Alle Beiträge von Julia Niemeyer

Julia Niemeyer

Über Julia Niemeyer

Julia Niemeyer ist Chefredakteurin der Dewezet und Soziologin.

Bilder im Kopf


Eine Woche ist vergangen, seit ich aus Idomeni zurückgekehrt bin, und noch immer ist der Kopf voller Bilder und Fragen. Wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet, rede ich. Fange an bei den Dingen, die ich gesehen habe, berichte über meine Eindrücke und ende immer am selben Punkt. Weil das der Punkt ist, der mich als Journalistin am meisten beschäftigt: Was war meine Rolle bei alledem?

Es sind nicht die weinenden Kinder, die schmutzigen Zelte, die Steinewerfer am Zaun, die mich am stärksten bewegen. Was mich nicht loslässt, ist mein eigenes Tun in Idomeni, vor allem aber sind es die Reaktionen, die es hervorgerufen hat. Die Fotos und Videos, sogar die persönlichen Gedanken, das ich veröffentlicht habe, gehörten plötzlich nicht mehr mir, sondern anderen. Sie sahen Dinge darin, die ich nicht gesehen und auch nicht gemeint habe. Ein paar Zelte: Menschenunwürdige Zustände. Ein weinendes Kind: Lügenpresse-Propaganda. Beides konnte ich selbst auf meinen Bildern nicht erkennen.

Interpretiert wurden aber nicht nur die Fotos, sondern auch der Mensch dahinter: Eine kaltherzige Miesmacherin. Eine naive Träumerin. Eine Verbündete. Eine Hetzerin. Das „bin“ ich also. Das „war“ ich auch schon früher, bei anderen Themen, und es hat mich nie (grundsätzlich) ins Grübeln gebracht. Diesmal tut es das. Das Thema ist zu wichtig und zu sensibel, um über irgendetwas mit den Schultern zu zucken.

image image

image

Ich betrachte meine eigenen Aufnahmen und frage mich, ob ich es hätte besser machen können. Mir fällt nichts ein. Es war meine Aufgabe zu zeigen, was passiert. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich die wütende Menge am Zaun fotografiert habe – und nicht die hundert Meter freies Feld in meinem Rücken. Das weinende Kind – und nicht die Frau, die unbekümmert lächelnd vor ihrem Verschlag sitzt. Ich habe gezeigt und beschrieben, was mir in der jeweiligen Situation als wichtig erschien. Vielleicht war das nicht genug, um ein glaubwürdiges Bild zu vermitteln.

In den Tagen vor den Ausschreitungen habe ich fröhliche Gruppentänze, Wäscheleinen, lange Warteschlangen und düstere Kabuffs abgelichtet, in denen Menschen wohnten. Ich wollte darüber berichten, was tatsächlich war, und nicht über das, was ich erwartet hatte. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, aber so war der Ansatz.

image  image  image

Als uns eine Helferin erzählte, dass die Kinder – angeblich auf Anweisung einer Gruppe aus dem Lager – während der Demonstration in den Zelten bleiben sollten, damit die ausländischen Fotografen keine „schönen“ Bilder aus Idomeni zeigen, war ich empört – und filmte erst recht ein paar Kinder am Rande der Demo. Als ich sah, wie geordnet sich der Zug formierte, wie er einer festgelegten Choreografie zu folgen schien und die Menschen an seiner Spitze vor Kameraleuten posierten, war ich wachsam und misstrauisch und suchte einen Standort, der außerhalb des Fokus lag. Als uns jemand im Befehlston mitteilte, was wir nicht filmen sollten, wechselte ich zum Livestream, um – falls nötig – mein Video schon online zu veröffentlichen, bevor mir jemand die Kamera wegnehmen konnte.

image

image

Ich bestand darauf, keine Kinder in der Nähe des Zauns gesehen zu haben, als das Tränengas explodierte, obwohl andere beharrlich das Gegenteil behaupteten. Ich schrieb über die große Masse der Besonnenen, die sich nicht an den Auschreitungen beteiligten. Ich erwähnte Steinewerfer genauso wie ich Kinder fotografierte, die ärztlich behandelt werden mussten. Ich versuchte zu erklären, dass das, was ich sah, kein „Krieg“ war. Genau wie das, was ich in den Tagen davor gesehen hatte, in meinen Augen zwar Not, aber keine „humanitäre Katastrophe“ darstellte. Und auch das habe ich geschrieben.

Vielleicht reicht all das nicht aus, um ein realistisches Bild zu vermitteln, auf das man sich unvoreingenommen einlassen kann. Ohne das Gesehene bei jeder Abweichung von der eigenen Meinung sofort in toto in anzuzweifeln. Für wahrscheinlicher halte ich allerdings, dass Objektivität schon deshalb nicht möglich ist, weil Sender und Empfänger verschiedene Personen sind. Meine eigenen inneren Konflikte, die Abwägungen und Überwindungen, die Schlüsse, die ich gezogen habe, lassen sich nicht in Bilder und offenbar auch schlecht in Worte fassen. Dasselbe gilt für den Betrachter. Und dies umso mehr, je eindeutiger er schon darüber entschieden hat, was er glauben will – und was nicht.

Was ich in Idomeni gelernt habe, ist, dass Bilder tatsächlich in Köpfen entstehen. Man sieht sie mit den Augen, aber der Kopf und das, was schon darin ist, entscheiden darüber, was der Betrachter wahrnimmt. Alles weitere ist ein Verhandlungsprozess über Faktenlage, Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit – der meiner Meinung nach bei der journalistischen Arbeit eine viel wichtigere Rolle spielen sollte als er es im Augenblick tut. Was zeige ich und was wird gesehen? Wie reagieren Menschen auf meine Darstellung? Habe ich etwas übersehen oder (unabsichtlich) verzerrt? Was fehlt?

Durch die Beantwortung von Leserfragen zur Situation vor Ort haben wir versucht, uns so weit wie möglich auf die Interessenlage des Publikums einzustellen und uns bei allem, was wir taten, davon leiten zu lassen. Auch in den Blogbeiträgen, auf der Dewezet-Facebook-Seite sowie auf unseren persönlichen Facebook-Profilen und Twitter-Accounts haben wir uns fortlaufend um aktuelle Informationen und Antworten bemüht. Ergänzend dazu stelle ich hier nun mein Videomaterial von den Zwischenfällen vom 10. April 2016 in voller Länge ein und beschreibe anhand dieses Beispiels, was man sieht, was man nicht sieht und was man darin sehen kann („Meine Interpretation“). Für mich ist dies ebenfalls Teil eines Prozesses namens „Berichterstattung“, den ich in diesem Fall so transparent wie möglich gestalten will.

Erste Szene: Man sieht Frauen, Kinder und Männer mit Gepäck, die langsam laufen. Was man nicht sieht, sind die Zeltplätze, die sie aufgegeben haben. Sie liegen links der Szene. Meine Interpretation war, dass die Leute tatsächlich die Hoffnung hatten, an diesem Tag die Grenze zu passieren und dafür einen „sicheren“ Schlafplatz aufgegeben haben.

Zweite Szene: Man sieht Demonstranten und eine Gruppe von Männern, die ein Zelt beiseite tragen. Davor Polizeibusse, die den Zugang zur Grenze blockieren. Was man nicht sieht: Die große Zahl von Demonstranten, die sich schon auf den Gleisen versammelt hat. Meine Interpretation: Das Zelt wird entfernt, um bessere Bedingungen für die Fotografen zu schaffen. Ebenfalls denkbar: Das Zelt wird entfernt, damit bei einem eventuellen Sturm auf den Grenzübergang nichts im Weg steht.

Dritte Szene: Ein Hubschrauber fliegt über die Menge. Aufklärungsflug?

Vierte Szene: Ein Mann steht vor den Fotografen und Kameraleuten, ruft und hält ein Buch in die Luft. Was man nicht sieht: Wenig später wird er von anderen Demonstranten beiseite gedrängt. Meine Interpretation: Ein unerwünschter Quertreiber, der die Gunst der Stunde nutzt, um den Koran in die Kameras zu halten. Für mich ebenfalls denkbar: Ein religiös motivierter Einpeitscher, der die Menschen auf seine Sache einschwört. Dabei weiß ich nicht einmal, ob es wirklich ein Koran war.

Fünfte Szene: Man sieht Kinder, die unmittelbar neben dem Demonstrationszug vor ihren Zelten spielen, Erwachsene, die scheinbar unbeteiligt daneben stehen. Meine Interpretation: Nicht alle Bewohner des Lagers bereiten sich auf einen Marsch auf die Grenze vor. Vielleicht glauben sie nicht an einen Erfolg oder wissen nicht, dass außer einer Demonstration auch noch weitere Aktionen geplant sind.

Sechste und siebte Szene: Man sieht, wie sich der Zug ruhig in Bewegung setzt und ungehindert an den Polizeibussen vorbei in Richtung Feld läuft. Keine Attacken auf die Busse, kein Eingreifen der Polizei. Man hört Jubel und Pfiffe, im Hintergrund steigt Rauch auf. In der zweiten Szene sieht man die Menge, die auf das Feld vor dem Grenzzaun läuft. Was man nicht sieht: Die Polizisten stehen nur auf der feldabgewandten Seite neben den Bussen. Sie tragen Helme, aber keine Handschuhe. Meine Interpretation: Der Marsch auf die Grenze ist keine spontane Aktion. Der Ablauf ist geplant und die Polizei vor Ort scheint nicht überrascht zu sein. Ebenfalls denkbar: Zuwenig Einsatzkräfte vor Ort, um einschreiten zu können. Deeskalationstaktik?

Neunte Szene: Man sieht Männer, Frauen und Kinder, die das Geschehen auf dem Feld beobachten. Viele tragen Gepäck bei sich. Meine Interpretation: Viele wollen über die Grenze, aber nur wenige beteiligen sich an den Attacken auf den Zaun. Vielleicht verfügen nicht alle über dieselben Informationen. Ebenfalls denkbar: Es handelt sich um Schaulustige.

Zehnte Szene: Man sieht eine Gruppe, die einen Verletzten umringt. Sein Gesicht ist gerötet, die Umstehenden versuchen, mit Zitronensaft und Cola das Tränengas zu neutralisieren. Was man nicht sieht: Es gibt hier plötzlich viele Zitronen, außerdem reiben sich einige die Gesichter dick mit weißer Creme ein. Sehr schnell sind auch (behelfsmäßige) Tragen zum Bergen der Verletzten und Decken, mit denen die qualmenden Granaten erstickt werden, auf dem Feld. Meine Interpretation: Die Demonstrationsteilnehmer sind vorbereitet auf den Einsatz von Tränengas. Ebenfalls denkbar: Die Selbstorganisation funktioniert auch in dieser Situation sehr gut und schnell.

Elfte Szene: Ein Mann läuft zum Notarztwagen. Auf dem Arm trägt er ein weinendes Kind. Er kommt nicht vom Feld, sondern aus Richtung Lager. Was man nicht sieht: Wie das Kind anschließend von medizinischem Personal behandelt wird. Meine Interpretation (nachdem ich bei drehendem Wind selbst Gas abbekommen habe, das bis zu den Zelten wehte): Das Kind wurde nicht auf dem Feld verletzt. Ebenfalls möglich: Das Kind war zwischen den Demonstranten auf dem Feld und wurde, vielleicht aus Unwissenheit, erst auf einem Umweg zum Notarzt getragen. Auch denkbar: Auf der anderen Seite des Lagers, außerhalb meines Blickfeldes, ist eine Granate zwischen den Zelten eingeschlagen.

Zwölfte Szene: Die Demonstranten sind weniger geworden und konzentrieren sich auf einen Bereich in der Nähe des Grenzübergangs. Hier steigt schwarzer Rauch auf. Außerdem sieht man Menschen, die das Geschehen passiv verfolgen. Meine Interpretation: Die Ausschreitungen nähern sich dem Ende, die Mehrzahl der Teilnehmer hat aufgegeben.

Dreizehnte Szene: Hinter dem Zaun fährt ein Panzer in Richtung Grenzübergang. Man sieht einige Grenzschützer an der Stelle, wo es Flüchtlingen gelungen ist, den Zaun zu durchbrechen. Jetzt gibt es an dieser Stelle keine Attacken mehr. Von dem Vorfall selbst habe ich bis dahin nicht mitbekommen. Meine Interpretation: Die Soldaten/Polizisten wollen mit allen Mitteln einen erneuten Durchbruch verhindern.

Vierzehnte Szene: Ein Hubschrauber steigt über dem Zaun auf, fliegt an der Grenze entlang und dreht schließlich ab. Meine Interpretation: Das Manöver wirkt wie eine Drohgebärde, die den letzten aktiven Demonstranten am Zaun gilt. Ebenfalls denkbar: Ein ganz normales Flugmanöver.

Fünfzehnte Szene: Noch immer attackieren Demonstranten den Zaun in der Nähe des Grenzübergangs. Man hört mehrere Explosionen hintereinander und sieht in unmittelbarer Nähe der Grenzanlagen aufsteigenden Qualm. Meine Interpretation: Der Beschuss wird noch einmal verstärkt, um die letzte Gruppe endgültig zu zerstreuen. Dabei konzentriert man sich auf die Bereiche, in denen sich viele Demonstranten aufhalten.

Sechzehnte Szene: Menschen ziehen sich eilig vom Zaun zurück. Man sieht ein qualmendes Zelt und Tränengaswolken. Meine Interpretation: Einige Granaten wurden bis an den Rand des Lagers geschossen, weil sich die Demonstranten immer wieder in diesen Bereich zurückgezogen haben. Einen gezielten Beschuss der Zelte kann ich, nach allem was ich gesehen habe, persönlich daraus nicht ableiten.

Siebzehnte Szene: Ein Rettungswagen entfernt sich mit Blaulicht und Sirene. Was man nicht sieht: Den mobilen medizinischen Posten (2 Wagen), der zwischen den Zelten hinter dem Feld eingerichtet war. Dort haben wir gesehen, wie ein kollabierter Demonstrationsteilnehmer mit mehreren Spritzen behandelt wurde. Meine Interpretation: Offenbar gab es Verletzte, die aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht werden mussten. Ebenfalls denkbar: Der Krankenwagen bahnt sich einen Weg, um das Lager (leer?) zu verlassen.

Achtzehnte Szene: Polizisten begleiten einen Mannschaftsbus, der den griechischen Grenzposten passiert. Man kann nicht erkennen, ob der Bus besetzt ist. Auch hier sieht man, dass die Polizisten keine Handschuhe tragen (in Deutschland wäre das bei einem Einsatz anders) und niemand den Bus behindert oder attackiert. Meine Interpretation: Es hat auch während der Ausschreitungen auf dem Feld keine direkten Angriffe auf den griechischen Grenzposten gegeben, der außerhalb unserer Sichtweite lag. Die Polizisten waren nicht aktiv am Geschehen beteiligt. Ebenfalls denkbar: Die Demonstranten sind zu erschöpft, um sich mit den griechischen Sicherheitskräften anzulegen.

Neunzehnte Szene: Rückzug von Demonstranten, es sind nur noch wenige auf dem Feld. Was man nicht sieht: Eine kleine Gruppe setzt die Angriffe auf den Zaun noch lange fort. Meine Interpretation: Einigen geht es (jetzt) nicht mehr ums Durchbrechen, sondern darum, ihrer Enttäuschung und ihrer Wut Luft zu machen. Ich habe allerdings den Zaun und seinen Zustand nicht aus der Nähe gesehen, vielleicht gab es noch Grund zur Hoffnung.

 

 

 

 

 

 

Die Not-Gemeinschaft

Idomeni, die Endstation. Das Lager der Gestrandeten. Die Schande, das Chaos, die Katastrophe, das Versagen. Das Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze trägt viele Titel, und alle zu Recht. Sie bezeichnen das, was Lager ist in Idomeni, und das ist das meiste. Aber Idomeni ist mehr als das. Wer begreifen will, warum das Camp nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Helfer aus aller Welt anzieht und hält – trotz Schlamm, Dreck, Lärm und Gefahr – muss sich wenigstens für Momente die Frage erlauben, was positiv ist an diesem Lager.

image

Vieles davon ist auf den ersten Blick einleuchtend: Die Nähe zur Grenze, kein Zwang, sich registrieren zu lassen. Das – angeblich – bessere Essen. Kein Militär, dessen bloße Präsenz vielen Menschen Angst einjagt. All das bietet Idomeni seinen Bewohnern, und für viele ist das wahrscheinlich Grund genug zu bleiben.

Trotzdem glaube ich mittlerweile, dass es noch andere, weniger konkrete Gründe gibt, denn Idomeni ist mehr als ein Lager. image

Worin dieses Mehr besteht, kann man ansatzweise erkennen, wenn man für einen Moment die Filter ausschaltet, die den Beobachter zwingen, das Leben im Lager als Elend wahrzunehmen. Man sieht dann nur noch Leben – und davon eine ganze Menge. Zwischen den Zelten, in den Gemeinschaftseinrichtungen und auf den Wegen entlang des Camps herrscht buntes, lautes, lebendiges Miteinander. Mitten in der Not und vielleicht gerade deshalb lebendiger als alles, was ich in meinem Leben bisher gesehen habe. image

image

Jenseits der Tatsache, dass Idomeni ein Elendslager ist, ist es eine Gemeinschaft, die von Ideen getragen wird. Hier würde nichts funktionieren, gäbe es keine Visionen. In Idomeni, so scheint es, wird aus den Sehnsüchten vieler Einzelner eine Wirklichkeit, der man sich kaum verschließen kann.

Man hört sie in den engagierten Worten der Helfer, die wissen, dass ihre Arbeit hier alles zusammenhält. Selbst wenn sie „nur“ Bananen verteilen. Vor dem Hintergrund des Existenzkampfes, der im Lager allgegenwärtig ist, wird jeder Handgriff wert- und sinnvoll. Wer wünscht sich das nicht?imageimage

Dieselbe Vision schwingt in vielen Erzählungen der Flüchtlinge mit, die von ihrem Alltag berichten. „Friendly“ sei hier jeder, und wenn sie „We“ sagen, meinen sie oft die ganze Gemeinschaft, die sich hier zusammengefunden hat. Die einen auf der Suche nach einem besseren Leben, die anderen entschlossen, wenigstens im Kleinen eben jene Welt zu erschaffen, die im Großen unerreichbar ist. Idomeni ist Projektionsfläche für Sehnsüchte, die wir alle kennen: Solidarität, Nächstenliebe, Sinn, Autonomie und Menschlichkeit. image

image

Das ist die andere Seite des Lagers: Idomeni, die bessere Welt – in den Augen ihrer Schöpfer. Besser als die offiziellen Lager, in denen Ordnung und Sicherheit winken, aber gleichzeitig Entmündigung droht, und offenbar wertvoller als vieles, was Menschen sonst durch Engagement erreichen zu können glauben. image

Es tut beinahe weh, daneben zu stehen und überzeugt davon zu sein, dass es so nicht funktionieren wird. Träume sind bedingungslos, die Realität ist es nicht. Schon jetzt stehen die einen kopfschüttelnd daneben, während die anderen Zäune stürmen. Es wird heißer werden, schmutziger und gefährlicher. Der politische Druck wird zunehmen. Und auch innen, wo zwangsläufig verschiedene Ideologien, Wünsche, Interessen und Ängste aufeinandertreffen, kann die Gemeinschaft zerbrechen.

image

Irgendwann, aber nicht jetzt.

Vielleicht ist das, was Idomeni – noch – zusammenhält, paradoxerweise die Tatsache, dass alle hier nichts anderes wollen als sein Ende.

„Morgen gehen wir“


Dass etwas passieren würde, war schon gestern klar. „Morgen gehen wir über die Grenze“, haben uns mehrere Flüchtlinge in Idomeni erzählt. Wir haben dann den Kopf gewiegt und meistens geschwiegen. Was soll man auch sagen, wenn einem die Hoffnung gegenübersteht? „Bald bin ich in Deutschland“, „in Schweden“, „in der Schweiz“. Morgen schon oder später. Was sie uns jedesmal erzählt haben, wenn wir mit ihnen sprachen. Hoffnung eben, Wunschdenken – und Wille, wie sich heute herausgestellt hat.image

Bis zum Abend verdichteten sich die Hinweise: Helfer berichteten von einer geplanten Demonstration. Angeblich sind Flugblätter im Lager verteilt worden. Ort und Zeit sind bekannt – und wir vor Ort, als sich die Menschen am nächsten Morgen nahe der Grenze versammeln. Entschlossen und ruhig, scheinbar gut organisiert, viele mit gepackten Taschen, geduldig im Sonnenschein auf den Bahngleisen.image

Irgendwann setzt sich der Zug in Bewegung, wie auf Kommando. Wir laufen hinterher. Sehen, wie die ersten Demonstranten Mund und Nase mit Tüchern bedecken und Kurs auf den Zaun nehmen. Ein erster lauter Knall übertönt den Lärm der Menge. Wir laufen schneller. Hunderte bleiben hinter uns zurück, als wir das freie Feld vor der Grenze erreichen. Aus sicherer Entfernung sehen sie zu, wie sich der Strom der Entschlossenen auf dem Acker verteilt und vorwärts strebt.

image

In den nächsten Minuten lerne ich viel und schnell. Dinge, die ich hoffentlich nie wieder brauchen werde. Die Flugbahn einer Tränengas-Granate abschätzen. Wo wird sie explodieren? Aus welcher Richtung weht der Wind? Wie schnell und wohin muss ich laufen, um dem beißenden Rauch zu entkommen? Und wann kann ich wieder umkehren, um das nächste Foto zu machen? Das nächste Video, den nächsten Tweet.image

image

Ich denke nicht nach, als die ersten Verletzten vom Feld getragen werden. Verwirrt sehe ich mir selbst dabei zu, wie ich den Auslöser drücke. Ein Mann mit rotem Gesicht, der japsend in der Sonne liegt. Ein weinendes Kind. Hustende Menschen. Steinewerfende Demonstranten, Panzer hinter dem Zaun, ein kreisender Militärhubschrauber. Eine Situation außer Kontrolle.

image

image

image

„They want to kill us“, sagt jemand neben mir. Ich schüttele den Kopf und schreibe meinen Tweet. „They kill us!“, seine Stimme zittert. Ich drücke auf Senden und sehe ihn endlich an. Ein junger Mann, zu jung, um soviel Angst zu haben. „They dont’t want to kill you“, sage ich, „they are afraid.“image

 

 

Die Hoffnung hält


Es gibt nicht viel, was für Idomeni spricht. Das Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze ist ein Provisorium aus wackligen Zelten und Verschlägen, die beim nächsten Regenguss erneut im Matsch versinken werden. Die Räumung ist angekündigt. Für heute, morgen oder irgendwann. Und der einzige Weg, den hier jeder gehen will, der Weg über die Grenze, ist versperrt

.image

Wir fragen uns, warum die Menschen immer noch hier sind. Warum nehmen sie keinen der Busse, die bereitstehen, um sie in die angeblich besser ausgestatteten offiziellen Lager zu bringen? Das Angebot ist bekannt, genau wie die Tatsache, dass ohne Registrierung kein legaler Weg in die Zukunft führt.

Warum also Idomeni? Das fragen wir wieder und wieder. Aber eigentlich müssen wir nicht fragen, um zu verstehen. Es reicht, den Menschen zuzusehen.

Idomeni ist eine Endstation, die keine sein will. Wir sehen fußballspielende Kinder, eine öffentliche Teeküche und ein Begegnungszentrum, vor denen die Menschen zusammenstehen und reden. Und viele freundliche Helfer, die ihr Bestes tun, um der Grenzsituation ein bisschen Normalität zurückzugeben. Tänze werden organisiert, Gruppen von Kindern spielen mit Frauen in leuchtenden Warnwesten. Es gibt kostenlosen Tee und kleine Beutel mit glitzernden Haargummis, die uns stolz präsentiert werden. Jemand verteilt Bananen und lächelt dabei.

image

„We hope“, sind die Wörter, die wir in den Gesprächen am häufigsten hören. Die Grenze werde sich öffnen. Schon morgen soll es soweit sein. „Wir warten“. „Müssen Geduld haben“. Ob sie nicht wissen, dass alles viel komplizierter ist? Sie nicken und zucken mit den Schultern.

Wir fragen eine Ärztin, die für das griechische Gesundheitsministerium in Idomeni im Einsatz ist, wie die offizielle Informationen verbreitet werden. Sie weiß es nicht. Sie weiß nur, dass niemand den Offiziellen glaubt. Glauben tun die Menschen hier anderen, die „Jemand“ heißen. Jemand hat gesagt, die Grenze werde geöffnet. Es ist leicht zu glauben, was man hofft, und tröstlich, sich diese Hoffnung gegenseitig zu bestätigen.image

Nur wenige geben die Hoffnung auf. Ein paar hundert sollen es inzwischen sein, die das Lager freiwillig verlassen und den Bus in eins der offiziellen Camps genommen haben. Eine von ihnen ist die 21-jährige Ayat aus Aleppo. Sie sei zu müde, um noch länger hierzubleiben, sagt sie, kurz bevor der Bus nach Alexandria abfährt. Die Hoffnung, über die Grenze zu kommen, hat sie aufgegeben. Die Hoffnung, irgendwann nach Deutschland reisen zu können, bleibt. In Stuttgart wartet ihr Mann auf sie. „Ich muss noch warten“, sagt sie.image

Hoffnung und Geduld sind die einzigen Dinge, die die Menschen in Idomeni im Überfluss haben. Den meisten reicht das, um zu bleiben.

 

 

Idomeni: Hundertmal „Ich weiß es nicht“

In den letzten Monaten haben mich Hunderte von Fragen zum Thema „Flüchtlinge“ beschäftigt. Fragen meiner Kinder zum Beispiel, die mir unvermittelt am Abendbrottisch gestellt wurden. Fragen, die sich in unzähligen Gesprächen mit Freunden ergaben. Aber auch Fragen von Lesern, die angesichts einer internationalen Krise, die plötzlich die eigene Haustür passiert hatte, Anteil nahmen, interessiert, besorgt und oft auch wütend waren.image

Viel zu oft war die Antwort dieselbe: Ich weiß es nicht. Zahlen lassen sich recherchieren, Ereignisse und Zusammenhänge im lokalen Kontext gut umreißen und darstellen. Alles, was eine Heimatzeitung täglich tut: Es funktionierte auch dieses Mal. Nur ist es mir dieses Mal nicht genug.

Manche Fragen, die (auch) vor Ort beschäftigen, sind zu groß, um sie aus der Ferne oder nur anhand ihrer Auswirkung im lokalen Umfeld erschöpfend zu beantworten. Sie verdienen mehr unmittelbare Nähe und mehr persönliche Aufmerksamkeit. Es reicht nicht, ihnen allein durch Nachdenken zu begegnen.image

Wie ist es, zu fliehen? Schaffen wir das? Müssen wir das überhaupt schaffen? Was geht uns diese Krise an? Was ist der richtige Weg, damit umzugehen?

Alle Antworten, die ich bis jetzt gefunden habe, sind gedachte. Sie entstehen im Kopf – und treffen den Kern der Sache nicht. Das Leid der anderen, das jetzt zu unserer Herausforderung geworden ist, muss nicht nur durchdacht werden, sondern schmerzen, wenn man nach angemessenen Antworten sucht.

Ich bin froh, wenigstens auf eine Frage schon jetzt eine Antwort gefunden zu haben, die mich zufriedenstellt.

Warum Idomeni? Weil es sein muss.