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Ulrich Behmann

Über Ulrich Behmann

Ulrich Behmann ist Chefreporter der Deister- und Weserzeitung. Er war schon in vielen Auslandseinsätzen, um humanitäre Hilfe zu leisten.

Die Weiße Frau und der kalte Hauch

 

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„Morgen ist Vollmond. Lass uns zur Geisterstunde ins Moor gehen und uns etwas gruseln“ – niemals zuvor hatte ich eine solche Einladung bekommen. Sie klang sonderbar, hatte aber ihren Reiz. Denn: Seit meinen Reisen nach Transsilvanien, Anfang der 1990er Jahre, beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Aberglaube und mit rumänischen Geschichten von angeblich ruhelosen Seelen, den sogenannten Strigoi. Es ist ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Thema. Auf dem Balkan glauben viele Menschen noch heute fest an die Existenz dieser Wiedergänger. Im Jahr 2005 holten Bewohner des Dorfes Marotinu des Sus einen Mann, den sie für einen Strigoi hielten, aus seinem Grab. Sie schnitten das Herz aus dem Leichnam, verbrannten es auf einem Blechteller, lösten die Asche in Wasser auf und tranken die Lösung.

Nun, das Weserbergland ist nicht Siebenbürgen. Und dennoch ist der Aberglaube auch hier verbreitet. Man spricht nur nicht so gern darüber. Kein Witz: Britische Soldaten sahen und spürten im Offizierskasino der Hamelner Scharnhorst-Kaserne über Jahre hinweg einen guten Geist. Sie nannten ihn „Casino“ und erzählten sogar Ihrer Majestät Königin Elizabeth II davon.

Gibt es paranormale Phänomene im Land der Sagen, Märchen und Mythen? Zunächst dachte ich: Sicher wirst du für verrückt erklärt, wenn du dich zur Geisterstunde aufmachst, um im Heyener Moor eine Weiße Frau zu suchen. Ich habe es trotzdem gemacht, obwohl ich nicht an Gespenster und blutsaugende Vampire glaube. Ich denke: Nur, wer sich auf etwas Ungewöhnliches einlässt, sammelt Erfahrungen und kann später davon berichten.

Die Bedingungen schienen gut zu sein. Vollmond – das versprach aschfahles Licht, lange Schatten und eine gespenstische Atmosphäre. Am Abend zogen jedoch Wolken auf. Bis kurz vor 23 Uhr war der Mond nur als heller Fleck hinter dem dunklen Gewölk zu sehen. Als wir den mystischen Ort zwischen Heyen und Esperde erreichten, hatten sich die Wolken glücklicherweise verzogen, strahlte der volle Mond vom sternenklaren Himmel. Um in der Finsternis nicht für Wild gehalten zu werden, zogen wir uns Warnwesten über. Ein Jäger hatte uns diesen Tipp gegeben. Sicher ist sicher.

imageDer Vollmond hatte einen Hof. Man sagt, das sei ein Zeichen für einen Wetterumschwung. Überhaupt ranken sich um den Erdtrabanten viele Legenden. Er raube uns den Schlaf, mache uns aggressiv und treibe uns in den Wahnsinn, heißt es. Auf Englisch heißen Wahnsinnige „lunatic“ (Luna – in der römischen Mythologie die Mondgötting). Wissenschaftler sprechen sogar vom Tansylvania effect. Es gibt unzählige Studien, durch die nichts davon bestätigt wurde. In Vollmondnächten gibt es demnach weder vermehrte Fälle von Wahnsinn noch erhöhte Kriminalitätsraten. Aber was ist schon nachweisbar? Es gibt Kräfte, die wir nicht sehen können. Wir wissen: Erde und Mond ziehen sich gegenseitig an. Vereinfacht gesagt: Wenn sich der Mond um die Erde dreht, dann „beult“ die Erde an dem Punkt aus, wo sie dem Mond am nächsten ist. So entstehen Ebbe und Flut. Von all dem spüren wir nichts, aber diese enormen Schwerkräfte existieren dennoch.

Auf dem Weg zum Heyener Moor hören wir einen Kuckuck rufen. Ungewöhnlich zur Nachtzeit, finde ich. Mir fällt der alte Kinderreim ein: „Kuckuck, Kuckuck, sag mir doch, wie viele Jahre leb‘ ich noch?“ Bei den alten Slawen, heißt es, galt der Kuckuck als Verkörperung der Göttin des Lebens und des Frühlings, der Fruchtbarkeit und der Liebe. Manche sagen auch, wenn der Kuckuck beim Sonnenuntergang ruft, heißt es auch Tod, Unglück und Teuerung.

Die Äste der Bäume werfen Schatten auf Felder und Wege. Grillen zirpen. Ein Exemplar ist besonders laut. Irgendwo im Dorf bellt ein Hund. Frösche quaken. Ein Bächlein plätschert. Nächtliche Idylle. Das erste Tier, das wir schemenhaft sehen, ist ein Käuzchen. Es fliegt davon, ohne zuvor gerufen zu haben. Kurz danach hören wir unheimliche Geräusche und halten kurz inne. Es hat sich angehört, wie ein Schnarren. Ein Wildschwein? Es muss ein größeres Tier sein, denken wir. Zum Vorschein kommt es aber nicht. Am Ende des Weges erreichen wir einen großen abgestorbenen Baum. Im Mondlicht sieht der tote Riese schon ein wenig gruselig aus. Eine Fledermaus umkreist uns zweimal. Unheimlich ist es an diesem Ort nicht. Vielleicht hätten wir ein anderes Gefühl, wenn jetzt Nebelschwaden über die kleine Moorfäche wabern würden. Die Weiße Frau zeigt sich natürlich nicht.

Wir setzen uns und lassen die Stille auf uns wirken. Rote Lichter der Windkraftanlagen blinken in der Ferne. Eine Nachtigall singt. Mücken sind zum Glück nicht unterwegs. Auf diese kleinen Blutsauger können wir auch gut verzichten. Wir sind eingetaucht ins Reich der Mythen und der Phantasie. Ich denke an die „Geisterjäger“ vom Ghosthunter Explorer Team, die extra vom Bodenseekreis nach Bad Pyrmont gekommen sind, um in der ehemaligen Bomberg-Klinik paranormalen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Und an Geschichten über Zwischenwelten und magische Momente. Gänsehautfeeling will sich nicht einstellen. Unheimlich ist uns nicht zumute – ganz im Gegenteil: Es macht Spaß, sich auf etwas Neues, etwas Verrücktes, einzulassen. Dennoch sind unsere Sinne geschärft. Wir sind hellwach. Unsere Ohren nehmen jedes noch so leise Geräusch wahr. Kein Wunder, denke ich. Es ist ein ja auch ein ungewöhnlicher Ort und eine ungewöhnliche Recherche.

Null Uhr. Geisterstunde. Der Zeitpunkt, an dem zwei Tage aufeinandertreffen. Es ist schon erstaunlich: Die meisten unter uns glauben nicht an Gespenster. Schon klar. Aber das Wort Geist ist fest in unserem Wortschatz verankert. Wir sind manchmal von allen guten Geistern verlassen – und wir sprechen von der Geisterstunde, als würde es sie wirklich geben.

Etwas ist sonderbar: Um 0.12 Uhr spüren wir beide zur selben Zeit einen eisigen Luftzug. Es wird mit einem Mal unangenehm kalt. Als ich gegen 23 Uhr aus dem Auto gestiegen bin, zeigte das Thermometer noch 17,5 Grad an. Und während unserer kleinen Wanderung durch Heyener Moor fühlte ich mich zu dick angezogen. Und jetzt? Was ist das? Ein Temperatursturz? Es fühlt sich zumindest so an. Wir stehen auf, verlassen das Moor. Es fröstelt uns. Gespensterjäger behaupten ja, Geister würden Energie aus der Umgebungsluft abziehen. Dadurch werde es kälter. Auf dem Rückweg machen wir noch ein paar schaurig-schöne Fotos. Das Selfie will nicht auf Anhieb gelingen. Immer wird auf dem Monitor kurz vor dem Betätigen des Auslösers ein technisches Problem angezeigt. Julia muss herzhaft lachen, ich kann mir die Fehlermeldungen nicht erklären. Es braucht sechs Anläufe – dann klappt es endlich.

Gegen 1 Uhr sitzen wir in unseren Autos. Mit Spannung schaue ich auf das Thermometer. Ist es wirklich kälter geworden? Ich bin erstaunt: Die Temperatur hat sich laut Anzeige kaum verändert. Das Gerät zeigt 17 Grad an. Bei Julia ist das anders: 13 Grad. Es gibt dafür wohl nur zwei Erklärungen: Mein Thermometer ist kaputt. Oder: Der Geist der Weißen Frau begleitet nur einen von uns.

 

Korrupte Politiker – Laura räumt auf


image imageLaura Codruța Kövesi wirkt angespannt. Die sportliche Frau mit der Pferdeschwanz-Frisur steht nicht ohne Grund unter Polizeischutz. Sie hat mächtige Gegner. Erst vor ein paar Wochen ist ihr Vater bedroht worden. Aber das schüchtert die Generalstaatsanwältin nicht ein. Laura Codruța Kövesi ist die Chefin der bei kriminellen Politikern und geldgierigen Wirtschaftsbossen gefürchteten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft Direcției Naționale Anticorupție (DNA) in Rumänien. Ihre Mitarbeiter sind handverlesen. 120 Staatsanwälte und 190 Polizisten machen in dem 20-Millionen-Land Jagd auf korrupte Politiker und Führungskräfte, die staatliche Einrichtungen leiten. Diejenigen, die sich vor Gericht verantworten müssen, haben schlechte Karten – die Verurteilungsrate bei DNA-Fällen beträgt 93 Prozent. image

Kövesi ist zwar erst 42 Jahre alt, aber bereits eine Legende. Sie war die erste und die jüngste Generalstaatsanwältin in der Geschichte von Rumänien. Wenn es um Korruption geht, kennt Kövesi keine Freunde. Sie ermittelte schon gegen zwei Richterinnen des Obersten Gerichtshofes und gegen einen ehemaligen und einen amtierenden Premierminister. Der Ex-Premier sitzt hinter Gittern. Die Generalstaatsanwältin gilt als die mutigste und mächtigste Frau von Rumänien – unerschrocken geht sie gegen jeden vor, der im Verdacht steht, Schmiergeld bezahlt oder angenommen zu haben. Die Gesamtsumme muss allerdings 10000 Euro überschreiten. Die DNA verfolge nicht gezielt Politiker, stellt Kövesi klar. Es gehe vielmehr um Menschen, die korrupt sind. Die DNA hat im vergangenen Jahr 10000 Anzeigen aufgenommen und 4500 mittelschwere und schwere Fälle von Korruption bearbeitet. Gegen 1250 Beschuldigte wurde ermittelt – darunter war der amtierende Premierminister des Landes, Er ist nicht der einzige Vertreter der politischen Elite, der ins Visier der Nationalen Antikorruptionsbehörde geraten ist. Man habe im selben Zeitraum auch gegen fünf Minister, 16 Abgeordnete, 5 Senatoren, 497 Führungskräfte, 96 Bürgermeister und Vize-Bürgermeister, 32 Direktoren großer staatlicher Betriebe und 15 Kreistagsvorsitzende ermittelt, sagt Kövesi. Dabei verzieht sie keine Miene. Im vergangenen Jahr seien 970 Angeklagte verurteilt worden. Der Gesamtwert der nachgewiesenen Bestechungsgelder: 431 Millionen Euro. Geld und Wertgegenstände im Wert von 494 Millionen Euro seien beschlagnahmt worden. Immer mehr Bürgern werde bewusst, wie gravierend die Folgen der Korruption seien, meint die Generalstaatsanwältin. Die Mentalität habe sich zum Glück geändert. „Die Rumänen wollen nicht mehr länger ihre Landsleute schmieren, um von ihren Rechten Gebrauch machen zu können. 86 Prozent der Fälle sind durch Hinweise aus der Bevölkerung zustande gekommen. Im vergangenen Jahr haben 75 Prozent mehr Personen Anzeige erstattet, als im Vorjahr,“ sagt Kövesi. Dabei lächelt sie. Für die DNA-Chefin ist das ein großer Erfolg. Vor zehn Jahren sei Korruption noch ein „systemisches Problem“ gewesen. Und nun das: Die Bürger haben die Nase voll von korrupten Machtmenschen. Bei Politikern stößt die DNA jedoch mitunter an ihre Grenzen. Wie in Deutschland muss auch in Rumänien das Parlament erst deren Immunität aufheben. Das passiert jedoch nicht immer. In der Vergangenheit habe die Politik die Justiz mehrfach blockiert, erzählt die Chefermittlerin. Es habe sogar schon den dreisten Versuch gegeben, das Gesetz zu ändern. „Politiker wollten sich selbst von der Strafverfolgung ausnehmen.“ Das hat jedoch nicht geklappt, weil die Bevölkerung auf die Straße gegangen ist und dagegen protestiert hat.
Laura Codruța Kövesi holt bereits zu ihrem nächsten Schlag gegen die Korruption aus – in diesem Jahr will sie Richter, Staatsanwälte und Ärzte genauer unter die Lupe nehmen.

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Kennen Sie den?

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„Wird ein Kleinbus mit Flüchtlingen von der Grenzpolizei gestoppt. Als die Männer erfahren, dass sie in Rumänien sind, brechen sie weinend zusammen. Sie wollen so schnell wie möglich zurück.“ Oder: „Wissen Sie, was die Bayern machen, damit nicht noch mehr Flüchtlinge in ihr Land kommen? Ganz einfach: Sie stellen an der deutsch-österreichischen Grenze ein Schild mit der Aufschrift Rumänien auf.“ Es sind Witze wie diese, die man sich dieser Tage in Bukarest erzählt. Darf man so etwas schreiben und damit zur Verbreitung dieser fremdenfeindlichen Witze beitragen? Lange habe ich darüber nachgedacht – und es letztlich getan. Denn: Das ist die Realität in Rumänien. „So ticken hier nun einmal die allermeisten Leute“, verrät mir eine zuverlässige Quelle, die es wissen muss. Die Bevölkerung ist sich einer aktuellen Zeitungsumfrage zufolge in einem Punkt einig: Flüchtlinge sind nicht willkommen im aufstrebenden Balkanstaat. 80 Prozent der Rumänen wollen keine Schutzsuchenden aufnehmen, 86 Prozent keine Flüchtlinge als Nachbarn haben. Es gibt aber auch Menschen wie Bianca Albu von der Hilfsorganisation GRS, die den Flüchtlingen, die in Rumänien gestrandet sind, aus Überzeugung helfen, die christliche Nächstenliebe leben und die in dieser Aufgabe aufgehen. Dass eine größere Anzahl Schutzsuchender Rumänien ansteuert, muss das Land nicht befürchten. Die Zeltlager an der Grenze seien leer, hören wir. Die meisten Flüchtlinge machen einen großen Bogen um Rumänien. Sie haben Angst, dort bleiben zu müssen. Dabei ist Rumänien ein sehr schönes Land. Es bietet den Menschen, die aus Afghanistan, Syrien und dem Irak geflüchtet sind, allerdings weit weniger Hilfen an, als Deutschland. Die wirtschaftliche Lage in Rumänien sei eben nicht die Beste, heißt es zur Begründung. Das schrecke die Leute ab. Vor nicht allzu langer Zeit bekam ein Flüchtling in Rumänien umgerechnet weniger als einen Euro pro Tag. Die Sozialhilfe war allerdings auch nicht viel höher. Inzwischen sind die Leistungen erhöht worden. 68 Euro pro Monat sollen es sein. Aber das Geld reicht immer noch nicht. Es sei zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, sagt ein Helfer einer Hilfsorganisation.

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Eine Flüchtlingskrise gibt es nicht in Rumänien. „Stimmt, das ist kein Phänomen in unserem Land“, bestätigt Ioan Buda, Staatssekretär im Innenministerium. Im vergangenen Jahr hätten 1500 Menschen Asyl beantragt, 200 wären es im diesem Jahr gewesen. Rumänien hat den Schutz seiner Grenzen verstärkt, setzt Hightech zur Überwachung ein und hat Sonderstreifen angeordnet. Das Risiko, dass ein Flüchtlingsboot auf dem Schwarzen Meer entdeckt wird, liege bei 99 Prozent, sagt eine deutsche Quelle. Das muss sich unter den Schleppern herumgesprochen haben. In den vergangenen vier Jahren wurden in rumänischen Hoheitsgewässern nur zehn Boote mit insgesamt 500 Flüchtlingen aufgebracht – das letzte Schiff sei im Februar 2015 aufgespürt worden, teilen Grenzschützer nicht ohne Stolz mit. Angesichts dieser Zahlen könne man nicht von einer Migrationsroute sprechen, sagt Staatssekretär Buda, der selbst einmal beim Grenzschutz gearbeitet hat. Man beobachte die Lage allerdings ganz genau, arbeite eng mit bulgarischen und türkischen Sicherheitsbehörden zusammen. Erst in der vergangenen Woche sei der Chef-Admiral der türkischen Küstenwache zu Gesprächen in Rumänien gewesen. „Es findet ein enger Informationsaustausch statt.“ Die Zusammenarbeit sei sehr gut. Buda spricht von Solidarität. Rumänien hat 200 Polizisten nach Griechenland und in andere Länder geschickt, ist im Ausland mit zwei Schiffen und einigen Fahrzeugen im Grenzschutz-Einsatz, stellt anderen Staaten Ausrüstung zur Verfügung. An den rumänischen Landesgrenzen wurden in diesem Jahr 260 Flüchtlinge bei der illegalen Einreise aufgegriffen. 80 Prozent dieser Menschen seien in die Nachbarstaaten, aus denen sie kamen, zurückgeschickt worden, erzählt Buda. Rumänien hat der EU zugesichert, Kontingentflüchtlinge aus Griechenland, Italien und der Türkei aufzunehmen. Man halte Zusagen ein, betont der Staatssekretär und spricht von „einer ganzen Reihe von Flüchtlingen“, die schon angekommen seien. Ich hake nach. Was bedeutet eine ganze Reihe? Staatssekretär und Polizeioffiziere tauschen Blicke und Informationen aus. Dann kommt die Antwort. 35 Flüchtlinge sind schon da, 300 weitere sollen demnächst kommen. Nicht gerade viel für so ein großes Land wie Rumänien.
Abends treffen wir Lorett M. Jesudos. Die junge Frau aus Malaysia arbeitet in Rumänien für das Flüchtlingshilfswerk UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) als Protection Officer. Von ihr erfahren wir etwas, das uns in Erstaunen versetzt. Rumänien betreibt seit 2008 ein Reception Center (Übergangszentrum) für Flüchtlinge – laut Lorett war es weltweit das erste seiner Art. Die Regierung arbeitet eng mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen zusammen. In dem Camp finden Befragungen statt, einige Schutzsuchende werden von dort auf andere Länder verteilt. Laut UNHCR geht die Zahl der Asylsuchenden in Rumänien zurück. 2014 waren es noch 1506, im vergangenen Jahr 1266.
Später, bei einem Empfang in der Wohnung des Ständigen Vertreters des Deutschen Botschafters in Rumänien, treffe ich eine junge selbstbewusste Frau. Sie arbeitet für die Hilfsorganisation GRS und ist empört. Im Februar 2015 hätten rumänische Staatsanwälte damit begonnen, Verfahren gegen die Oberhäupter von Flüchtlingsfamilien zu eröffnen. Der Vorwurf: Beihilfe zum Menschenhandel. Aus Sicht der Strafverfolgungsbehörden hätten die Männer Schuld auf sich geladen, weil sie Schlepper bezahlt haben, erzählt Bianca Albu. Ich habe keine Möglichkeit, die Angaben der Rumänin zu überprüfen. Wenn Bianca Albu keinen Witz gemacht hat, wird die von ihr geschilderte Vorgehensweise der Justiz Flüchtlinge davon abhalten, über Rumänien in die EU einzureisen. Auch eine Möglichkeit, sein Land unattraktiv für Schutzsuchende zu machen.



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Falsche Bilder im Kopf

image imageDas Schulgebäude sieht aus, als sei es erst vor Kurzem gestrichen worden. Kinder kommen angelaufen. Ein Junge hat einen Fußball unter dem Arm. Zwei Mädchen lächeln uns an. Sie kommen vom Spielplatz. Es gibt Schaukeln, Klettergeräte, Wippen und Tischtennis-Platten. Neben uns spielen Jugendliche Basketball. Shasib ist 20 – und auf der Flucht vor Terror und Krieg. Er kommt aus Afghanistan. Jetzt steht er hier auf dem ehemaligen Schulhof und erzählt von seinem Traum. Er will zu seinem Onkel nach Österreich. Aber vorerst ist er im bulgarischen Flüchtlingszentrum Voenna Rampa an der Straße Lokomotive Nr. 11 gestrandet. In dem Plattenbau ist alles blitzsauber. Vielleicht, weil man wusste, dass heute eine Delegation des Ausschusses für Inneres und Sport des Niedersächsischen Landtags zu Besuch kommt. Vielleicht aber auch, weil es hier auch sonst ziemlich sauber ist. Die Toiletten, die ich in dem Gebäude „inspiziert“ habe, waren ebenfalls geputzt, der Fußboden gewischt. image imageDie Zimmer der Flüchtlinge, in die ich geschaut habe, wirkten aufgeräumt und wohnlich. Ich kannte dieses Lager nur von Medienberichten, hatte vor einiger Zeit einen Bericht im bulgarischen Fernsehen gesehen, in dem es um angebliche Polizeigewalt im Lager ging. Nun stehe ich vor der Aufnahmeeinrichtung, die ich noch am Montag als „berühmt-berüchtigt“ bezeichnet habe, und stelle fest, dass die Bilder, die ich im Kopf hatte, so gar nicht mit der Realität übereinstimmen. Ich muss an Idomeni denken. Auch an der griechisch-mazedonischen Grenze war nicht alles so, wie ich es erwartet hatte. Keine Schlammwüste, kein Elendslager, keine „Hölle auf Erden“. Ein wildes Flüchtlingslager, zwar nicht schön, aber auch nicht inhuman. Ein wildes Camp, das mich eher an eine Mischung aus Wacken Open Air, Anti-Atom-Dorf und Campingplatz erinnerte.
Jetzt mache ich dieselbe seltsame Erfahrung in Bulgarien. Ich frage Shasib, wie das Leben im Flüchtlingszentrum Vornna Rampa ist. „Es ist gar nicht übel hier“, sagt der junge Mann. Imram steht daneben und nickt. „Ja, es ist ganz okay hier“, meint der 17-Jährige. Auch er stammt aus Afghanistan. Auch er hat seine Heimat verlassen. Er sei auf der Suche nach einem besseren Leben, erzählt er. Sein Ziel sei Österreich. Dort werde er es finden, „das gute Leben“, glaubt er. Davon ist der 20-Jährige überzeugt.
Shasib und Imram möchten dennoch nicht in Bulgarien bleiben. Imram will nach Deutschland und dort studieren. Warum gerade Deutschland? „Ganz einfach. Weil ich dort die besten Studienbedingungen habe“, sagt der Jugendliche. Imran will Wirtschaftswissenschaften studieren.
800 Schlafplätze gibt es in Voenna Rampa. 502 Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak und aus Syrien leben hier. „In dieser Reihenfolge“, sagt Petya Parvanova, die Leiterin der Flüchtlingsagentur. Vor ein paar Monaten sei es noch andersherum gewesen, sagt sie. Da kamen die meisten Schutzsuchenden aus Syrien. image40 Angestellte betreuen die Flüchtlinge. Wer nach Voenna Rampa kommt, wird registriert. image imageMan nimmt ihm Fingerabdrücke ab und gibt die Daten in das Schengener Informationssystem EuroDat ein. „Es dauert keine fünf Minuten, dann wissen wir, ob der Flüchtling bereits in einem anderen europäischen Land gemeldet ist“, sagt der Leiter der Einrichtung, ein Mann mit kurzen Haaren und braunen Haaren. Wer nach Deutschland, Österreich, Schweden oder in ein anderes EU-Land weiterreist und dort überprüft wird, muss damit rechnen, nach Bulgarien zurückgeschickt zu werden. Seit Anfang des Jahren sind 178 Frauen und Männer nach Bulgarien „rückgeführt“ worden, wie es im Amtsdeutsch heißt. Die meisten bereits zuvor auf dem Balkan registrierten Flüchtlinge seien in Österreich aufgegriffen worden, sagt Frau Parvanova. „Warum Deutschland so wenig Flüchtlinge zurückschickt, weiß ich nicht.“ Vielleicht kommen die „Reisenden“ erst gar nicht dorthin.
22400 Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Bulgarien eingereist. Ein Fünftel hat Asyl bekommen. Die wenigsten Schutzsuchenden wollen bleiben. Sie sind auf der Durchreise, haben andere Vorstellungen von Wohlstand. Die schwierige wirtschaftliche Lage in Bulgarien schrecke sie ab, meint Petya Parvanova. Das sieht auch Shubash Wostiyl vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR so. Die konsequente Registrierung von Flüchtlingen und das Abnehmen von Fingerabdrücken „demoralisiere“ diese Menschen, meint er. Dass Bulgarische Rote Kreuz hat von der EU Geld für 800 Flüchtlinge, die in Bulgarien bleiben wollen, erhalten. „Sie werden es kaum glauben“, sagt Dr. Nadezhda Todorovska vom Bulgarischen Roten Kreuz. „Nur sieben Schutzsuchende wollten eine Wohnung haben.“ Es sei keine Frage des Geldes. Mehr als 20000 Flüchtlinge hätten Bulgarien erreicht. „Die meisten sind weitergezogen.“
Shubash Wostiyl, der UNHCR-Vertreter, ist ein Mann der Zahlen. Im vergangenen Jahr sind in Bulgarien 1595 Flüchtlinge aufgegriffen worden. 1921 wurden festgenommen, als sie das Land verlassen wollten. Weitere 1102 wurden in Bulgarien „geschnappt“. Der Druck an der Grenze sei aber nach wie vor groß und werde noch zunehmen. Die vermeintlich kleinen Zahlen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, warnt Wostiyl. Im Jahr 2015 seien es 95000 Menschen gewesen, die die Grenze überwinden wollten. Dass sich Flüchtlinge eine neue Balkanroute durch Bulgarien suchen werden, glaubt der UNHCR-Mitarbeiter nicht.
Das sei schwer vorstellbar. Mit einem Bündel von Maßnahmen versucht Bulgarien, die EU-Außengrenze zu schützen. Das ärmste Land der Europäischen Union gibt viele Millionen aus, um einen Zaun an der Grenze zur Türkei zu bauen. image image86 Kilometer seien schon fertiggestellt worden, sagt Tsvetan Tsvetanov, Vorsitzender des Innenausschusses des bulgarischen Parlaments. Auf einer Länge von 100 Kilometern wurden Wärmebildkameras installiert, zusätzliche Polizisten an die Grenze geschickt. Vor einem Monat sei ein neues Gesetz in Kraft getreten, das es der Grenzpolizei gestatte, das Militär zur Hilfe zu holen. Außerdem habe Bulgarien das Strafgesetz geändert, erzählt der stellvertretende Parteivorsitzende der konservativen GERB. Schleuser sollen hart bestraft werden. Nach Europol-Angaben machten Menschenschmuggler Gewinne zwischen drei und sechs Milliarden Euro.
Tsvetan Tsvetanov sieht das so: „In der Türkei befinden sich derzeit mehr als 2,7 Millionen Flüchtlinge. Nur 250000 leben in Camps. Die restlichen 2,5 Millionen stellen eine Gefahr für Europa dar.“ Es brauche einen Informationsaustausch zwischen den EU-Ländern – und zwar in Echtzeit. Nur so könne man Terroranschläge verhindern. Das ist die bulgarische Sicht der Dinge.  image

Bulgarien macht dicht

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Menschenschmuggler machen dieser Tage das große Geld. Sie nutzen die Not der Flüchtlinge schamlos aus. Seit die Balkanroute blockiert ist, sind die Preise für eine Schleusung von Griechenland nach Nordeuropa um das Drei- bis Vierfache gestiegen. Die organisierte Kriminalität macht den großen Reibach. Das ist die bulgarische Sicht der Dinge. Wir sind zu Gast im bulgarischen Innenministerium. Vize-Innenminister Dr. Filip Gunev empfängt uns. Der 1973 in Sofia geborene Mann berichtet dem Ausschuss für für Inneres und Sport des Niedersächsischen Landtags über die Erkenntnisse der bulgarischen Sicherheitsbehörden. Das alles bestimmende Thema ist die Flüchtlingskrise. Es geht auch um Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. 22000 Flüchtlinge hielten sich dort auf, sagt der Minister. Weil der Preis, den die Schleuser seit der Grenzschließung von den Gestrandeten verlangen, kräftig gestiegen sind, sinke die Zahl der Flüchtlinge, denen es gelingt, mithilfe von Kriminellen auf verschlungenen Pfaden nach Deutschland weiterzureisen. Viele können sich den Transfer schlicht nicht mehr leisten, meint der Minister. Die bulgarische Regierung rechnet damit, dass die Mafia das Geschäftsfeld Menschenschmuggel rasch ausweiten wird. Idomeni ist nur eine Autostunde von der bulgarischen Grenze entfernt. Eine neue Flüchtlingsroute durch Bulgarien? Nein, sein Land wisse das zu verhindern, sagt der Vizeminister. Etwa 2000 Grenzpolizisten sicherten die türkisch-bulgarische Grenze. Ein Zaun werde gebaut. Ende Oktober sei die letzte Lücke geschlossen. Man habe zudem das Gesetz für Verteidigung und Militär geändert. Dadurch dürfe nun auch die Armee an der Grenze patrouillieren. Brauche die Polizei Unterstützung, könne sie Militär anfordern. Auch die bulgarisch-serbische Grenze wird überwacht. Bulgarien hat Menschenhändlern und Terroristen den Kampf angesagt. Es gibt einen nationalen Plan. Alle Behörden wüssten, was zu tun ist.“ Gunev gibt Zahlen zum Thema Terrorismus und Gefährder bekannt, die der Geheimhaltung unterliegen. Diese Informationen machen mich nachdenklich. Ja, ich gebe zu: Sie bereiten mir Sorge. 50 Millionen Euro lässt sich Bulgarien die Sicherung der EU-Außengrenze kosten. Von der EU habe das Land zusätzliche Mittel erhalten. Die britische Regierung hat 40 Land Rover, die Tschechische Republik Busse für den Flüchtlingstransport geschickt. Die europäische Grenzschutzagentur Frontex sei mit 70 Mitarbeitern vor Ort. Die baulichen Maßnahmen an der Grenze seien ein zusätzliches Instrument. Etwa 100 Millionen Euro aus dem bulgarischen Staatshaushalt fließen laut Gunev in die Grenzsicherung. „Einhundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht“, meint der Vizeminister. Das zeigten die Erfahrungen aus Ungarn, wo täglich 200 Flüchtlinge hinter dem Zaun aufgegriffen würden. In Bulgarien wird jeder festgenommene Flüchtling registriert. Die Daten werden national, aber auch international bei EuroDat gespeichert. Das schrecke Flüchtlinge ab, denn sie wüssten sehr genau, dass sie in anderen Ländern nun kein Asyl mehr bekommen werden.
image imageDie Türkei schaffe es derzeit, den „Migrationsdruck“ zu minimieren. „Aber was wird passieren, wenn im Juni die Visumspflicht für türkische Staatsbürger nicht aufgehoben wird? Wir können es uns denken“, sagt der Minister. Ob die Türkei ein verlässlicher Partner sei, will ein Delegationsmitglied wissen. Für Flüchtlinge sei Bulgarien nur Transitland. Viel wichtiger sei doch, ob Frau Merkel in der Türkei einen verlässlichen Partner sehe, meint der Vizeminister. Der stellvertretende Direktor der Grenzpolizei stellt klar: „Wir werden uns alle Mühe geben, nicht zuzulassen, dass Menschen ohne Dokumente die Grenze passieren.“ In der Polizeiakademie von Pazardzik zeigen uns Offiziere, wie Grenzpolizisten ausgebildet werden. Ein Gerät weckt mein Interesse. Es sieht beinahe aus wie ein Metalldetektor am Flughafen. Aber diese Apparate, die an allen bulgarischen Grenzübergängen eingesetzt werden, zeigen nicht Waffen, sondern kleinste radioaktive Teilchen an. Niemand soll radioaktives Material in die EU einschmuggeln können. Die Angst, dass Terroristen als Flüchtlinge getarnt, nach Europa kommen, geht offenbar um. Werden die Flüchtlinge irgendwann doch eine Umleitung über Bulgarien nehmen? „Ich glaube, dass das wenig wahrscheinlich ist, angesichts der vielen Maßnahmen, die wir ergriffen haben“, lautet die Antwort. Bulgarien macht dicht. Italien auch. Und die Schweiz rüstet sich. Refugees welcome – diese Zeiten sind vorbei, so scheint es. Zumindest hier auf dem Balkan.

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Durch den wilden Balkan

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Ich hab’s wieder getan, bin in den Flieger gestiegen, um Antworten zu finden. In dieser Woche begleite ich die Politiker des Innenausschusses des Niedersächsischen Landtags auf einer Reise durch den Balkan. Dafür habe ich mir Urlaub genommen. Die Landtagsverwaltung hatte mich schon vor einiger Zeit gebeten, als „sachkundige Auskunftsperson“ dabei zu sein, denn: Es geht bei dieser Informationsreise auch um das Thema „Humanitäre Hilfe“. Interhelp, dessen Vorsitzender ich bin, hat auf diesem Gebiet „viel Erfahrung“. Dieser Meinung ist der heimische SPD-Landtagsabgeordnete Ulrich Watermann, dem ich die Einladung zu verdanken habe. Bulgarien und Rumänien in sechs Tagen.

Wir werden Städte und Dörfer in der geschichtsträchtige thrakischen Ebene, in der Walachei und in Transsilvanien besuchen. Wir werden hochrangige Politiker, Staatsanwälte und Polizisten treffen, das berühmt-berüchtigte Flüchtlingslager Voenna Rampa bei Sofia besuchen und uns mit der Sicherung der EU-Außengrenze, mit der Flüchtlingskrise, dem organisierten Verbrechen und der Korruptionsbekämpfung in diesen beiden EU-Ländern beschäftigen. Die Politiker aller Parteien – der heimische CDU-Abgeordnete Otto Deppmeyer ist auch darunter – werden heute in Pazardzik zwei Kinderprojekte anschauen, die ich initiiert habe und die mit Spenden aus dem Weserbergland verwirklicht wurden: das „Haus für Kinder in Not“ und das Integrationsprojekt für die Roma-Kinder von Aleko, die noch vor wenigen Jahren auf einer stinkenden und brennenden Müllkippe nach Essensresten und Wertstoffen gesucht haben. Der Rotarier und Interhelper Thomas König aus Hameln hat jüngst Geld gesammelt, um in den kommenden fünf Jahren 16 Kinder täglich mit einer warmen Mahlzeit versorgen zu können.

Der DRK-Ortsverein Burgwedel, allen voran Dietmar Warda, engagiert sich ebenso wie die Rotary Clubs Bad Pyrmont, Hameln und Pazardzik. Es sind diese Mitglieder von Vereinen und Serviceclubs, die das Herz am rechten Fleck haben und das Projekt am Laufen halten. Diese Kinder hätten ohne Förderung keine Chance. Ohne Schulbildung bekommen sie keinen Job. Die Folge: Viele Mädchen prostituieren sich, viele Jungen werden kriminell. In Aleko lernen die Kinder. Ihre bettelarmen Eltern lassen sie zur Schule gehen, weil sie – den Spendern sei Dank – nicht für das Essen ihrer Kinder aufkommen müssen.
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Gestern Abend habe ich meinen alten Freund Atanas Krastin nach vielen Jahren wiedergesehen. 2001 war er Leiter des Pressereferats der Bulgarischen Botschaft in Berlin. Inzwischen arbeitet er im Rang eines Botschafters im Außenministerium in Sofia. Atanas stammt aus Pazardzik. Er hat mir damals den Weg gewiesen. Ich bin sehr gespannt auf das, was mich erwartet.

Nepper, Schlepper, Seelenfänger

Chaudhy hat eine lange Reise hinter sich – und noch einen weiten Weg vor sich. Ob er jemals sein Ziel erreicht? Er weiß es nicht, aber er hofft es. Deutschland ist das Land seiner Träume. Dort möchte er leben. In Frieden und ohne Angst. Daheim in Pakistan, behauptet Chaudhy, werde er politisch verfolgt. Man trachte ihm dort nach dem Leben, sagt er. Ob seine Geschichte stimmt – wir wissen es nicht. Wie sollen wir seine Angaben überprüfen?

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Der Mann mit dem gepflegten grauen Vollbart, der hohen Stirn und den wachen braunen Augen ist angeblich erst 45 Jahre alt, er sieht jedoch deutlich älter aus. Er sei Mitglied der People’s Party of Pakistan gewesen und habe sich den Zorn des politischen Gegners zugezogen, erzählt der allem Anschein nach gebildete Mann, der seit Monaten auf der Flucht ist. Mit Bussen sei er von Pakistan in den Iran und von dort weiter in die Türkei gefahren. Mit einem kleinen Boot ging’s dann weiter über das Meer auf die griechische Insel Lesbos und schließlich mit der Fähre nach Athen. 3000 Euro will er Schleppern bezahlt haben.

Seine Frau sei tot – Herzinfarkt. Die neunjährige Tochter und der ältere Sohn (12) lebten bei seiner Mutter in Pakistan. Sein Bruder sei Lehrer. Ich frage Chaudhy, warum seine Kinder ihn nicht begleiten. Sie müssten doch daheim auch in ernster Gefahr sein. Der Flüchtling bleibt vage, versteht angeblich nicht ganz so genau, was ich meine. Stattdessen fragt er mich, wer denn schuld sei an den ganzen Kriegen, an dem Zorn und an dem Terror in dieser Welt. Er meint, die USA sollten sich lieber raushalten und nicht Menschen töten. „Die Welt ist ein Haus, ein globales Dorf. Wir sind alle Brüder“, meint Chaudhy. „Wir brauchen Frieden.“ Recht hat er, aber so einfach ist leider nicht.

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Erst am Morgen hat der Pakistaner das Camp der Vergessenen an der griechisch-mazedonischen Grenze erreicht. Zuvor hatte er sich eigenen Angaben zufolge längere Zeit in Athen aufgehalten. Warum er ausgerechnet nach Idomeni gekommen ist? Er muss doch gewusst haben, dass Mazedonien seine Grenze geschlossen hat. Chaudhy scheint mich plötzlich nicht mehr zu verstehen. Jedenfalls erhalte ich keine Antwort. Möglich, dass jemand dem Pakistaner erzählt hat, dass die Flüchtlinge an diesem Tag den Grenzzaun überwinden werden.

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Es ist eine Geschichte von vielen. Kaum verifizierbar. Jeder Flüchtling hat ein Schicksal, einen ganz persönlichen Grund, seine Heimat zu verlassen. Die einen werden politisch verfolgt oder flüchten vor Krieg und Terror, die meisten sind wohl auf der Suche nach einem besseren Leben. Manche geben offen zu, dass sie in Deutschland in den Genuss von Annehmlichkeiten kommen wollen. Schlepper sprechen von einem Land, in dem Milch und Honig fließen. Dass sich nicht alle über Zuwanderung freuen, dass viele Angst vor Fremden haben, verschweigen sie. Die Mafia kassiert, Menschenhandel ist ein einträgliches Geschäft. Kann man es den Flüchtlingen verübeln? Finanzielle Hilfen, eine Wohnung, eine Arbeitsstelle, ein friedliches und sicheres Leben – wer möchte das nicht haben? Deutschland bietet Schutzsuchenden mehr als viele andere EU-Länder. Viele Menschen beantragen in Deutschland aus politischen Gründen Asyl – wir können nicht wissen, ob zu Recht. Ich denke an die sogenannten Entscheider des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die die Asylanträge dieser Menschen innerhalb kürzester Zeit prüfen müssen. An die Frauen und Männer, die die Spreu vom Weizen trennen sollen. Sie werden sich auf ihre Erfahrung und auf ihr Bauchgefühl verlassen müssen.
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Ich gebe Chaudhys kompletten Namen bei Google ein, recherchiere im Internet – und werde fündig. Das Netz wirft eine Fülle von Informationen und zahlreiche Fotos aus. Ich entdeckte jedoch kein Bild, auf dem ich Chaudhy wiedererkennen würde. Dafür aber einen interessanten Zeitungsbericht vom 10. November 2014, aus dem hervorgeht, dass der Bruder eines pakistanischen Ministers exakt so heißt. Dort steht geschrieben, dieser Mann habe einen rivalisierenden politischen Mitarbeiter der Muslim Conference auf einem Marktplatz angeschossen und schwer verletzt. Dann sei er mit einem Dienstwagen geflüchtet. Ist das der Chaudhy, mit dem ich in Idomeni gesprochen habe? Von politischen Rivalitäten hatte er mir erzählt. Aber hätte mir Chaudhy dann seinen vollen Namen verraten? Oder hat er sich absichtlich eine falsche Identität zugelegt, um politisches Asyl erhalten zu können? Sieht er deshalb älter aus als er womöglich ist? Ist der Zeitungsbericht überhaupt wahr? Oder steht die Wahrheit womöglich auf einem anderen Blatt Papier? Fragen über Fragen, auf die ich vom Schreibtisch aus keine Antworten finden werde. Sollte Chaudhy jemals Deutschland erreichen und hier einen Asylantrag stellen, wird sich ein Entscheider mit genau diesen Fragen beschäftigen müssen. Aber auch er hat nur bescheidene Möglichkeiten und wenig Zeit, solche Fluchtgeschichten auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.
Immerhin kann ich die Frage eines Dewezet-Lesers  beantworten: Ja, unter den Flüchtlingen in Idomeni gibt es Menschen, die aus politischen Gründen Asyl beantragen wollen. Ob zu Recht – wir können es nicht beurteilen.image

Attilas Rezept

Er nennt es Attilas Rezept. Honig und Zitronensaft vermischen und die zähe Masse in ein Fläschchen mit heißem Wasser geben. Schütteln – und fertig ist der Hustensaft. Genial, wenn’s funktioniert. Medizinische Hilfe kann so einfach sein. Dr. Bernhard Römhild vom Deutschen Roten Kreuz steht in einem Zelt und behandelt Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak – am laufenden Band. „Der Nächste, bitte.“ Etwa 90 Frauen, Männer und Kinder würden pro Tag von ihm und seinem Team untersucht, erzählt er mir. imageRollentausch: Heute bin ich für kurze Zeit nicht als Journalist, sondern als ehrenamtliches Mitglied von Interhelp in Nordgriechenland. Dewezet-Leser wollten von mir wissen, ob es Sinn macht, in den griechischen Flüchtlingslagern humanitäre Hilfe zu leisten – und ob Interhelp gedenkt, sich dort zu engagieren.
imageHeute tragen wir die blaue Interhelp-Kappe. Wir haben uns mit Siv Sandvold verabredet, um Antworten zu finden. Die junge Frau aus Norwegen ist Koordinatorin der Hilfsorganisation „A drop in the Ocean“, mit der Interhelp in Sachen humanitäre Hilfe kooperieren könnte. Schon in der Zeltstadt von Idomeni waren Julia und ich beeindruckt davon, wie gut die Norweger arbeiten. Es galt, eine Ladung Damenschuhe an Flüchtlingsfrauen zu verteilen – ohne, dass dabei ein Gewusel ausbricht.

imageKatrine Sanaker, ebenfalls aus Norwegen, hatte uns ihr System erklärt: „Jede Frau bekommt von uns einen kleinen Zettel mit einer Nummer.“ Dann heißt es Schlange stehen. Es klappt. Die Verteilung läuft ruhig und geordnet ab. „Bei den Männern geht es allerdings schon mal etwas lauter zu. Die sind nicht so diszipliniert“, hatte Katrine lächelnd erzählt. Die Freiwilligen von „A drop in the Ocean“ engagieren sich sowohl im „illegalen“ Camp von Idomeni als auch in der offiziellen Zeltstadt „Nea Kavala“, die ganz in der Nähe der zentralmakedonischen Kleinstadt Polykastro liegt. Diese Flüchtlingsunterkunft wird vom griechischen Militär geleitet. Auf dem weitläufigen Gelände arbeitet auch Dr. Römhild vom DRK. Auch ihn wollen wir treffen.

Rein dürfe nur, wer eine Genehmigung vom Verteidigungsministerium in Athen hat, sagt der Wachmann im Tarnfleck-Anzug freundlich, aber bestimmt. Fotografieren ist verboten. Auf dem ehemaligen Flugplatz, der zuletzt als Rennstrecke benutzt wurde, stehen viele große weiße neue Zelte. Gleich hinter dem Wachposten gibt es einen Spielplatz. Auf dem Sandboden und auf einer Wiese toben Kinder. Es gibt Schaukel, Wippe und vieles mehr. Nea Kavala wirkt sauber und aufgeräumt. Ein Vorzeige-Camp, das die Griechen unbedingt der internationalen Öffentlichkeit präsentieren sollten. Ein Platz für 3000 Flüchtlinge – zwar mitten in der griechischen Pampa, aber nur wenige hundert Meter vom nächsten Dorf entfernt. Wir dürfen rein – UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, hat es uns erlaubt. Vor dem Zelt, in dem „A drop in the Ocean“ gebrauchte Kleidung und Hygieneartikel lagert, herrscht geschäftiges Treiben. Freiwillige mit gelben Westen sind fleißig – sie geben Hemden, Pullis, Hosen, Feuchttücher, Seife und andere Hygieneartikel aus. Draußen stehen Flüchtlinge artig Schlange. Kein Palaver, kein Geschrei. Wir hätten die Szenen gern mit der IPhone-Kamera festgehalten, doch zwei Soldaten, die sich im Zelt aufhalten, lassen das nicht zu. Fotografieren verboten. Nebenan leisten das Deutsche und das Finnische Rote Kreuz medizinische Hilfe. Dr. Römhild nimmt einen Zettel von einem kleinen Stapel, der auf seinem Schreibtisch liegt. Es geht um Attilas Rezept. „Wir bräuchten Zitronen“, sagt der Arzt aus Berlin, „damit sich Kranke einen Hustensaft nach Hausrezept mixen können.

Interhelp wird sicher die Idee des DRK aufnehmen, in Absprache mit Dr. Römhild und gemeinsam mit „A drop in the Ocean“ Hilfe in Nea Kavala leisten. Ich weiß: Die einen werden das gut finden, die anderen keinen Sinn darin sehen. Aber es geht um Menschen, die in Not sind. Um nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht gibt es im Weserbergland Menschen, die ein paar Euro für kranke Flüchtlinge in Griechenland erübrigen wollen. Wir werden sehen.

Explosionen an Grenzzaum

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War das ein Tag. Er endete schlimmer, als erwartet. Augen brennen, Gesicht auch. Haut ist gerötet.


imageFolgen der explodierenden Tränengas-Granaten, die die mazedonische Grenzpolizei seit heute Mittag auf Griechenland abfeuert. imageJulias Arme sind gerötet. Ihr Gesicht auch. Sonnenbrand oder Tränengas? Wir wissen es nicht. Mein Gesicht brennt wie Feuer. Wir hatten es schon geahnt. Am Samstag hieß es: „Morgen um neun gehen wir über die Grenze.“ Flüchtlinge hatten es uns erzählt, aber auch George aus Holland, der hier für die Hilfsorganisation „Movement on the Ground“ arbeitet, täglich Bananen an Gestrandete ausgibt und gemeinsam mit seinen Freunden Flüchtlingskinder in einem riesigen Zelt betreut, hatte diese Information irgendwo aufgeschnappt. imageDass es so heftig werden wird, haben wir nicht gedacht. Ein Arzt aus Irland sagt: „So schlimme Szenen habe es in Idomeni noch niemals zuvor gegeben. Ich stelle mir die Fragen: Warum hat die griechische Polizei nur zugeschaut? Warum hat sie nicht wenigstens versucht, den Ansturm auf den Grenzzaun zu verhindern? Wir haben einige Mannschaftsbusse gesehen, aber höchstens vier Dutzend Polizisten gezählt. imageWarum konnten sich Journalisten und Helfer auf diesen Tag vorbereiten – die griechische Polizei aber offenbar nicht? Wir wissen es nicht. Die Polizisten dürfen nicht mit uns sprechen. Der grimmig aussehende Chef hat uns mit den Worten „No english“ abgewiesen. Es hat Ausschreitungen gegeben – und viele Verletzte durch Tränengas. Einige werden auch ein Knalltrauma davongetragen haben. Als wir uns dem Grenzzaun näherten, ist ganz in der Nähe ein Knallkörper explodiert. In meinem rechten Ohr pfeift es. Ein Journalist aus Schweden spricht von der „Schlacht um Idomeni“. Es ist passiert, was passieren musste. Verzweifelte wollen den Grenzzaun überwinden. Sie werfen mit dicken Steinen. Mazedonische Polizisten antworten mit Tränengas und Pyrotechnik. Es sollen auch Gummigeschosse abgefeuert worden sein. Blendgranaten explodieren. So halten die Grenzpolizisten aus Mazedonien die Hoffnungslosen auf Distanz. imageSogar ein Panzerwagen und ein Militärhubschrauber sind im Einsatz. Am Morgen hat sich die Zeltstadt verändert – Flüchtlinge brachen ihre Zelte ab, machten sich auf den Weg zum Grenzzaun. Die griechische Polizei hatte die Gleise nach Mazedonien mit Mannschaftsbussen zugestellt. Ein roter Hubschrauber kreiste über dem Camp. Auf den Schienen versammelten sich immer mehr Menschen – vor den Augen von Pressevertretern aus aller Welt. Martha aus Bilbao hat einen Hilfsgütertransport von Spanien nach Griechenland begleitet. Nun wird auch die Pressefotografin Zeugin von gewalttätigen Ausschreitungen. Sie ist genauso erschrocken wie wir. imageDie Medien werden zum Sprachrohr der Verzweifelten, die auf ihre Situation aufmerksam machen wollen. Die ehrenamtliche Helferin Najida Haghrib aus den Niederlanden ist Koordinatorin von „Movement on the Ground“. Sie hat Verständnis dafür, dass die Flüchtlinge protestieren. Die Situation im Lager sei schließlich nicht die Beste.“ Die Flüchtlinge wollen den Schein wahren – die Welt soll sie leiden sehen. „Lachende und spielende Kinder, tanzende Männer – das soll jedoch niemand sehen“, sagt Najida. image imageAls die Kameramänner filmen, bleiben Mütter und Kinder unsichtbar – sie halten sich in Zelten auf. Die Gestrandeten hoffen, dass die Grenze schon bald geöffnet wird. Manche haben uns gesagt, sie wollten den Zaun überwinden. Irgendwie… Heute sei die Zeit dafür. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Anfangs ist alles friedlich. Die Männer protestieren auf den Gleisen. Auf einem Stück Karton steht: „Open the border!“ image imagePlötzlich setzt sich die Menschenmasse in Bewegung. Am Grenzzaun explodieren Tränengas-Granaten. Laute Knalle, weiße Schwaden. Die mazedonische Polizei schießt Dutzende Tränengas- und Blendgranaten ab – und sie zündet Knallkörper. Dr. William Dienst aus Washington ist mit der Hilfsorganisation SCM Medical Missions an der griechisch-mazedonischen Grenze. Der Notarzt behandelt viele Männer, die Tränengas eingeatmet haben. Zwei sind kurz vor dem Kollaps. Einer bekommt drei Notfall-Spritzen. Sie sollen die allergische Reaktion stoppen. Es hört nicht auf. Tränengas-Granaten fliegen im hohen Bogen von der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawien Mazedonien nach Griechenland. Die Zahl der Verletzten steigt, weil der Wind gedreht hat. Kinder weinen. Auch wir haben etwas abbekommen, es ist aber anfangs nicht ganz so schlimm. Julia hat ihr Trinkwasser Verletzten zur Verfügung gestellt. Sie spülen damit ihre Augen aus. Wir werden meine Ration unter uns aufteilen. Es ist heiß. Wir schwitzen, haben Durst. Und dann erwischt es auch uns: Augen ausspülen, Gesicht waschen – weiter geht’s. Wenn ich es mit meinen tränenden Augen richtig gesehen habe, schießen die Polizisten aus FYROM (Mazedonien) auch von einem Panzerwagen aus. Flüchtlinge entfachen mehrere Feuer. Schwarzer beißender Qualm mischt sich mit dem weißen Reizgas.
Ich kann verstehen, dass Mazedonien
seine Grenzen verteidigt. Ich kann auch nachvollziehen, dass die Flüchtlinge das Warten satt haben. Aber Gewalt ist kein guter Begleiter. Damit macht man sich keine Freunde. In Griechenland und in Mazedonien nicht – und auch nicht in Deutschland. Was erwarten die Flüchtlinge, wenn sie Steine auf Grenzpolizisten werfen, wenn sie einen illegalen Grenzübertritt mit Gewalt durchsetzen wollen? Wie man es in den Wald hineinruft, schallt es wieder heraus, sagt ein Sprichwort. Flüchtlinge und Grenzpolizisten stehen sich nun schon seit Stunden gegenüber – die einen werfen mit Steinen und Mülltonnen, die anderen antworten mit Tränengas- und Blendgranaten. Wir haben uns gehen 15 Uhr etwas zurückgezogen. Man kann schlecht Sätze ins Handy tippen und gleichzeitig den Himmel beobachten. Die Gefahr, von einer Tränengas-Granate getroffen zu werden, ist groß. Gleich werden wir uns wieder dem Grenzzaun nähern uns sehen, was dort passiert.

Im Camp der Gestrandeten

Gewitterstimmung in Idomeni – es grummelt, kracht und donnert. Mal Regen, mal Sonne. So oder ähnlich fühlen wohl auch mehrere Tausend Flüchtlinge, die an der griechisch-mazedonischen Grenze gestrandet sind.

 

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Es ist ein Wechselbad der Gefühle. 30, 40 Tage oder schon länger harren sie auf Bahnschienen und auf Äckern aus. Sie gehen nicht weg von diesem Ort, weil sie zuversichtlich sind, dass der Grenzzaun doch noch geöffnet wird. Das Prinzip Hoffnung lässt sie nicht völlig verzweifeln.

imageEine griechische Ärztin, die in einem Transporter des Gesundheitsministeriums Kranke behandelt, hat gehört, dass viele glauben, das Warten habe schon morgen ein Ende. Wer das Gerücht in die Welt gesetzt hat – die Internistin zuckt mit den Schultern. Kaum jemand möchte im armen Griechenland bleiben. Dabei sind alle in Sicherheit und in der EU. Doch Deutschland lockt. Dort gebe es Hilfen, eine Wohnung, Arbeit – und das meiste Geld, meinen die, mit den wir gesprochen haben. Oft sind die Ehemänner schon in Deutschland. Deren Frauen und Kinder möchten so schnell wie möglich nachkommen. Voller Ungeduld sitzen sie vor der Grenze – und warten ab. Es gibt aber auch diejenigen, die aufgeben haben, die es leid sind, länger zu warten. Sie lassen sich in staatliche Flüchtlingslager bringen. imageHeute wird wieder ein Bus mit Syrern nach Alexandria fahren. 500 bis 800 Flüchtlinge können dort aufgenommen werden. „Ich hoffe sehr, dass es in Alexandria besser sein wird“, sagt Ayad. Die 21-Jährige ist einfach nur müde und will weg von diesem plattgetretenen Acker.
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In der Zeltstadt ist es ungewöhnlich ruhig. Die Stimmung ist gut. Männer grillen Auberginen, Frauen machen Konserven heiß. Dicke Bohnen in Tomatensoße sind beliebt. Kinder spielen Fußball. Junge Leute lachen. Wildes Campen – fast schon romantisch. Alles verläuft in geordneten Bahnen. Die Zeltstadt ist nicht verdreckt. image image imageEs gibt Dixi-Klos und Duschcontainer. Nur hier und da riecht es streng nach Urin und Schweiß. Obwohl es regnet, versinken wir nicht im Schlamm. Der Boden ist mittlerweile festgetrampelt. Wir hatten Schlimmeres erwartet. Die griechische Ärztin nickt. „Ich auch“, sagt die junge Frau. Sie sei angenehm überrascht. Freilich kommt kein Urlaubsfeeling auf. Privatsphäre gibt es kaum. image image

Über uns kreist seit Stunden ein Polizeihubschrauber. Die Heli-Cops schauen sich jede Menschengruppe aus der Luft genauer an. Als wir heute früh zu Fuß von Evzoni nach Idomeni unterwegs ins Camp der Gestrandeten waren, wurden auch wir zweimal von dem blauen Helikopter umrundet und argwöhnisch beäugt. Den Weg ins Zeltlager haben wir uns selbst gesucht. Es ging durch ein Wäldchen, vorbei an Feldern. Aber auch auf vielbefahrenen Straßen sind wir kilometerweit gelaufen. Julia hat die Führung übernommen – und wir haben unser Ziel erreicht. Google Maps und Smartphone sei Dank. Jetzt qualmen meine Füße, schmerzt mein Rücken. Was müssen nur die Flüchtlinge auf ihrem langen Weg nach Westeuropa aushalten. image Neue Schutzsuchende kommen so gut wie gar nicht mehr nach Idomeni. Nur sehr selten kämen hier noch ein paar Neue an“, sagt George, ein Freiwilliger aus Holland, der gemeinsam mit Gleichgesinnten täglich 20 Kisten Bananen einkauft und die Früchte dann im Camp verteilt. Die Polizisten, die wir an der Zufahrt zum Camp treffen, grüßen uns nett. Julia hat mit Flüchtlingen gesprochen, die ihr berichtet haben: „Die Polizisten sind hier wirklich freundlich.“
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Hinter dem verfallenen und vermüllten Bahnhof von Idomeni, in dem ein paar Familien mit kleinen Kindern hausen, treffen wir zwei Ärzte von Humedica. Sie behandeln in einem Partyzelt und in einem Mercedes Sprinter. „Wir machen hier hausärztliche Versorgung“, sagt der Anästhesist Felix Martin aus Bremen. image

Die sei effektiv, nachhaltig und sehr wichtig. Denn: „Wenn die Menschen ihre Krankheiten verschleppen, bekommen sie ein richtiges Problem. Das wollen wir verhindern“, sagt der junge Arzt. 12000 bis 15000 Menschen sollen sich in der Zeltstadt aufhalten. 30 Prozent seien wohl Kinder. „Gefühlt ist jede zehnte Frau schwanger“, meint Martin. Exakte Zahlen gibt es nicht. Es sind nur Schätzungen. Im Camp werde ganz dringend ein Zahnarzt benötigt. Er müsse aber improvisieren können und kurz und schmerzlos Zähne ziehen, sagt Felix Martin. Eine Gynäkologin oder eine Hebamme wären auch vonnöten. Seit drei Wochen hilft Humedica an diesem trostlosen Ort. 120 Patienten kommen im Durchschnitt täglich in die Sprechstunde. Mal mehr, mal weniger. Viele kleine und große Hilfsorganisationen arbeiten in Idomeni. imageOhne die Helfer würde das Camp wohl kaum existieren. Heute Nacht werden wir einen zwielichtigen Ort aufsuchen und investigativ recherchieren – mal sehen, was wir herausfinden.image image image image