All posts by Frank Werner

About Frank Werner

Frank Werner war bis März 2016 Chefredakteur. In seinem Blog hat er sich den bemerkenswerten und absurden, bedeutenden und sinnfreien Phänomenen des Redaktionsalltags gewidmet.

Liebesgrüße aus Salzhemmendorf

Highway Signpost "Shitstorm"

„Is doch immer so das die nur scheisse labern“, erleichtert sich eine Besucherin auf unserer Facebook-Seite. „Bild Nivou“ lautet ein anderer, orthografisch ebenfalls etwas unentschlossener Eintrag. Oder kurz gesagt: „Dreckszeitung“. Die Komplimente galten uns, der Dewezet. Was war geschehen?

Nach dem Brandanschlag in Salzhemmendorf hat die Redaktion nach Antworten gesucht: Wer macht so etwas? Was sind das für Typen? Profile in den sozialen Netzwerken geben darüber Aufschluss. Sie lassen erkennen, wie ihre Urheber sich selbst inszenieren, wie sie öffentlich gesehen werden möchten. Facebook ist ein großes Schaufenster. Unter anderem zitierten wir aus einer Konversation zwischen Sascha D. und Dennis L. aus dem Jahr 2013, die zeigt, wie selbstverständlich die Tatverdächtigen einer Sprache der Gewalt frönten. „Schlagt sie tot“, sagt der eine mit drei Ausrufezeichen, „für manche Menschen hätte eine Dusche aufbleiben sollen“, entgegnet der andere. Wer totgeschlagen oder vergast werden soll, bleibt unklar. Die Redaktion wies darauf hin, dass dies aus dem auf Facebook sichtbaren Dialog nicht hervorgeht.

Und dann geht die Post ab. In den Kommentarspalten empört man sich gewaltig, die mutmaßlichen Täter seien doch gar keine Nazis, und überhaupt: Man dürfe nicht über sie schreiben, wenn man sie nicht persönlich kenne. Immerhin, jetzt war klar, woher der Shitstorm weht: vor allem aus dem Dunstkreis von Dennis L. und Sascha D., befeuert mitunter von echten Geschwistern im Geiste, inklusive NPD-Like auf der eigenen Seite. Der Schwall der Entrüstung mündete in dem Argument: Totgeschlagen werden sollten doch nur diejenigen, die giftige Hundeköder auslegen, keine Flüchtlinge, das müsse man doch auch als dummlabernde Lügenpresse begreifen.

Ehrlich gesagt:  Wir begreifen es nicht. Es ist uns sogar ziemlich egal, wer hier zur Strecke gebracht werden sollte: Tiermörder, Kinderschänder, wer auch immer in der rechten Szene gerade das bevorzugte Opfer ist, ausgewählt, um Applaus aus der Mitte der Gesellschaft zu erhaschen. Darum geht es gar nicht. Es geht um die Verherrlichung der Gewalt an sich, unabhängig davon, gegen wen sie sich richtet. Es gibt keine guten Totschläger, es gibt nur schlechte. Ist das so schwer zu verstehen?

Gewaltandrohungen auf Facebook sind kein Kavaliersdelikt, keine harmlose Petitesse. Der Bad Pyrmonter Tierpark-Chef kann in dieser Woche ein Lied davon singen. Auch durch verbale Selbstjustiz wird eine Grenze überschritten, die nicht überschritten werden darf. Im Volksmund nennen wir es Rechtsstaat. Ich weiß, ein schrecklich unaufgeregter Begriff für alle, die sich im Zustand wutbürgerlicher Dauerempörung befinden, aber wir werden nicht müde, ihn auch auf Facebook ins Feld zu führen. Rechtsstaat, Botón_Me_gusta.svg

 

 

 

 

 

 

Rote Karte gegen Rechts

Die Landkarte der Gewalt ist um einen Schandfleck dichter geworden. Fast jeden Tag wird irgendwo in Deutschland eine Unterkunft für Flüchtlinge angegriffen, bevorzugt in ländlichen Regionen. Jetzt auch in Hameln-Pyrmont. Der Anschlag in Salzhemmendorf reißt uns aus mancher Illusion. Es ist schmerzhaft, aber der Funke, der es einst gewesen ist, wird zum Flächenbrand.
Fremdenfeindliche Hetze im Internet führt nicht automatisch zu Brandanschlägen, aber sie stigmatisiert, senkt Hemmschwellen, erzeugt ein Klima der Aggression. Es reicht nicht mehr, sich genervt aus solchen Debatten zurückzuziehen. Wir müssen den dumpfen Ressentiments und Sündenbock-Reflexen entgegentreten. Flagge zeigen für Toleranz und Rechtsstaat. Nicht defensiv, sondern mit allem Selbstbewusstsein. Denn wir sind die Mehrheit.
Auch Anfang der 1990er Jahre mussten Flüchtlinge in Deutschland um ihr Leben fürchten, nicht nur in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, auch in Mölln und Solingen. Doch anders als damals gibt es heute eine breite, fühlbare Solidarität mit Flüchtlingen. Die amtlichen und ehrenamtlichen Helfer auch in unserem Landkreis können die vielen Hilfsangebote kaum noch bewältigen. Die enorme Aufnahme- und Hilfsbereitschaft der Menschen ist ebenso Teil der Wirklichkeit, gerade an einem entsetzlichen Tag wie heute sollte sie nicht in den Hintergrund treten.
Aber es geht spätestens seit heute nicht mehr nur darum zu spenden. Wir müssen aufstehen und dem rechten Parolengeschmetter die rote Karte zeigen.

 

 

Mein lieber Herr Pardey,

Schfer und Herde

Fotolia

Ihre Presseerklärung, mit der Sie auf unseren Beitrag „Ein Hobby-Schäfer will ins Rathaus“ reagieren, hat uns einigermaßen überrascht. In besagtem Artikel berichten Sie freimütig über ihr Vorhaben, mehrere Sprossen der Karriereleiter auf einmal zu nehmen. Sie werfen ihren Schäferhut (und einige andere Hüte aus Bau und Handwerk) in den Ring, um Erster Stadtrat zu werden oder wahlweise auch „nur“ Dezernent im Rathaus. So weit, so ambitioniert. Jetzt aber beschweren Sie sich, dass durch unseren Bericht die Vertraulichkeit gebrochen und durch „teils herabsetzend wirkende Formulierungen“ ihre Chancen auf berufliche Neuorientierung geschmälert worden seien. Das wundert uns schon. Immerhin haben Sie der Autorin des Beitrags selbst mit viel Ausdauer erklärt, warum Sie keine einschlägigen Referenzen benötigen, um der Richtige für die hohen Ämter zu sein. Und haben um alles andere als um Vertraulichkeit gebeten. Und nun sagen Sie, ihre Chancen seien gemindert, weil ihre Qualifikationen nicht vollumfänglich gewürdigt wurden. Sie kündigen sogar an, Fachaufsichtsbeschwerde bei der Stadt einzulegen. Ehrlich gesagt fehlte uns für eine ganz und gar ernsthafte Betrachtung Ihrer Bewerbung ein wenig die Fantasie. Aber wir versuchen es trotzdem einmal: Als Schäfer verfügen Sie über langjährige Erfahrung in einer leitenden Funktion, können ein großes Team durchsetzungsstark führen und sind es gewohnt, ihre repräsentativen Pflichten in angemessener Kleidung zu erfüllen. So in etwa? Die Dienstaufsichtsbeschwerde sonst bitte direkt an mich!

Brief

Lobhudelei der Woche

Verbreiten sich Vorgesetzte öffentlich über scheidende Mitarbeiter, ist die Wahrheit oft nicht ihr dringendstes Anliegen. Nicht selten versteckt sich hinter „persönlichen Gründen“ giftiger Streit, und eine „neue Herausforderung“ sucht meist, wer an der alten gescheitert ist. Im Fall von Gaby Willamowius liegen die Dinge anders. Hamelns Stadträtin geht aus freien Stücken – und sie wird mit Lob nur so überschüttet. Lob für ihre hervorragenden Leistungen, für ihr gewaltiges Arbeitspensum, für den „frischen Wind“ im Rathaus, den der Oberbürgermeister persönlich verspürt haben will. Es regnet so viel Lob von der Stadt, dass man fast versucht ist, das monatelange Theater um ihre ausdrückliche Nicht-Nominierung zur Stellvertreterin des Oberbürgermeisters zu vergessen. Schwamm drüber!

Willamowius11Die Redaktion hat sich von Echtheit der vorliegenden Pressemitteilung überzeugt und veröffentlicht das denkwürdige Dokument hier in voller Länge. Ein kleiner Leitfaden dafür, wie man richtig lobt. Wer dagegen eher auf Understatement oder dezente Ausgewogenheit steht: Anschnallen, bitte!

Die Pressemitteilung der Stadt:

Abschied Stadträtin Gaby Willamowius

Just do it!

Erst vor zwei Wochen hat die Dewezet ihr „Kümmerer“-Portal freigeschaltet, und schon steht sie vor der ersten echten Bewährungsprobe. Hilflos blickt eine Hamelnerin auf einen Altkleidercontainer, den ein Unternehmen einfach auf ihrem Grundstück aufgestellt hat. Nicht ganz hilflos. Die Dewezet berichtet über den skurrilen Fall – und verspricht: Wir transportieren den Container ab! Weil sich das Unternehmen seit Monaten taub stellt, wird die Blechkiste jetzt auf Dewezet-Gelände geparkt. Just do it. Lesen Sie den neuesten Artikel hier.

2015-07-16 17_58_19-Epaper - Internet Explorer2015-07-16 17_59_18-Der Container kommt weg! - Startseite - DEWEZET - Deister- und Weserzeitung - De

Wir kümmern uns! Nicht immer, in dem wir den Schrotthändler bestellen, aber indem wir Ihre Anmerkungen aufnehmen, Ihren Fragen nachgehen. Und sie bei weitergehendem Interesse zum Gegenstand eines Berichtes machen. Nicht immer sofort, dafür erhalten wir momentan zu viele Hinweise. Aber wir kommen darauf zurück.

Besuchen Sie uns auf dem Kümmerer-Portal auf dewezet.de:

2015-07-16 13_51_04-Dewezet.de - Kümmerer - Internet Explorer

 

 

Liebe Lömö,

mitten hinein in unsere Redaktionskonferenz platzte heute Ihre Mail, Frau Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, kurz „Lömö“, die ich hier der Vollständigkeit halber zitieren möchte. Sie schreiben: „Liebe Redaktion, Glückwunsch zur Titelseite. Endlich mal die richtige Gewichtung. Für mich ergibt sich folgende logische Reihung: Kaiserwetter in Fernost – Bald Sport auf Tündernsee – Von der Leyen: Wir werden noch viele retten müssen. Lömö grüßt aus Berlin.“

Selbstverständlich, liebe Frau Lösekrug-Möller, wird in einer Redaktion so gut wie nichts dem Zufall überlassen. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, der gestrenge Geschäftsverteilungsplan Ihres Ministeriums beruhe auf größerem Zufall als unsere nächste Ausgabe. Und doch kommt es vor, dass Beiträge einer Seite unvermittelt miteinander zu „sprechen“ beginnen. Dass Seiten ein gewisses Eigenleben entwickeln und Redakteure damit in Erklärungsnot bringen. Noch immer fällt mir das dickrot durchgekreuzte Steak ein, das einmal einen Leserbrief zum Veggie-Day illustrierte – direkt neben der Anzeige der „Grill Arena“. Um Gesprächsstoff musste sich danach niemand mehr sorgen: Nein, es sei keine böse Absicht gewesen, nein, die Redaktion sei kein Verein von Kampfveganern.

Im aktuellen Fall verweise ich auf unsere andere Titelseite,  die Pyrmonter Nachrichten mit dem Zweiteiler zum Bundeswehreinsatz im Mittelmeer, den Sie, Frau Bundestagsabgeordnete, womöglich noch gar nicht kennen. Oben der Pyrmonter Retter, unten der Rettungsappell der Ministerin. Alles hängt eben mit allem zusammen.

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Super-Nanny: Mensa-Begeisterung, los jetzt!

Wenn sich wohlmeinende Politiker darüber grämen, dass die Wirklichkeit ihren Idealen nicht gehorcht, ist meist Gefahr im Verzug. So wie in diesem Fall: 130 000 Euro soll der Versuch kosten, doch noch den mensabegeisterten Schüler zu erschaffen. Der Super-Nanny-Staat, der aus uns allen bessere, gesündere und glücklichere Menschen machen möchte, und häufig das Gegenteil erreicht, wird zum Investitionsgrab. Und es spielt keine Rolle, dass es „nur“ um Stiftungsgeld geht. Was ließe sich nicht an sinnvollen Projekten mit dem Geld finanzieren? Beim Thema Mensa könnte man gut aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Mensa, Schiller, Foto: Dana

. Schöne leere Mensa (am Hamelner Schiller-Gymnasium). Foto: Dana

Die vielen Steuer-Millionen, die Kommunen in schmucke Schulmensen gesteckt haben, sie haben die Schüler eben nicht umerziehen können. Die meisten finden Mensen nach wie vor so attraktiv wie lauwarmen Bohneneintopf. Doch statt das eigene Scheitern zu akzeptieren, legt die Stadt noch einen drauf und will mit gehörigem Aufwand „positive Essenserfahrungen“ schaffen. So als könne man solche Erfahrungen bestellen wie den Hauptgang aus der Menükarte. Als seien Pizza und Burger mit dem hocherhobenen pädagogischen Zeigefinger auszutreiben. Gesundes Essen ist wertvoll, keine Frage, aber die Vorstellung, jeden zu seinem Glück zwingen zu können, war schon immer ein Irrtum. Vielleicht ist es ja gerade der Freiraum, sich außerhalb des schulischen Angebots zu bewegen, der die Pizza so lecker schmecken lässt? Zugegeben: Für Erziehungsidealisten ist das ein sperriger Gedanke.

Die Original-Pressemitteilung der Stadt:

Gesundes Essen in der Schule

 

Der „sonntag“ kommt!

Die Wirklichkeit ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Nehmen wir den Fußball: Der Experte am Bildschirm stoppt die Spielszene und zeichnet den Laufweg ein, der nicht gelaufen wurde. Und plötzlich steht der ehemals flinke Außenstürmer ziemlich flügellahm da. Das in etwa ist Augmented Reality – die Erweiterung der Wirklichkeit. Darum – und um George Clooney, George Clooneys Frau und vieles mehr – geht es in unserem neuen Wochenend-Magazin „sonntag“, das am 27. Juni Premiere feiert:  acht Seiten stark, opulent gestaltet, mit reichlich spannendem Lesestoff! Und mit einer App, die über die gedruckte Wirklichkeit hinausführt, die Bilder in Bewegung bringt, die Zeitung sprechen lässt. Lassen Sie sich überraschen!

2015-06-26 19_00_59-Sonntag.pdf - Adobe Reader

 

Ein anrührender Abend

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. Buchvorstellung bei der Dewezet (v.l.): Olga Barbesolle, ihre Tochter Hélène Coupé und Stadthistoriker Bernhard Gelderblom.

Olga Barbesolle kam 1942 als Zwangsarbeiterin nach Hameln. Mit 17 Jahren schnitt das deutsche Besatzungsregime in ihr Leben, Familie und Heimat blieben in der Ukraine zurück. Gestern kehrte die heute 90-Jährige nach Hameln zurück, besuchte die Dewezet, um ihre ins Deutsche übersetzten Erinnerungen an die Zeit der Zwangsarbeit vorzustellen. Ohne Groll, ohne Anklage, dafür mit viel Humor und scharfem Sinn für die Gipfel und Abgründe menschlicher Existenz. Am Ende donnerte Applaus durch den Vortragssaal. Kein einziger Platz war unbesetzt geblieben. Das Interesse an der Zeitzeugin, an ihrer und an unserer Geschichte, war riesengroß. Alles schon so lange her, alles schon so oft gehört? Geschichtsvergessenheit wird dem Zeitgeist gerne unterstellt, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Auch deshalb war es ein anrührender Abend.  

Les Sans-Amour – Die Ungeliebten. Erinnerungen der ukrainischen Zwangsarbeiterin Olga Barbesolle an ihre Jahre in einem Hamelner Rüstungswerk 1942-1945, Holzminden 2015.

 

 

 

Und es war Sommer

Als Dankeschön für die weiterführenden Hinweise, die uns heute zum Thema „Schmelzpunkt des Schnees“ erreicht haben, und um der grassierenden Grippewelle keinen Vorschub zu leisten, sei an dieser Stelle ein Hinweis in eigener Sache erlaubt. Die heute veröffentlichten hochsommerlichen Temperaturprognosen stimmen nicht vollumfänglich mit den tatsächlichen Minusgraden überein! Sollten Sie also gerade dabei sein, in Badehose das Haus zu verlassen, wir übernehmen keine Gewähr. Und natürlich bitten wir um Entschuldigung. Obwohl, man könnte gut und gerne darüber streiten, ob nicht zumindest eine Teilschuld beim Wetter liegt. Immerhin beginnt kommende Woche, wir haben das überprüft, meteorologisch der Frühling.

Aber der Grund, warum die Vorschau so überhitzt ins Blatt gekommen ist, liegt ganz woanders. Zwei Zeilen darüber verspricht eine Anzeige von Hägers Ofen-Fachgeschäft „Wärme in ihrer schönsten Form.“ Wer kann sich diesem Gedanken an einem trüben Februarnachmittag schon ganz verschließen? Allen Realisten empfehlen wir erst wieder den morgigen Wetterkasten – wärmstens!

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