Bilder im Kopf


Eine Woche ist vergangen, seit ich aus Idomeni zurückgekehrt bin, und noch immer ist der Kopf voller Bilder und Fragen. Wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet, rede ich. Fange an bei den Dingen, die ich gesehen habe, berichte über meine Eindrücke und ende immer am selben Punkt. Weil das der Punkt ist, der mich als Journalistin am meisten beschäftigt: Was war meine Rolle bei alledem?

Es sind nicht die weinenden Kinder, die schmutzigen Zelte, die Steinewerfer am Zaun, die mich am stärksten bewegen. Was mich nicht loslässt, ist mein eigenes Tun in Idomeni, vor allem aber sind es die Reaktionen, die es hervorgerufen hat. Die Fotos und Videos, sogar die persönlichen Gedanken, das ich veröffentlicht habe, gehörten plötzlich nicht mehr mir, sondern anderen. Sie sahen Dinge darin, die ich nicht gesehen und auch nicht gemeint habe. Ein paar Zelte: Menschenunwürdige Zustände. Ein weinendes Kind: Lügenpresse-Propaganda. Beides konnte ich selbst auf meinen Bildern nicht erkennen.

Interpretiert wurden aber nicht nur die Fotos, sondern auch der Mensch dahinter: Eine kaltherzige Miesmacherin. Eine naive Träumerin. Eine Verbündete. Eine Hetzerin. Das „bin“ ich also. Das „war“ ich auch schon früher, bei anderen Themen, und es hat mich nie (grundsätzlich) ins Grübeln gebracht. Diesmal tut es das. Das Thema ist zu wichtig und zu sensibel, um über irgendetwas mit den Schultern zu zucken.

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Ich betrachte meine eigenen Aufnahmen und frage mich, ob ich es hätte besser machen können. Mir fällt nichts ein. Es war meine Aufgabe zu zeigen, was passiert. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich die wütende Menge am Zaun fotografiert habe – und nicht die hundert Meter freies Feld in meinem Rücken. Das weinende Kind – und nicht die Frau, die unbekümmert lächelnd vor ihrem Verschlag sitzt. Ich habe gezeigt und beschrieben, was mir in der jeweiligen Situation als wichtig erschien. Vielleicht war das nicht genug, um ein glaubwürdiges Bild zu vermitteln.

In den Tagen vor den Ausschreitungen habe ich fröhliche Gruppentänze, Wäscheleinen, lange Warteschlangen und düstere Kabuffs abgelichtet, in denen Menschen wohnten. Ich wollte darüber berichten, was tatsächlich war, und nicht über das, was ich erwartet hatte. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, aber so war der Ansatz.

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Als uns eine Helferin erzählte, dass die Kinder – angeblich auf Anweisung einer Gruppe aus dem Lager – während der Demonstration in den Zelten bleiben sollten, damit die ausländischen Fotografen keine „schönen“ Bilder aus Idomeni zeigen, war ich empört – und filmte erst recht ein paar Kinder am Rande der Demo. Als ich sah, wie geordnet sich der Zug formierte, wie er einer festgelegten Choreografie zu folgen schien und die Menschen an seiner Spitze vor Kameraleuten posierten, war ich wachsam und misstrauisch und suchte einen Standort, der außerhalb des Fokus lag. Als uns jemand im Befehlston mitteilte, was wir nicht filmen sollten, wechselte ich zum Livestream, um – falls nötig – mein Video schon online zu veröffentlichen, bevor mir jemand die Kamera wegnehmen konnte.

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Ich bestand darauf, keine Kinder in der Nähe des Zauns gesehen zu haben, als das Tränengas explodierte, obwohl andere beharrlich das Gegenteil behaupteten. Ich schrieb über die große Masse der Besonnenen, die sich nicht an den Auschreitungen beteiligten. Ich erwähnte Steinewerfer genauso wie ich Kinder fotografierte, die ärztlich behandelt werden mussten. Ich versuchte zu erklären, dass das, was ich sah, kein „Krieg“ war. Genau wie das, was ich in den Tagen davor gesehen hatte, in meinen Augen zwar Not, aber keine „humanitäre Katastrophe“ darstellte. Und auch das habe ich geschrieben.

Vielleicht reicht all das nicht aus, um ein realistisches Bild zu vermitteln, auf das man sich unvoreingenommen einlassen kann. Ohne das Gesehene bei jeder Abweichung von der eigenen Meinung sofort in toto in anzuzweifeln. Für wahrscheinlicher halte ich allerdings, dass Objektivität schon deshalb nicht möglich ist, weil Sender und Empfänger verschiedene Personen sind. Meine eigenen inneren Konflikte, die Abwägungen und Überwindungen, die Schlüsse, die ich gezogen habe, lassen sich nicht in Bilder und offenbar auch schlecht in Worte fassen. Dasselbe gilt für den Betrachter. Und dies umso mehr, je eindeutiger er schon darüber entschieden hat, was er glauben will – und was nicht.

Was ich in Idomeni gelernt habe, ist, dass Bilder tatsächlich in Köpfen entstehen. Man sieht sie mit den Augen, aber der Kopf und das, was schon darin ist, entscheiden darüber, was der Betrachter wahrnimmt. Alles weitere ist ein Verhandlungsprozess über Faktenlage, Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit – der meiner Meinung nach bei der journalistischen Arbeit eine viel wichtigere Rolle spielen sollte als er es im Augenblick tut. Was zeige ich und was wird gesehen? Wie reagieren Menschen auf meine Darstellung? Habe ich etwas übersehen oder (unabsichtlich) verzerrt? Was fehlt?

Durch die Beantwortung von Leserfragen zur Situation vor Ort haben wir versucht, uns so weit wie möglich auf die Interessenlage des Publikums einzustellen und uns bei allem, was wir taten, davon leiten zu lassen. Auch in den Blogbeiträgen, auf der Dewezet-Facebook-Seite sowie auf unseren persönlichen Facebook-Profilen und Twitter-Accounts haben wir uns fortlaufend um aktuelle Informationen und Antworten bemüht. Ergänzend dazu stelle ich hier nun mein Videomaterial von den Zwischenfällen vom 10. April 2016 in voller Länge ein und beschreibe anhand dieses Beispiels, was man sieht, was man nicht sieht und was man darin sehen kann („Meine Interpretation“). Für mich ist dies ebenfalls Teil eines Prozesses namens „Berichterstattung“, den ich in diesem Fall so transparent wie möglich gestalten will.

Erste Szene: Man sieht Frauen, Kinder und Männer mit Gepäck, die langsam laufen. Was man nicht sieht, sind die Zeltplätze, die sie aufgegeben haben. Sie liegen links der Szene. Meine Interpretation war, dass die Leute tatsächlich die Hoffnung hatten, an diesem Tag die Grenze zu passieren und dafür einen „sicheren“ Schlafplatz aufgegeben haben.

Zweite Szene: Man sieht Demonstranten und eine Gruppe von Männern, die ein Zelt beiseite tragen. Davor Polizeibusse, die den Zugang zur Grenze blockieren. Was man nicht sieht: Die große Zahl von Demonstranten, die sich schon auf den Gleisen versammelt hat. Meine Interpretation: Das Zelt wird entfernt, um bessere Bedingungen für die Fotografen zu schaffen. Ebenfalls denkbar: Das Zelt wird entfernt, damit bei einem eventuellen Sturm auf den Grenzübergang nichts im Weg steht.

Dritte Szene: Ein Hubschrauber fliegt über die Menge. Aufklärungsflug?

Vierte Szene: Ein Mann steht vor den Fotografen und Kameraleuten, ruft und hält ein Buch in die Luft. Was man nicht sieht: Wenig später wird er von anderen Demonstranten beiseite gedrängt. Meine Interpretation: Ein unerwünschter Quertreiber, der die Gunst der Stunde nutzt, um den Koran in die Kameras zu halten. Für mich ebenfalls denkbar: Ein religiös motivierter Einpeitscher, der die Menschen auf seine Sache einschwört. Dabei weiß ich nicht einmal, ob es wirklich ein Koran war.

Fünfte Szene: Man sieht Kinder, die unmittelbar neben dem Demonstrationszug vor ihren Zelten spielen, Erwachsene, die scheinbar unbeteiligt daneben stehen. Meine Interpretation: Nicht alle Bewohner des Lagers bereiten sich auf einen Marsch auf die Grenze vor. Vielleicht glauben sie nicht an einen Erfolg oder wissen nicht, dass außer einer Demonstration auch noch weitere Aktionen geplant sind.

Sechste und siebte Szene: Man sieht, wie sich der Zug ruhig in Bewegung setzt und ungehindert an den Polizeibussen vorbei in Richtung Feld läuft. Keine Attacken auf die Busse, kein Eingreifen der Polizei. Man hört Jubel und Pfiffe, im Hintergrund steigt Rauch auf. In der zweiten Szene sieht man die Menge, die auf das Feld vor dem Grenzzaun läuft. Was man nicht sieht: Die Polizisten stehen nur auf der feldabgewandten Seite neben den Bussen. Sie tragen Helme, aber keine Handschuhe. Meine Interpretation: Der Marsch auf die Grenze ist keine spontane Aktion. Der Ablauf ist geplant und die Polizei vor Ort scheint nicht überrascht zu sein. Ebenfalls denkbar: Zuwenig Einsatzkräfte vor Ort, um einschreiten zu können. Deeskalationstaktik?

Neunte Szene: Man sieht Männer, Frauen und Kinder, die das Geschehen auf dem Feld beobachten. Viele tragen Gepäck bei sich. Meine Interpretation: Viele wollen über die Grenze, aber nur wenige beteiligen sich an den Attacken auf den Zaun. Vielleicht verfügen nicht alle über dieselben Informationen. Ebenfalls denkbar: Es handelt sich um Schaulustige.

Zehnte Szene: Man sieht eine Gruppe, die einen Verletzten umringt. Sein Gesicht ist gerötet, die Umstehenden versuchen, mit Zitronensaft und Cola das Tränengas zu neutralisieren. Was man nicht sieht: Es gibt hier plötzlich viele Zitronen, außerdem reiben sich einige die Gesichter dick mit weißer Creme ein. Sehr schnell sind auch (behelfsmäßige) Tragen zum Bergen der Verletzten und Decken, mit denen die qualmenden Granaten erstickt werden, auf dem Feld. Meine Interpretation: Die Demonstrationsteilnehmer sind vorbereitet auf den Einsatz von Tränengas. Ebenfalls denkbar: Die Selbstorganisation funktioniert auch in dieser Situation sehr gut und schnell.

Elfte Szene: Ein Mann läuft zum Notarztwagen. Auf dem Arm trägt er ein weinendes Kind. Er kommt nicht vom Feld, sondern aus Richtung Lager. Was man nicht sieht: Wie das Kind anschließend von medizinischem Personal behandelt wird. Meine Interpretation (nachdem ich bei drehendem Wind selbst Gas abbekommen habe, das bis zu den Zelten wehte): Das Kind wurde nicht auf dem Feld verletzt. Ebenfalls möglich: Das Kind war zwischen den Demonstranten auf dem Feld und wurde, vielleicht aus Unwissenheit, erst auf einem Umweg zum Notarzt getragen. Auch denkbar: Auf der anderen Seite des Lagers, außerhalb meines Blickfeldes, ist eine Granate zwischen den Zelten eingeschlagen.

Zwölfte Szene: Die Demonstranten sind weniger geworden und konzentrieren sich auf einen Bereich in der Nähe des Grenzübergangs. Hier steigt schwarzer Rauch auf. Außerdem sieht man Menschen, die das Geschehen passiv verfolgen. Meine Interpretation: Die Ausschreitungen nähern sich dem Ende, die Mehrzahl der Teilnehmer hat aufgegeben.

Dreizehnte Szene: Hinter dem Zaun fährt ein Panzer in Richtung Grenzübergang. Man sieht einige Grenzschützer an der Stelle, wo es Flüchtlingen gelungen ist, den Zaun zu durchbrechen. Jetzt gibt es an dieser Stelle keine Attacken mehr. Von dem Vorfall selbst habe ich bis dahin nicht mitbekommen. Meine Interpretation: Die Soldaten/Polizisten wollen mit allen Mitteln einen erneuten Durchbruch verhindern.

Vierzehnte Szene: Ein Hubschrauber steigt über dem Zaun auf, fliegt an der Grenze entlang und dreht schließlich ab. Meine Interpretation: Das Manöver wirkt wie eine Drohgebärde, die den letzten aktiven Demonstranten am Zaun gilt. Ebenfalls denkbar: Ein ganz normales Flugmanöver.

Fünfzehnte Szene: Noch immer attackieren Demonstranten den Zaun in der Nähe des Grenzübergangs. Man hört mehrere Explosionen hintereinander und sieht in unmittelbarer Nähe der Grenzanlagen aufsteigenden Qualm. Meine Interpretation: Der Beschuss wird noch einmal verstärkt, um die letzte Gruppe endgültig zu zerstreuen. Dabei konzentriert man sich auf die Bereiche, in denen sich viele Demonstranten aufhalten.

Sechzehnte Szene: Menschen ziehen sich eilig vom Zaun zurück. Man sieht ein qualmendes Zelt und Tränengaswolken. Meine Interpretation: Einige Granaten wurden bis an den Rand des Lagers geschossen, weil sich die Demonstranten immer wieder in diesen Bereich zurückgezogen haben. Einen gezielten Beschuss der Zelte kann ich, nach allem was ich gesehen habe, persönlich daraus nicht ableiten.

Siebzehnte Szene: Ein Rettungswagen entfernt sich mit Blaulicht und Sirene. Was man nicht sieht: Den mobilen medizinischen Posten (2 Wagen), der zwischen den Zelten hinter dem Feld eingerichtet war. Dort haben wir gesehen, wie ein kollabierter Demonstrationsteilnehmer mit mehreren Spritzen behandelt wurde. Meine Interpretation: Offenbar gab es Verletzte, die aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht werden mussten. Ebenfalls denkbar: Der Krankenwagen bahnt sich einen Weg, um das Lager (leer?) zu verlassen.

Achtzehnte Szene: Polizisten begleiten einen Mannschaftsbus, der den griechischen Grenzposten passiert. Man kann nicht erkennen, ob der Bus besetzt ist. Auch hier sieht man, dass die Polizisten keine Handschuhe tragen (in Deutschland wäre das bei einem Einsatz anders) und niemand den Bus behindert oder attackiert. Meine Interpretation: Es hat auch während der Ausschreitungen auf dem Feld keine direkten Angriffe auf den griechischen Grenzposten gegeben, der außerhalb unserer Sichtweite lag. Die Polizisten waren nicht aktiv am Geschehen beteiligt. Ebenfalls denkbar: Die Demonstranten sind zu erschöpft, um sich mit den griechischen Sicherheitskräften anzulegen.

Neunzehnte Szene: Rückzug von Demonstranten, es sind nur noch wenige auf dem Feld. Was man nicht sieht: Eine kleine Gruppe setzt die Angriffe auf den Zaun noch lange fort. Meine Interpretation: Einigen geht es (jetzt) nicht mehr ums Durchbrechen, sondern darum, ihrer Enttäuschung und ihrer Wut Luft zu machen. Ich habe allerdings den Zaun und seinen Zustand nicht aus der Nähe gesehen, vielleicht gab es noch Grund zur Hoffnung.

 

 

 

 

 

 

One thought on “Bilder im Kopf

  1. Hallo Frau Niemeyer,

    die Basis der Kritik betrifft ihre Bereitschaft – nicht nur zu sehen, sondern – nachzudenken.

    Leid gibt es auf der ganzen Welt. Das kann man überall mit der Kamera einfangen.

    Die Frage ist: Können Sie darüber nachdenken, ob es die richtige Entscheidung ist, dass Deutschland:
    „Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Flüchtlinge aufnehmen soll, ihnen Deutsch beibringen soll, Wohnungen für sie bauen soll“.

    Ist das die richtige Entscheidung für Deutschland? Wurde das Volk dazu befragt? und ist das auch die richtige Entscheidung für die Flüchtlinge?

    Gehen Sie davon aus, dass Deutschland ein Paradies für alle ist? Wissen Sie, dass sehr viele Flüchtlinge Emanzipation, Schwule und Toleranz gegenüber anderen Religionen ablehnen. Wissen Sie, dass viele die USA hassen.
    Wissen Sie, dass viele Flüchtlinge mit ihrer geringen Qualifikation, die sie mitbringen nie mehr sein werden, als Hilfsarbeiter. Anderswo wäre vielleicht ein Aufstieg möglich. Hier werden die Töchter eventuell frühzeitig sexuelle Erfahrungen machen wollen – auch diese Vorstellung ist nicht für alle Flüchtlingseltern paradiesisch.

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