Nun werden Sie sagen: Ja, aber der Brief wurde immerhin gekürzt. Das stimmt. Und ich möchte es Ihnen gerne begründen. Die Passage über ihre Mitarbeiterin enthält Tatsachenbehauptungen, für die nicht Sie als Autor, sondern wir als Verbreiter rechtlich haften. Deshalb weisen wir bei Leserbriefen generell darauf hin, dass wir gerne Meinungen veröffentlichen, aber keine Tatsachenbehauptungen, denn wir können nicht jede Darstellung in Briefen überprüfen. Das müssten wir aber, als ein der Wahrheit verpflichtetes Medium. Ich weiß, das ist schwere Kost in diesen Zeiten.

2015-10-23 13_10_54-Tageszeitung, Ausgabe_ 090100 - Dewezet Hauptausgabe, vom_ Donnerstag, 24. Septe

In eigener Sache

2015-09-25 15_46_30-Epaper - Internet Explorer

Wir haben viel diskutiert in den letzten Tagen in der Redaktion. Darüber, wie wir die „Wirklichkeit“ in der Flüchtlingsfrage möglichst umfassend abbilden können. Wir wissen, dass es nie nur eine Wirklichkeit gibt. Aber erreichbar ist immerhin eine Vielfalt an Standpunkten. Vorausgesetzt, wir wenden nicht aus wohlmeinender Furcht, Vorurteile und Ressentiments zu bedienen, zu früh den Blick ab. Das sollten wir nicht tun. Wir sind Journalisten und sollten schreiben, wie es ist.

Was heißt das? Das heißt, dass wir in dieser Woche auch darüber berichtet haben, dass ein Obdachloser vor dem Tor der Flüchtlingsunterkunft lauthals Alarm schlägt, weil er sich auch als Opfer sieht und sein Schicksal gegen das der Flüchtlinge aufrechnet. Wir lassen ihn zu Wort kommen, geben ihm eine Stimme, obwohl er Wasser auf die Mühlen der Neidrhetorik gießt, die sich derzeit gegen Flüchtlinge wendet. Aber seine Stimme ist Teil der Wirklichkeit. Und damit Teil der Berichterstattung.

Und wir wissen, dass die Woge der Hilfsbereitschaft nur die halbe Wahrheit ist. Auf der anderen Seite der Medaille werden Sorgen und Ängste sichtbar, die viele Menschen umtreiben – im Stillen oder dauerempört auf Facebook. Wir wenden uns auch diesen Themen zu, versuchen eine Einordnung. In der heutigen Ausgabe geht es um die Perspektiven auf dem Wohnungsmarkt, demnächst um die Angst vor Wohlstandsverlusten. Nehmen uns die Flüchtlinge tatsächlich etwas weg? Viele Menschen bewegt diese Frage – wir greifen sie auf, suchen nach Antworten. Ohne jede Voreingenommenheit gegenüber den Menschen, die der Not entflohen sind. Aber auch ohne Tabugrenzen und überschießende Sozialromantik.

2015-09-25 14_52_43-Tageszeitung, Ausgabe_ 090100 - Dewezet Hauptausgabe, vom_ Freitag, 25. Septembe

Beitrag auf dewezet.de: http://goo.gl/Olua7F

 

Vorbilder ehren, das geht irgendwie anders…

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Ich bin beileibe kein Freund übertriebener zeremonieller Rührseligkeit. Es muss nicht immer der leuchtend rote Teppich sein. Aber selten fällt eine Ehrung so trostlos aus wie am Sonntag die Verleihung des Zivilcourage-Preises in Hameln. Weitgehend unter Verzicht auf Publikum, einsam unter dem Dach des Weserberglandstadions, verteilten die Verantwortlichen Urkunden in gelochten Klarsichthüllen. Verglichen damit ist jede Siegerehrung bei Bundesjugendspielen ein glamouröses Schauspiel. Vielleicht hätten ein paar anerkennende Worte des Oberbürgermeisters die Szene noch retten können, aber selbst die klassische Sonntagsrede fiel aus: Die Stadt schickte nur eine Vertretung der Vertretung. Die Preisträger haben mehr verdient, einen würdevollen Rahmen! Wenn es um Zivilcourage geht, kann die Bühne eigentlich nicht groß genug sein.

 

Adventskranztypen

2015-08-27 15_30_19-Vorabinfo_  Welcher Advents(kranz)typ sind Sie_

In meiner Morgentasse dampft Kaffee, niemals würde ich ins Lager der Teetrinker überlaufen. Im Sommer muss es Weißwein sein, im Winter Rotwein, nicht umgekehrt. Und ja, ich führe Debatten darüber, dass Besteck klingenabwärts in die Spülmaschine gestellt wird, nicht klingenaufwärts. Man mag das für festgefahren halten, aber ich finde, Verlässlichkeit ist in unserer Gesellschaft ein unterschätzter Wert. Sagen wir, ich habe mich in solchen Dingen einfach gefunden. Dachte ich jedenfalls. Bis in meinem Mailpostfach die Frage einschlug: „Welcher Adventskranztyp sind Sie“? Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, ob es wichtig wäre, eine zu haben. Adventskränze haben so viel mit meinem Leben zu tun wie das Telefonbuch von Shanghai. Und trotzdem stellt mir die „Gütegemeinschaft Kerzen“, die unbarmherzige PR-Schmiede der Branche, alle zwei Wochen die Frage, ob ich eher der „klassisch-traditionelle“, der „extravagant-glamouröse“ oder doch der „innovativ-moderne“ Adventskranztyp bin. Muss ich mich da wirklich festlegen? Jetzt schon? Für das doch sehr vor-weihnachtliche Anliegen haben die Kerzenmenschen sogleich eine Entschuldigung parat: Aufgrund der „längeren redaktionellen Vorlaufzeiten“ würden wir doch sicher bereits jetzt an weihnachtlichen Themen arbeiten. Hieß es im August und heißt es seitdem in jeder neuen nervtötenden Mail. Ich möchte euch, den durch den Kalender irrlichternden Kerzenmenschen, an dieser Stelle endlich einmal eine Antwort zukommen lassen. Ja, wir planen weit voraus. Zum Beispiel denke ich an nichts anderes mehr, als diese Mail in wenigen Augenblicken auszudrucken und zu einer schönen Papierkugel zu formen. Und, ihr ahnt es nicht, dann zünde ich eine Kerze an. Ich bin eher der destruktiv-pyromanische Typ.