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Bilder im Kopf


Eine Woche ist vergangen, seit ich aus Idomeni zurückgekehrt bin, und noch immer ist der Kopf voller Bilder und Fragen. Wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet, rede ich. Fange an bei den Dingen, die ich gesehen habe, berichte über meine Eindrücke und ende immer am selben Punkt. Weil das der Punkt ist, der mich als Journalistin am meisten beschäftigt: Was war meine Rolle bei alledem?

Es sind nicht die weinenden Kinder, die schmutzigen Zelte, die Steinewerfer am Zaun, die mich am stärksten bewegen. Was mich nicht loslässt, ist mein eigenes Tun in Idomeni, vor allem aber sind es die Reaktionen, die es hervorgerufen hat. Die Fotos und Videos, sogar die persönlichen Gedanken, das ich veröffentlicht habe, gehörten plötzlich nicht mehr mir, sondern anderen. Sie sahen Dinge darin, die ich nicht gesehen und auch nicht gemeint habe. Ein paar Zelte: Menschenunwürdige Zustände. Ein weinendes Kind: Lügenpresse-Propaganda. Beides konnte ich selbst auf meinen Bildern nicht erkennen.

Interpretiert wurden aber nicht nur die Fotos, sondern auch der Mensch dahinter: Eine kaltherzige Miesmacherin. Eine naive Träumerin. Eine Verbündete. Eine Hetzerin. Das „bin“ ich also. Das „war“ ich auch schon früher, bei anderen Themen, und es hat mich nie (grundsätzlich) ins Grübeln gebracht. Diesmal tut es das. Das Thema ist zu wichtig und zu sensibel, um über irgendetwas mit den Schultern zu zucken.

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Ich betrachte meine eigenen Aufnahmen und frage mich, ob ich es hätte besser machen können. Mir fällt nichts ein. Es war meine Aufgabe zu zeigen, was passiert. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich die wütende Menge am Zaun fotografiert habe – und nicht die hundert Meter freies Feld in meinem Rücken. Das weinende Kind – und nicht die Frau, die unbekümmert lächelnd vor ihrem Verschlag sitzt. Ich habe gezeigt und beschrieben, was mir in der jeweiligen Situation als wichtig erschien. Vielleicht war das nicht genug, um ein glaubwürdiges Bild zu vermitteln.

In den Tagen vor den Ausschreitungen habe ich fröhliche Gruppentänze, Wäscheleinen, lange Warteschlangen und düstere Kabuffs abgelichtet, in denen Menschen wohnten. Ich wollte darüber berichten, was tatsächlich war, und nicht über das, was ich erwartet hatte. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, aber so war der Ansatz.

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Als uns eine Helferin erzählte, dass die Kinder – angeblich auf Anweisung einer Gruppe aus dem Lager – während der Demonstration in den Zelten bleiben sollten, damit die ausländischen Fotografen keine „schönen“ Bilder aus Idomeni zeigen, war ich empört – und filmte erst recht ein paar Kinder am Rande der Demo. Als ich sah, wie geordnet sich der Zug formierte, wie er einer festgelegten Choreografie zu folgen schien und die Menschen an seiner Spitze vor Kameraleuten posierten, war ich wachsam und misstrauisch und suchte einen Standort, der außerhalb des Fokus lag. Als uns jemand im Befehlston mitteilte, was wir nicht filmen sollten, wechselte ich zum Livestream, um – falls nötig – mein Video schon online zu veröffentlichen, bevor mir jemand die Kamera wegnehmen konnte.

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Ich bestand darauf, keine Kinder in der Nähe des Zauns gesehen zu haben, als das Tränengas explodierte, obwohl andere beharrlich das Gegenteil behaupteten. Ich schrieb über die große Masse der Besonnenen, die sich nicht an den Auschreitungen beteiligten. Ich erwähnte Steinewerfer genauso wie ich Kinder fotografierte, die ärztlich behandelt werden mussten. Ich versuchte zu erklären, dass das, was ich sah, kein „Krieg“ war. Genau wie das, was ich in den Tagen davor gesehen hatte, in meinen Augen zwar Not, aber keine „humanitäre Katastrophe“ darstellte. Und auch das habe ich geschrieben.

Vielleicht reicht all das nicht aus, um ein realistisches Bild zu vermitteln, auf das man sich unvoreingenommen einlassen kann. Ohne das Gesehene bei jeder Abweichung von der eigenen Meinung sofort in toto in anzuzweifeln. Für wahrscheinlicher halte ich allerdings, dass Objektivität schon deshalb nicht möglich ist, weil Sender und Empfänger verschiedene Personen sind. Meine eigenen inneren Konflikte, die Abwägungen und Überwindungen, die Schlüsse, die ich gezogen habe, lassen sich nicht in Bilder und offenbar auch schlecht in Worte fassen. Dasselbe gilt für den Betrachter. Und dies umso mehr, je eindeutiger er schon darüber entschieden hat, was er glauben will – und was nicht.

Was ich in Idomeni gelernt habe, ist, dass Bilder tatsächlich in Köpfen entstehen. Man sieht sie mit den Augen, aber der Kopf und das, was schon darin ist, entscheiden darüber, was der Betrachter wahrnimmt. Alles weitere ist ein Verhandlungsprozess über Faktenlage, Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit – der meiner Meinung nach bei der journalistischen Arbeit eine viel wichtigere Rolle spielen sollte als er es im Augenblick tut. Was zeige ich und was wird gesehen? Wie reagieren Menschen auf meine Darstellung? Habe ich etwas übersehen oder (unabsichtlich) verzerrt? Was fehlt?

Durch die Beantwortung von Leserfragen zur Situation vor Ort haben wir versucht, uns so weit wie möglich auf die Interessenlage des Publikums einzustellen und uns bei allem, was wir taten, davon leiten zu lassen. Auch in den Blogbeiträgen, auf der Dewezet-Facebook-Seite sowie auf unseren persönlichen Facebook-Profilen und Twitter-Accounts haben wir uns fortlaufend um aktuelle Informationen und Antworten bemüht. Ergänzend dazu stelle ich hier nun mein Videomaterial von den Zwischenfällen vom 10. April 2016 in voller Länge ein und beschreibe anhand dieses Beispiels, was man sieht, was man nicht sieht und was man darin sehen kann („Meine Interpretation“). Für mich ist dies ebenfalls Teil eines Prozesses namens „Berichterstattung“, den ich in diesem Fall so transparent wie möglich gestalten will.

Erste Szene: Man sieht Frauen, Kinder und Männer mit Gepäck, die langsam laufen. Was man nicht sieht, sind die Zeltplätze, die sie aufgegeben haben. Sie liegen links der Szene. Meine Interpretation war, dass die Leute tatsächlich die Hoffnung hatten, an diesem Tag die Grenze zu passieren und dafür einen „sicheren“ Schlafplatz aufgegeben haben.

Zweite Szene: Man sieht Demonstranten und eine Gruppe von Männern, die ein Zelt beiseite tragen. Davor Polizeibusse, die den Zugang zur Grenze blockieren. Was man nicht sieht: Die große Zahl von Demonstranten, die sich schon auf den Gleisen versammelt hat. Meine Interpretation: Das Zelt wird entfernt, um bessere Bedingungen für die Fotografen zu schaffen. Ebenfalls denkbar: Das Zelt wird entfernt, damit bei einem eventuellen Sturm auf den Grenzübergang nichts im Weg steht.

Dritte Szene: Ein Hubschrauber fliegt über die Menge. Aufklärungsflug?

Vierte Szene: Ein Mann steht vor den Fotografen und Kameraleuten, ruft und hält ein Buch in die Luft. Was man nicht sieht: Wenig später wird er von anderen Demonstranten beiseite gedrängt. Meine Interpretation: Ein unerwünschter Quertreiber, der die Gunst der Stunde nutzt, um den Koran in die Kameras zu halten. Für mich ebenfalls denkbar: Ein religiös motivierter Einpeitscher, der die Menschen auf seine Sache einschwört. Dabei weiß ich nicht einmal, ob es wirklich ein Koran war.

Fünfte Szene: Man sieht Kinder, die unmittelbar neben dem Demonstrationszug vor ihren Zelten spielen, Erwachsene, die scheinbar unbeteiligt daneben stehen. Meine Interpretation: Nicht alle Bewohner des Lagers bereiten sich auf einen Marsch auf die Grenze vor. Vielleicht glauben sie nicht an einen Erfolg oder wissen nicht, dass außer einer Demonstration auch noch weitere Aktionen geplant sind.

Sechste und siebte Szene: Man sieht, wie sich der Zug ruhig in Bewegung setzt und ungehindert an den Polizeibussen vorbei in Richtung Feld läuft. Keine Attacken auf die Busse, kein Eingreifen der Polizei. Man hört Jubel und Pfiffe, im Hintergrund steigt Rauch auf. In der zweiten Szene sieht man die Menge, die auf das Feld vor dem Grenzzaun läuft. Was man nicht sieht: Die Polizisten stehen nur auf der feldabgewandten Seite neben den Bussen. Sie tragen Helme, aber keine Handschuhe. Meine Interpretation: Der Marsch auf die Grenze ist keine spontane Aktion. Der Ablauf ist geplant und die Polizei vor Ort scheint nicht überrascht zu sein. Ebenfalls denkbar: Zuwenig Einsatzkräfte vor Ort, um einschreiten zu können. Deeskalationstaktik?

Neunte Szene: Man sieht Männer, Frauen und Kinder, die das Geschehen auf dem Feld beobachten. Viele tragen Gepäck bei sich. Meine Interpretation: Viele wollen über die Grenze, aber nur wenige beteiligen sich an den Attacken auf den Zaun. Vielleicht verfügen nicht alle über dieselben Informationen. Ebenfalls denkbar: Es handelt sich um Schaulustige.

Zehnte Szene: Man sieht eine Gruppe, die einen Verletzten umringt. Sein Gesicht ist gerötet, die Umstehenden versuchen, mit Zitronensaft und Cola das Tränengas zu neutralisieren. Was man nicht sieht: Es gibt hier plötzlich viele Zitronen, außerdem reiben sich einige die Gesichter dick mit weißer Creme ein. Sehr schnell sind auch (behelfsmäßige) Tragen zum Bergen der Verletzten und Decken, mit denen die qualmenden Granaten erstickt werden, auf dem Feld. Meine Interpretation: Die Demonstrationsteilnehmer sind vorbereitet auf den Einsatz von Tränengas. Ebenfalls denkbar: Die Selbstorganisation funktioniert auch in dieser Situation sehr gut und schnell.

Elfte Szene: Ein Mann läuft zum Notarztwagen. Auf dem Arm trägt er ein weinendes Kind. Er kommt nicht vom Feld, sondern aus Richtung Lager. Was man nicht sieht: Wie das Kind anschließend von medizinischem Personal behandelt wird. Meine Interpretation (nachdem ich bei drehendem Wind selbst Gas abbekommen habe, das bis zu den Zelten wehte): Das Kind wurde nicht auf dem Feld verletzt. Ebenfalls möglich: Das Kind war zwischen den Demonstranten auf dem Feld und wurde, vielleicht aus Unwissenheit, erst auf einem Umweg zum Notarzt getragen. Auch denkbar: Auf der anderen Seite des Lagers, außerhalb meines Blickfeldes, ist eine Granate zwischen den Zelten eingeschlagen.

Zwölfte Szene: Die Demonstranten sind weniger geworden und konzentrieren sich auf einen Bereich in der Nähe des Grenzübergangs. Hier steigt schwarzer Rauch auf. Außerdem sieht man Menschen, die das Geschehen passiv verfolgen. Meine Interpretation: Die Ausschreitungen nähern sich dem Ende, die Mehrzahl der Teilnehmer hat aufgegeben.

Dreizehnte Szene: Hinter dem Zaun fährt ein Panzer in Richtung Grenzübergang. Man sieht einige Grenzschützer an der Stelle, wo es Flüchtlingen gelungen ist, den Zaun zu durchbrechen. Jetzt gibt es an dieser Stelle keine Attacken mehr. Von dem Vorfall selbst habe ich bis dahin nicht mitbekommen. Meine Interpretation: Die Soldaten/Polizisten wollen mit allen Mitteln einen erneuten Durchbruch verhindern.

Vierzehnte Szene: Ein Hubschrauber steigt über dem Zaun auf, fliegt an der Grenze entlang und dreht schließlich ab. Meine Interpretation: Das Manöver wirkt wie eine Drohgebärde, die den letzten aktiven Demonstranten am Zaun gilt. Ebenfalls denkbar: Ein ganz normales Flugmanöver.

Fünfzehnte Szene: Noch immer attackieren Demonstranten den Zaun in der Nähe des Grenzübergangs. Man hört mehrere Explosionen hintereinander und sieht in unmittelbarer Nähe der Grenzanlagen aufsteigenden Qualm. Meine Interpretation: Der Beschuss wird noch einmal verstärkt, um die letzte Gruppe endgültig zu zerstreuen. Dabei konzentriert man sich auf die Bereiche, in denen sich viele Demonstranten aufhalten.

Sechzehnte Szene: Menschen ziehen sich eilig vom Zaun zurück. Man sieht ein qualmendes Zelt und Tränengaswolken. Meine Interpretation: Einige Granaten wurden bis an den Rand des Lagers geschossen, weil sich die Demonstranten immer wieder in diesen Bereich zurückgezogen haben. Einen gezielten Beschuss der Zelte kann ich, nach allem was ich gesehen habe, persönlich daraus nicht ableiten.

Siebzehnte Szene: Ein Rettungswagen entfernt sich mit Blaulicht und Sirene. Was man nicht sieht: Den mobilen medizinischen Posten (2 Wagen), der zwischen den Zelten hinter dem Feld eingerichtet war. Dort haben wir gesehen, wie ein kollabierter Demonstrationsteilnehmer mit mehreren Spritzen behandelt wurde. Meine Interpretation: Offenbar gab es Verletzte, die aufgrund der Schwere ihrer Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht werden mussten. Ebenfalls denkbar: Der Krankenwagen bahnt sich einen Weg, um das Lager (leer?) zu verlassen.

Achtzehnte Szene: Polizisten begleiten einen Mannschaftsbus, der den griechischen Grenzposten passiert. Man kann nicht erkennen, ob der Bus besetzt ist. Auch hier sieht man, dass die Polizisten keine Handschuhe tragen (in Deutschland wäre das bei einem Einsatz anders) und niemand den Bus behindert oder attackiert. Meine Interpretation: Es hat auch während der Ausschreitungen auf dem Feld keine direkten Angriffe auf den griechischen Grenzposten gegeben, der außerhalb unserer Sichtweite lag. Die Polizisten waren nicht aktiv am Geschehen beteiligt. Ebenfalls denkbar: Die Demonstranten sind zu erschöpft, um sich mit den griechischen Sicherheitskräften anzulegen.

Neunzehnte Szene: Rückzug von Demonstranten, es sind nur noch wenige auf dem Feld. Was man nicht sieht: Eine kleine Gruppe setzt die Angriffe auf den Zaun noch lange fort. Meine Interpretation: Einigen geht es (jetzt) nicht mehr ums Durchbrechen, sondern darum, ihrer Enttäuschung und ihrer Wut Luft zu machen. Ich habe allerdings den Zaun und seinen Zustand nicht aus der Nähe gesehen, vielleicht gab es noch Grund zur Hoffnung.

 

 

 

 

 

 

Nepper, Schlepper, Seelenfänger

Chaudhy hat eine lange Reise hinter sich – und noch einen weiten Weg vor sich. Ob er jemals sein Ziel erreicht? Er weiß es nicht, aber er hofft es. Deutschland ist das Land seiner Träume. Dort möchte er leben. In Frieden und ohne Angst. Daheim in Pakistan, behauptet Chaudhy, werde er politisch verfolgt. Man trachte ihm dort nach dem Leben, sagt er. Ob seine Geschichte stimmt – wir wissen es nicht. Wie sollen wir seine Angaben überprüfen?

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Der Mann mit dem gepflegten grauen Vollbart, der hohen Stirn und den wachen braunen Augen ist angeblich erst 45 Jahre alt, er sieht jedoch deutlich älter aus. Er sei Mitglied der People’s Party of Pakistan gewesen und habe sich den Zorn des politischen Gegners zugezogen, erzählt der allem Anschein nach gebildete Mann, der seit Monaten auf der Flucht ist. Mit Bussen sei er von Pakistan in den Iran und von dort weiter in die Türkei gefahren. Mit einem kleinen Boot ging’s dann weiter über das Meer auf die griechische Insel Lesbos und schließlich mit der Fähre nach Athen. 3000 Euro will er Schleppern bezahlt haben.

Seine Frau sei tot – Herzinfarkt. Die neunjährige Tochter und der ältere Sohn (12) lebten bei seiner Mutter in Pakistan. Sein Bruder sei Lehrer. Ich frage Chaudhy, warum seine Kinder ihn nicht begleiten. Sie müssten doch daheim auch in ernster Gefahr sein. Der Flüchtling bleibt vage, versteht angeblich nicht ganz so genau, was ich meine. Stattdessen fragt er mich, wer denn schuld sei an den ganzen Kriegen, an dem Zorn und an dem Terror in dieser Welt. Er meint, die USA sollten sich lieber raushalten und nicht Menschen töten. „Die Welt ist ein Haus, ein globales Dorf. Wir sind alle Brüder“, meint Chaudhy. „Wir brauchen Frieden.“ Recht hat er, aber so einfach ist leider nicht.

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Erst am Morgen hat der Pakistaner das Camp der Vergessenen an der griechisch-mazedonischen Grenze erreicht. Zuvor hatte er sich eigenen Angaben zufolge längere Zeit in Athen aufgehalten. Warum er ausgerechnet nach Idomeni gekommen ist? Er muss doch gewusst haben, dass Mazedonien seine Grenze geschlossen hat. Chaudhy scheint mich plötzlich nicht mehr zu verstehen. Jedenfalls erhalte ich keine Antwort. Möglich, dass jemand dem Pakistaner erzählt hat, dass die Flüchtlinge an diesem Tag den Grenzzaun überwinden werden.

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Es ist eine Geschichte von vielen. Kaum verifizierbar. Jeder Flüchtling hat ein Schicksal, einen ganz persönlichen Grund, seine Heimat zu verlassen. Die einen werden politisch verfolgt oder flüchten vor Krieg und Terror, die meisten sind wohl auf der Suche nach einem besseren Leben. Manche geben offen zu, dass sie in Deutschland in den Genuss von Annehmlichkeiten kommen wollen. Schlepper sprechen von einem Land, in dem Milch und Honig fließen. Dass sich nicht alle über Zuwanderung freuen, dass viele Angst vor Fremden haben, verschweigen sie. Die Mafia kassiert, Menschenhandel ist ein einträgliches Geschäft. Kann man es den Flüchtlingen verübeln? Finanzielle Hilfen, eine Wohnung, eine Arbeitsstelle, ein friedliches und sicheres Leben – wer möchte das nicht haben? Deutschland bietet Schutzsuchenden mehr als viele andere EU-Länder. Viele Menschen beantragen in Deutschland aus politischen Gründen Asyl – wir können nicht wissen, ob zu Recht. Ich denke an die sogenannten Entscheider des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die die Asylanträge dieser Menschen innerhalb kürzester Zeit prüfen müssen. An die Frauen und Männer, die die Spreu vom Weizen trennen sollen. Sie werden sich auf ihre Erfahrung und auf ihr Bauchgefühl verlassen müssen.
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Ich gebe Chaudhys kompletten Namen bei Google ein, recherchiere im Internet – und werde fündig. Das Netz wirft eine Fülle von Informationen und zahlreiche Fotos aus. Ich entdeckte jedoch kein Bild, auf dem ich Chaudhy wiedererkennen würde. Dafür aber einen interessanten Zeitungsbericht vom 10. November 2014, aus dem hervorgeht, dass der Bruder eines pakistanischen Ministers exakt so heißt. Dort steht geschrieben, dieser Mann habe einen rivalisierenden politischen Mitarbeiter der Muslim Conference auf einem Marktplatz angeschossen und schwer verletzt. Dann sei er mit einem Dienstwagen geflüchtet. Ist das der Chaudhy, mit dem ich in Idomeni gesprochen habe? Von politischen Rivalitäten hatte er mir erzählt. Aber hätte mir Chaudhy dann seinen vollen Namen verraten? Oder hat er sich absichtlich eine falsche Identität zugelegt, um politisches Asyl erhalten zu können? Sieht er deshalb älter aus als er womöglich ist? Ist der Zeitungsbericht überhaupt wahr? Oder steht die Wahrheit womöglich auf einem anderen Blatt Papier? Fragen über Fragen, auf die ich vom Schreibtisch aus keine Antworten finden werde. Sollte Chaudhy jemals Deutschland erreichen und hier einen Asylantrag stellen, wird sich ein Entscheider mit genau diesen Fragen beschäftigen müssen. Aber auch er hat nur bescheidene Möglichkeiten und wenig Zeit, solche Fluchtgeschichten auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.
Immerhin kann ich die Frage eines Dewezet-Lesers  beantworten: Ja, unter den Flüchtlingen in Idomeni gibt es Menschen, die aus politischen Gründen Asyl beantragen wollen. Ob zu Recht – wir können es nicht beurteilen.image

Die Not-Gemeinschaft

Idomeni, die Endstation. Das Lager der Gestrandeten. Die Schande, das Chaos, die Katastrophe, das Versagen. Das Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze trägt viele Titel, und alle zu Recht. Sie bezeichnen das, was Lager ist in Idomeni, und das ist das meiste. Aber Idomeni ist mehr als das. Wer begreifen will, warum das Camp nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Helfer aus aller Welt anzieht und hält – trotz Schlamm, Dreck, Lärm und Gefahr – muss sich wenigstens für Momente die Frage erlauben, was positiv ist an diesem Lager.

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Vieles davon ist auf den ersten Blick einleuchtend: Die Nähe zur Grenze, kein Zwang, sich registrieren zu lassen. Das – angeblich – bessere Essen. Kein Militär, dessen bloße Präsenz vielen Menschen Angst einjagt. All das bietet Idomeni seinen Bewohnern, und für viele ist das wahrscheinlich Grund genug zu bleiben.

Trotzdem glaube ich mittlerweile, dass es noch andere, weniger konkrete Gründe gibt, denn Idomeni ist mehr als ein Lager. image

Worin dieses Mehr besteht, kann man ansatzweise erkennen, wenn man für einen Moment die Filter ausschaltet, die den Beobachter zwingen, das Leben im Lager als Elend wahrzunehmen. Man sieht dann nur noch Leben – und davon eine ganze Menge. Zwischen den Zelten, in den Gemeinschaftseinrichtungen und auf den Wegen entlang des Camps herrscht buntes, lautes, lebendiges Miteinander. Mitten in der Not und vielleicht gerade deshalb lebendiger als alles, was ich in meinem Leben bisher gesehen habe. image

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Jenseits der Tatsache, dass Idomeni ein Elendslager ist, ist es eine Gemeinschaft, die von Ideen getragen wird. Hier würde nichts funktionieren, gäbe es keine Visionen. In Idomeni, so scheint es, wird aus den Sehnsüchten vieler Einzelner eine Wirklichkeit, der man sich kaum verschließen kann.

Man hört sie in den engagierten Worten der Helfer, die wissen, dass ihre Arbeit hier alles zusammenhält. Selbst wenn sie „nur“ Bananen verteilen. Vor dem Hintergrund des Existenzkampfes, der im Lager allgegenwärtig ist, wird jeder Handgriff wert- und sinnvoll. Wer wünscht sich das nicht?imageimage

Dieselbe Vision schwingt in vielen Erzählungen der Flüchtlinge mit, die von ihrem Alltag berichten. „Friendly“ sei hier jeder, und wenn sie „We“ sagen, meinen sie oft die ganze Gemeinschaft, die sich hier zusammengefunden hat. Die einen auf der Suche nach einem besseren Leben, die anderen entschlossen, wenigstens im Kleinen eben jene Welt zu erschaffen, die im Großen unerreichbar ist. Idomeni ist Projektionsfläche für Sehnsüchte, die wir alle kennen: Solidarität, Nächstenliebe, Sinn, Autonomie und Menschlichkeit. image

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Das ist die andere Seite des Lagers: Idomeni, die bessere Welt – in den Augen ihrer Schöpfer. Besser als die offiziellen Lager, in denen Ordnung und Sicherheit winken, aber gleichzeitig Entmündigung droht, und offenbar wertvoller als vieles, was Menschen sonst durch Engagement erreichen zu können glauben. image

Es tut beinahe weh, daneben zu stehen und überzeugt davon zu sein, dass es so nicht funktionieren wird. Träume sind bedingungslos, die Realität ist es nicht. Schon jetzt stehen die einen kopfschüttelnd daneben, während die anderen Zäune stürmen. Es wird heißer werden, schmutziger und gefährlicher. Der politische Druck wird zunehmen. Und auch innen, wo zwangsläufig verschiedene Ideologien, Wünsche, Interessen und Ängste aufeinandertreffen, kann die Gemeinschaft zerbrechen.

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Irgendwann, aber nicht jetzt.

Vielleicht ist das, was Idomeni – noch – zusammenhält, paradoxerweise die Tatsache, dass alle hier nichts anderes wollen als sein Ende.

Attilas Rezept

Er nennt es Attilas Rezept. Honig und Zitronensaft vermischen und die zähe Masse in ein Fläschchen mit heißem Wasser geben. Schütteln – und fertig ist der Hustensaft. Genial, wenn’s funktioniert. Medizinische Hilfe kann so einfach sein. Dr. Bernhard Römhild vom Deutschen Roten Kreuz steht in einem Zelt und behandelt Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak – am laufenden Band. „Der Nächste, bitte.“ Etwa 90 Frauen, Männer und Kinder würden pro Tag von ihm und seinem Team untersucht, erzählt er mir. imageRollentausch: Heute bin ich für kurze Zeit nicht als Journalist, sondern als ehrenamtliches Mitglied von Interhelp in Nordgriechenland. Dewezet-Leser wollten von mir wissen, ob es Sinn macht, in den griechischen Flüchtlingslagern humanitäre Hilfe zu leisten – und ob Interhelp gedenkt, sich dort zu engagieren.
imageHeute tragen wir die blaue Interhelp-Kappe. Wir haben uns mit Siv Sandvold verabredet, um Antworten zu finden. Die junge Frau aus Norwegen ist Koordinatorin der Hilfsorganisation „A drop in the Ocean“, mit der Interhelp in Sachen humanitäre Hilfe kooperieren könnte. Schon in der Zeltstadt von Idomeni waren Julia und ich beeindruckt davon, wie gut die Norweger arbeiten. Es galt, eine Ladung Damenschuhe an Flüchtlingsfrauen zu verteilen – ohne, dass dabei ein Gewusel ausbricht.

imageKatrine Sanaker, ebenfalls aus Norwegen, hatte uns ihr System erklärt: „Jede Frau bekommt von uns einen kleinen Zettel mit einer Nummer.“ Dann heißt es Schlange stehen. Es klappt. Die Verteilung läuft ruhig und geordnet ab. „Bei den Männern geht es allerdings schon mal etwas lauter zu. Die sind nicht so diszipliniert“, hatte Katrine lächelnd erzählt. Die Freiwilligen von „A drop in the Ocean“ engagieren sich sowohl im „illegalen“ Camp von Idomeni als auch in der offiziellen Zeltstadt „Nea Kavala“, die ganz in der Nähe der zentralmakedonischen Kleinstadt Polykastro liegt. Diese Flüchtlingsunterkunft wird vom griechischen Militär geleitet. Auf dem weitläufigen Gelände arbeitet auch Dr. Römhild vom DRK. Auch ihn wollen wir treffen.

Rein dürfe nur, wer eine Genehmigung vom Verteidigungsministerium in Athen hat, sagt der Wachmann im Tarnfleck-Anzug freundlich, aber bestimmt. Fotografieren ist verboten. Auf dem ehemaligen Flugplatz, der zuletzt als Rennstrecke benutzt wurde, stehen viele große weiße neue Zelte. Gleich hinter dem Wachposten gibt es einen Spielplatz. Auf dem Sandboden und auf einer Wiese toben Kinder. Es gibt Schaukel, Wippe und vieles mehr. Nea Kavala wirkt sauber und aufgeräumt. Ein Vorzeige-Camp, das die Griechen unbedingt der internationalen Öffentlichkeit präsentieren sollten. Ein Platz für 3000 Flüchtlinge – zwar mitten in der griechischen Pampa, aber nur wenige hundert Meter vom nächsten Dorf entfernt. Wir dürfen rein – UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, hat es uns erlaubt. Vor dem Zelt, in dem „A drop in the Ocean“ gebrauchte Kleidung und Hygieneartikel lagert, herrscht geschäftiges Treiben. Freiwillige mit gelben Westen sind fleißig – sie geben Hemden, Pullis, Hosen, Feuchttücher, Seife und andere Hygieneartikel aus. Draußen stehen Flüchtlinge artig Schlange. Kein Palaver, kein Geschrei. Wir hätten die Szenen gern mit der IPhone-Kamera festgehalten, doch zwei Soldaten, die sich im Zelt aufhalten, lassen das nicht zu. Fotografieren verboten. Nebenan leisten das Deutsche und das Finnische Rote Kreuz medizinische Hilfe. Dr. Römhild nimmt einen Zettel von einem kleinen Stapel, der auf seinem Schreibtisch liegt. Es geht um Attilas Rezept. „Wir bräuchten Zitronen“, sagt der Arzt aus Berlin, „damit sich Kranke einen Hustensaft nach Hausrezept mixen können.

Interhelp wird sicher die Idee des DRK aufnehmen, in Absprache mit Dr. Römhild und gemeinsam mit „A drop in the Ocean“ Hilfe in Nea Kavala leisten. Ich weiß: Die einen werden das gut finden, die anderen keinen Sinn darin sehen. Aber es geht um Menschen, die in Not sind. Um nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht gibt es im Weserbergland Menschen, die ein paar Euro für kranke Flüchtlinge in Griechenland erübrigen wollen. Wir werden sehen.

Explosionen an Grenzzaum

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War das ein Tag. Er endete schlimmer, als erwartet. Augen brennen, Gesicht auch. Haut ist gerötet.


imageFolgen der explodierenden Tränengas-Granaten, die die mazedonische Grenzpolizei seit heute Mittag auf Griechenland abfeuert. imageJulias Arme sind gerötet. Ihr Gesicht auch. Sonnenbrand oder Tränengas? Wir wissen es nicht. Mein Gesicht brennt wie Feuer. Wir hatten es schon geahnt. Am Samstag hieß es: „Morgen um neun gehen wir über die Grenze.“ Flüchtlinge hatten es uns erzählt, aber auch George aus Holland, der hier für die Hilfsorganisation „Movement on the Ground“ arbeitet, täglich Bananen an Gestrandete ausgibt und gemeinsam mit seinen Freunden Flüchtlingskinder in einem riesigen Zelt betreut, hatte diese Information irgendwo aufgeschnappt. imageDass es so heftig werden wird, haben wir nicht gedacht. Ein Arzt aus Irland sagt: „So schlimme Szenen habe es in Idomeni noch niemals zuvor gegeben. Ich stelle mir die Fragen: Warum hat die griechische Polizei nur zugeschaut? Warum hat sie nicht wenigstens versucht, den Ansturm auf den Grenzzaun zu verhindern? Wir haben einige Mannschaftsbusse gesehen, aber höchstens vier Dutzend Polizisten gezählt. imageWarum konnten sich Journalisten und Helfer auf diesen Tag vorbereiten – die griechische Polizei aber offenbar nicht? Wir wissen es nicht. Die Polizisten dürfen nicht mit uns sprechen. Der grimmig aussehende Chef hat uns mit den Worten „No english“ abgewiesen. Es hat Ausschreitungen gegeben – und viele Verletzte durch Tränengas. Einige werden auch ein Knalltrauma davongetragen haben. Als wir uns dem Grenzzaun näherten, ist ganz in der Nähe ein Knallkörper explodiert. In meinem rechten Ohr pfeift es. Ein Journalist aus Schweden spricht von der „Schlacht um Idomeni“. Es ist passiert, was passieren musste. Verzweifelte wollen den Grenzzaun überwinden. Sie werfen mit dicken Steinen. Mazedonische Polizisten antworten mit Tränengas und Pyrotechnik. Es sollen auch Gummigeschosse abgefeuert worden sein. Blendgranaten explodieren. So halten die Grenzpolizisten aus Mazedonien die Hoffnungslosen auf Distanz. imageSogar ein Panzerwagen und ein Militärhubschrauber sind im Einsatz. Am Morgen hat sich die Zeltstadt verändert – Flüchtlinge brachen ihre Zelte ab, machten sich auf den Weg zum Grenzzaun. Die griechische Polizei hatte die Gleise nach Mazedonien mit Mannschaftsbussen zugestellt. Ein roter Hubschrauber kreiste über dem Camp. Auf den Schienen versammelten sich immer mehr Menschen – vor den Augen von Pressevertretern aus aller Welt. Martha aus Bilbao hat einen Hilfsgütertransport von Spanien nach Griechenland begleitet. Nun wird auch die Pressefotografin Zeugin von gewalttätigen Ausschreitungen. Sie ist genauso erschrocken wie wir. imageDie Medien werden zum Sprachrohr der Verzweifelten, die auf ihre Situation aufmerksam machen wollen. Die ehrenamtliche Helferin Najida Haghrib aus den Niederlanden ist Koordinatorin von „Movement on the Ground“. Sie hat Verständnis dafür, dass die Flüchtlinge protestieren. Die Situation im Lager sei schließlich nicht die Beste.“ Die Flüchtlinge wollen den Schein wahren – die Welt soll sie leiden sehen. „Lachende und spielende Kinder, tanzende Männer – das soll jedoch niemand sehen“, sagt Najida. image imageAls die Kameramänner filmen, bleiben Mütter und Kinder unsichtbar – sie halten sich in Zelten auf. Die Gestrandeten hoffen, dass die Grenze schon bald geöffnet wird. Manche haben uns gesagt, sie wollten den Zaun überwinden. Irgendwie… Heute sei die Zeit dafür. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Anfangs ist alles friedlich. Die Männer protestieren auf den Gleisen. Auf einem Stück Karton steht: „Open the border!“ image imagePlötzlich setzt sich die Menschenmasse in Bewegung. Am Grenzzaun explodieren Tränengas-Granaten. Laute Knalle, weiße Schwaden. Die mazedonische Polizei schießt Dutzende Tränengas- und Blendgranaten ab – und sie zündet Knallkörper. Dr. William Dienst aus Washington ist mit der Hilfsorganisation SCM Medical Missions an der griechisch-mazedonischen Grenze. Der Notarzt behandelt viele Männer, die Tränengas eingeatmet haben. Zwei sind kurz vor dem Kollaps. Einer bekommt drei Notfall-Spritzen. Sie sollen die allergische Reaktion stoppen. Es hört nicht auf. Tränengas-Granaten fliegen im hohen Bogen von der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawien Mazedonien nach Griechenland. Die Zahl der Verletzten steigt, weil der Wind gedreht hat. Kinder weinen. Auch wir haben etwas abbekommen, es ist aber anfangs nicht ganz so schlimm. Julia hat ihr Trinkwasser Verletzten zur Verfügung gestellt. Sie spülen damit ihre Augen aus. Wir werden meine Ration unter uns aufteilen. Es ist heiß. Wir schwitzen, haben Durst. Und dann erwischt es auch uns: Augen ausspülen, Gesicht waschen – weiter geht’s. Wenn ich es mit meinen tränenden Augen richtig gesehen habe, schießen die Polizisten aus FYROM (Mazedonien) auch von einem Panzerwagen aus. Flüchtlinge entfachen mehrere Feuer. Schwarzer beißender Qualm mischt sich mit dem weißen Reizgas.
Ich kann verstehen, dass Mazedonien
seine Grenzen verteidigt. Ich kann auch nachvollziehen, dass die Flüchtlinge das Warten satt haben. Aber Gewalt ist kein guter Begleiter. Damit macht man sich keine Freunde. In Griechenland und in Mazedonien nicht – und auch nicht in Deutschland. Was erwarten die Flüchtlinge, wenn sie Steine auf Grenzpolizisten werfen, wenn sie einen illegalen Grenzübertritt mit Gewalt durchsetzen wollen? Wie man es in den Wald hineinruft, schallt es wieder heraus, sagt ein Sprichwort. Flüchtlinge und Grenzpolizisten stehen sich nun schon seit Stunden gegenüber – die einen werfen mit Steinen und Mülltonnen, die anderen antworten mit Tränengas- und Blendgranaten. Wir haben uns gehen 15 Uhr etwas zurückgezogen. Man kann schlecht Sätze ins Handy tippen und gleichzeitig den Himmel beobachten. Die Gefahr, von einer Tränengas-Granate getroffen zu werden, ist groß. Gleich werden wir uns wieder dem Grenzzaun nähern uns sehen, was dort passiert.

„Morgen gehen wir“


Dass etwas passieren würde, war schon gestern klar. „Morgen gehen wir über die Grenze“, haben uns mehrere Flüchtlinge in Idomeni erzählt. Wir haben dann den Kopf gewiegt und meistens geschwiegen. Was soll man auch sagen, wenn einem die Hoffnung gegenübersteht? „Bald bin ich in Deutschland“, „in Schweden“, „in der Schweiz“. Morgen schon oder später. Was sie uns jedesmal erzählt haben, wenn wir mit ihnen sprachen. Hoffnung eben, Wunschdenken – und Wille, wie sich heute herausgestellt hat.image

Bis zum Abend verdichteten sich die Hinweise: Helfer berichteten von einer geplanten Demonstration. Angeblich sind Flugblätter im Lager verteilt worden. Ort und Zeit sind bekannt – und wir vor Ort, als sich die Menschen am nächsten Morgen nahe der Grenze versammeln. Entschlossen und ruhig, scheinbar gut organisiert, viele mit gepackten Taschen, geduldig im Sonnenschein auf den Bahngleisen.image

Irgendwann setzt sich der Zug in Bewegung, wie auf Kommando. Wir laufen hinterher. Sehen, wie die ersten Demonstranten Mund und Nase mit Tüchern bedecken und Kurs auf den Zaun nehmen. Ein erster lauter Knall übertönt den Lärm der Menge. Wir laufen schneller. Hunderte bleiben hinter uns zurück, als wir das freie Feld vor der Grenze erreichen. Aus sicherer Entfernung sehen sie zu, wie sich der Strom der Entschlossenen auf dem Acker verteilt und vorwärts strebt.

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In den nächsten Minuten lerne ich viel und schnell. Dinge, die ich hoffentlich nie wieder brauchen werde. Die Flugbahn einer Tränengas-Granate abschätzen. Wo wird sie explodieren? Aus welcher Richtung weht der Wind? Wie schnell und wohin muss ich laufen, um dem beißenden Rauch zu entkommen? Und wann kann ich wieder umkehren, um das nächste Foto zu machen? Das nächste Video, den nächsten Tweet.image

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Ich denke nicht nach, als die ersten Verletzten vom Feld getragen werden. Verwirrt sehe ich mir selbst dabei zu, wie ich den Auslöser drücke. Ein Mann mit rotem Gesicht, der japsend in der Sonne liegt. Ein weinendes Kind. Hustende Menschen. Steinewerfende Demonstranten, Panzer hinter dem Zaun, ein kreisender Militärhubschrauber. Eine Situation außer Kontrolle.

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„They want to kill us“, sagt jemand neben mir. Ich schüttele den Kopf und schreibe meinen Tweet. „They kill us!“, seine Stimme zittert. Ich drücke auf Senden und sehe ihn endlich an. Ein junger Mann, zu jung, um soviel Angst zu haben. „They dont’t want to kill you“, sage ich, „they are afraid.“image

 

 

Im Camp der Gestrandeten

Gewitterstimmung in Idomeni – es grummelt, kracht und donnert. Mal Regen, mal Sonne. So oder ähnlich fühlen wohl auch mehrere Tausend Flüchtlinge, die an der griechisch-mazedonischen Grenze gestrandet sind.

 

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Es ist ein Wechselbad der Gefühle. 30, 40 Tage oder schon länger harren sie auf Bahnschienen und auf Äckern aus. Sie gehen nicht weg von diesem Ort, weil sie zuversichtlich sind, dass der Grenzzaun doch noch geöffnet wird. Das Prinzip Hoffnung lässt sie nicht völlig verzweifeln.

imageEine griechische Ärztin, die in einem Transporter des Gesundheitsministeriums Kranke behandelt, hat gehört, dass viele glauben, das Warten habe schon morgen ein Ende. Wer das Gerücht in die Welt gesetzt hat – die Internistin zuckt mit den Schultern. Kaum jemand möchte im armen Griechenland bleiben. Dabei sind alle in Sicherheit und in der EU. Doch Deutschland lockt. Dort gebe es Hilfen, eine Wohnung, Arbeit – und das meiste Geld, meinen die, mit den wir gesprochen haben. Oft sind die Ehemänner schon in Deutschland. Deren Frauen und Kinder möchten so schnell wie möglich nachkommen. Voller Ungeduld sitzen sie vor der Grenze – und warten ab. Es gibt aber auch diejenigen, die aufgeben haben, die es leid sind, länger zu warten. Sie lassen sich in staatliche Flüchtlingslager bringen. imageHeute wird wieder ein Bus mit Syrern nach Alexandria fahren. 500 bis 800 Flüchtlinge können dort aufgenommen werden. „Ich hoffe sehr, dass es in Alexandria besser sein wird“, sagt Ayad. Die 21-Jährige ist einfach nur müde und will weg von diesem plattgetretenen Acker.
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In der Zeltstadt ist es ungewöhnlich ruhig. Die Stimmung ist gut. Männer grillen Auberginen, Frauen machen Konserven heiß. Dicke Bohnen in Tomatensoße sind beliebt. Kinder spielen Fußball. Junge Leute lachen. Wildes Campen – fast schon romantisch. Alles verläuft in geordneten Bahnen. Die Zeltstadt ist nicht verdreckt. image image imageEs gibt Dixi-Klos und Duschcontainer. Nur hier und da riecht es streng nach Urin und Schweiß. Obwohl es regnet, versinken wir nicht im Schlamm. Der Boden ist mittlerweile festgetrampelt. Wir hatten Schlimmeres erwartet. Die griechische Ärztin nickt. „Ich auch“, sagt die junge Frau. Sie sei angenehm überrascht. Freilich kommt kein Urlaubsfeeling auf. Privatsphäre gibt es kaum. image image

Über uns kreist seit Stunden ein Polizeihubschrauber. Die Heli-Cops schauen sich jede Menschengruppe aus der Luft genauer an. Als wir heute früh zu Fuß von Evzoni nach Idomeni unterwegs ins Camp der Gestrandeten waren, wurden auch wir zweimal von dem blauen Helikopter umrundet und argwöhnisch beäugt. Den Weg ins Zeltlager haben wir uns selbst gesucht. Es ging durch ein Wäldchen, vorbei an Feldern. Aber auch auf vielbefahrenen Straßen sind wir kilometerweit gelaufen. Julia hat die Führung übernommen – und wir haben unser Ziel erreicht. Google Maps und Smartphone sei Dank. Jetzt qualmen meine Füße, schmerzt mein Rücken. Was müssen nur die Flüchtlinge auf ihrem langen Weg nach Westeuropa aushalten. image Neue Schutzsuchende kommen so gut wie gar nicht mehr nach Idomeni. Nur sehr selten kämen hier noch ein paar Neue an“, sagt George, ein Freiwilliger aus Holland, der gemeinsam mit Gleichgesinnten täglich 20 Kisten Bananen einkauft und die Früchte dann im Camp verteilt. Die Polizisten, die wir an der Zufahrt zum Camp treffen, grüßen uns nett. Julia hat mit Flüchtlingen gesprochen, die ihr berichtet haben: „Die Polizisten sind hier wirklich freundlich.“
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Hinter dem verfallenen und vermüllten Bahnhof von Idomeni, in dem ein paar Familien mit kleinen Kindern hausen, treffen wir zwei Ärzte von Humedica. Sie behandeln in einem Partyzelt und in einem Mercedes Sprinter. „Wir machen hier hausärztliche Versorgung“, sagt der Anästhesist Felix Martin aus Bremen. image

Die sei effektiv, nachhaltig und sehr wichtig. Denn: „Wenn die Menschen ihre Krankheiten verschleppen, bekommen sie ein richtiges Problem. Das wollen wir verhindern“, sagt der junge Arzt. 12000 bis 15000 Menschen sollen sich in der Zeltstadt aufhalten. 30 Prozent seien wohl Kinder. „Gefühlt ist jede zehnte Frau schwanger“, meint Martin. Exakte Zahlen gibt es nicht. Es sind nur Schätzungen. Im Camp werde ganz dringend ein Zahnarzt benötigt. Er müsse aber improvisieren können und kurz und schmerzlos Zähne ziehen, sagt Felix Martin. Eine Gynäkologin oder eine Hebamme wären auch vonnöten. Seit drei Wochen hilft Humedica an diesem trostlosen Ort. 120 Patienten kommen im Durchschnitt täglich in die Sprechstunde. Mal mehr, mal weniger. Viele kleine und große Hilfsorganisationen arbeiten in Idomeni. imageOhne die Helfer würde das Camp wohl kaum existieren. Heute Nacht werden wir einen zwielichtigen Ort aufsuchen und investigativ recherchieren – mal sehen, was wir herausfinden.image image image image

Die Hoffnung hält


Es gibt nicht viel, was für Idomeni spricht. Das Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze ist ein Provisorium aus wackligen Zelten und Verschlägen, die beim nächsten Regenguss erneut im Matsch versinken werden. Die Räumung ist angekündigt. Für heute, morgen oder irgendwann. Und der einzige Weg, den hier jeder gehen will, der Weg über die Grenze, ist versperrt

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Wir fragen uns, warum die Menschen immer noch hier sind. Warum nehmen sie keinen der Busse, die bereitstehen, um sie in die angeblich besser ausgestatteten offiziellen Lager zu bringen? Das Angebot ist bekannt, genau wie die Tatsache, dass ohne Registrierung kein legaler Weg in die Zukunft führt.

Warum also Idomeni? Das fragen wir wieder und wieder. Aber eigentlich müssen wir nicht fragen, um zu verstehen. Es reicht, den Menschen zuzusehen.

Idomeni ist eine Endstation, die keine sein will. Wir sehen fußballspielende Kinder, eine öffentliche Teeküche und ein Begegnungszentrum, vor denen die Menschen zusammenstehen und reden. Und viele freundliche Helfer, die ihr Bestes tun, um der Grenzsituation ein bisschen Normalität zurückzugeben. Tänze werden organisiert, Gruppen von Kindern spielen mit Frauen in leuchtenden Warnwesten. Es gibt kostenlosen Tee und kleine Beutel mit glitzernden Haargummis, die uns stolz präsentiert werden. Jemand verteilt Bananen und lächelt dabei.

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„We hope“, sind die Wörter, die wir in den Gesprächen am häufigsten hören. Die Grenze werde sich öffnen. Schon morgen soll es soweit sein. „Wir warten“. „Müssen Geduld haben“. Ob sie nicht wissen, dass alles viel komplizierter ist? Sie nicken und zucken mit den Schultern.

Wir fragen eine Ärztin, die für das griechische Gesundheitsministerium in Idomeni im Einsatz ist, wie die offizielle Informationen verbreitet werden. Sie weiß es nicht. Sie weiß nur, dass niemand den Offiziellen glaubt. Glauben tun die Menschen hier anderen, die „Jemand“ heißen. Jemand hat gesagt, die Grenze werde geöffnet. Es ist leicht zu glauben, was man hofft, und tröstlich, sich diese Hoffnung gegenseitig zu bestätigen.image

Nur wenige geben die Hoffnung auf. Ein paar hundert sollen es inzwischen sein, die das Lager freiwillig verlassen und den Bus in eins der offiziellen Camps genommen haben. Eine von ihnen ist die 21-jährige Ayat aus Aleppo. Sie sei zu müde, um noch länger hierzubleiben, sagt sie, kurz bevor der Bus nach Alexandria abfährt. Die Hoffnung, über die Grenze zu kommen, hat sie aufgegeben. Die Hoffnung, irgendwann nach Deutschland reisen zu können, bleibt. In Stuttgart wartet ihr Mann auf sie. „Ich muss noch warten“, sagt sie.image

Hoffnung und Geduld sind die einzigen Dinge, die die Menschen in Idomeni im Überfluss haben. Den meisten reicht das, um zu bleiben.

 

 

Wo Träume begraben werden

Im Morgengrauen haben wir uns in Hameln aufgemacht. 1600 Flugkilometer liegen vor uns. Unser Ziel heißt Idomeni, ein 100-Seelen-Dorf an der griechisch-mazedonischen Grenze. Fluchtpunkt für Tausende. Ein Ort, an dem in diesen Tagen Träume begraben werden. 15000 bis 20000 Menschen sind hier gestrandet. Gezählt hat sie niemand. Seit Wochen harren sie auf Äckern aus. Sie kommen nicht weiter. Die Balkan-Route ist dicht. Einige werden Asyl erhalten, irgendwann, irgendwo. Andere werden ihr Ziel nicht erreichen – sie werden abgeschoben in ihre Heimatländer. Wir sind gekommen, um zu berichten. Über Schicksale von Menschen, über unsere Gefühle. Wir wollen die Fragen unserer Leser aufgreifen – wir sind auf der Suche nach Antworten. Wir wollen uns persönlich ein Bild von der Lage machen.

Tagelang habe ich nachgedacht, habe mich gefragt, was mich wohl erwarten wird. Ich war schon in vielen Krisen- und Kriegsgebieten. Aber so aufgeregt wie diesmal war ich noch niemals zuvor. Es ist eine Reise ins Ungewisse. Julia Niemeyer und ich werden darüber berichten. Wir wissen nicht, was uns erwartet. Wir lassen es auf uns zukommen. Unser Taxi-Fahrer Nikos hat uns in das Lager der Vergessenen gefahren.

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Die Polizei ist wachsam. Sie zeigt Präsenz, fährt mit Blaulicht in den Dörfern rund um Idomeni Streife. Jeden Tag passiere hier etwas, sagt Nikos. Erst gestern hätten die Flüchtlinge die Europastraße blockiert und die Öffnung der Grenze gefordert. Andere hätten versucht, den Grenzzaun einzureißen. Nötigung und Gewalt – keine gute Idee. Nikos gibt uns einen guten Rat mit auf den Weg: „Passt gut auf Euch auf! Die Flüchtlinge sind frustriert.“ Als wir das Camp erreichen, geht die Sonne unter.

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Immer mehr Feuer brennen in der Zeltstadt. Verbrannt wird alles, was brennt. Bäume, die einst hier wuchsen, sind längst abgeholzt worden. Die Bauern sind sauer, sie können ihre Felder nicht bestellen, weil ihre Äcker besetzt wurden. Einer hat schon aus Protest ein paar Zelte untergepflügt. Das Gerücht macht die Runde, das die Polizei das Lager der Hoffnungslosen noch an diesem Wochenende räumen wird. Ein paar Männer tanzen vor einem Pavillon zu lauten arabischen Klängen.


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Frauen kochen Eier über offenen Feuer. Auf den Bahnschienen stehen viele bunte Zelte. Wer Glück hatte, konnte einen Platz in einem der alten Eisenbahnwaggons ergattern, die auf einem Abstellgleis vor sich hin rotten. image

Auf diesen Schienen fahren schon lange keine Züge mehr ins Nachbarland. „Dort drüben“, sagt Taxifahrer Nikos und zeigt auf hohe Berge, ist Fyrom. Das Wort Mazedonien kommt ihm nicht über die Lippen. FYROM – das ist die Abkürzung für Former Yugoslav Republic of Macedonia. Seit Jahren gibt es einen Namensstreit. Der Kleinstaat ist nach dem Zerfall Jugoslawiens entstanden. Skopje sieht sich in der Tradition Alexander des Großen.

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Doch nicht nur Nikos weiß: Die wichtigsten Ruinen des antiken hellenischen Königreichs liegen bei Thessaloniki. Und diese griechische Stadt sei nun mal die Hauptstadt Mazedoniens, sagt der Taxi-Fahrer. Die Menschen, die wir in Idomeni treffen, interessiert der erbittert ausgetragene Streit nicht – sie lächeln uns freundlich zu. Manche winken. Mein Schnurrbart sorgt für Aufsehen. Vor allem junge Männer finden ihn offenbar toll. Es ist ruhig. Niemand ist aggressiv. Ich hatte mir die Situation schlimmer vorgestellt. Verzweiflung sieht anders aus. Oder ist das die Ruhe vor dem Sturm?

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Zwei Väter tragen Kinder auf ihren Armen. Sie betteln. Der eine möchte 60 Euro, um mit seiner schwangeren Frau nach Athen fahren zu können. Die Großmama lebe in Hamburg, behauptet der Mittdreißiger. Der andere sammelt Geld für einen Arztbesuch. Doch dafür muss er gar nicht weit laufen – und nichts bezahlen. Ärzte ohne Grenzen, das Österreichische und das Ungarische Rote Kreuz behandeln unentgeltlich in Containern und in Zelten. „Free Doctor“ steht auf Schildern. Dr. Adolf Schöppl aus Salzburg ist heute angekommen. Von seinen Kollegen hat der Arzt, der sich ehrenamtlich engagiert, gehört, dass nachts viel los ist im Feldhospital. Manchmal kommen 150 Patienten – allerdings meist mit Lappalien. Notfälle seien selten darunter, sagt er. „Doktor gucken“ – nennt das Dr. Schöppl. Im Camp gibt es einige Dixi-Klos und sogar Duschcontainer – aber nicht genug. Eigentlich müssten die Menschen davor Schlange stehen – tun sie aber nicht. Seltsam. Das, was wir sehen, rührt uns an. Das Schicksal dieser Menschen lässt uns nicht kalt. Sie haben daheim alles aufgegeben, ihr Leben auf dem Meer riskiert und Schleppern ihr Erspartes geben müssen. Ihre Zukunft ist dennoch ungewiss.

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Es wird Abend in Idomeni. Die fliegenden Händler packen ihre Waren ein. Erdbeeren, Kartoffeln, Zitronen, Zwiebeln, Tabak. Über den Bergen braut sich etwas zusammen. Als es dunkel wird, fallen dicke Regentropfen, blitzt es am nachtschwarzen Himmel. Morgen wird sich das Camp wieder in eine Schlammwüste verwandelt haben. Mal sehen, wie dann die Stimmung ist

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In dieser Nacht werde ich sicher nicht gut schlafen. Das steht fest. So viele Bilder spuken in meinem Kopf herum. Schon im Flugzeug sind mir die Worte einer Pastorin in den Sinn gekommen. Im Radio hatte Melanie Beiner gesagt: „Wir sitzen im Flieger und reisen in den Süden. Und unter uns laufen uns die entgegen, die aus ihrem Land fliehen. Mit Angst im Genick, Hunger im Bauch und Schmerzen und Müdigkeit im Leib. Müssen zu Fuß gehen oder übers Meer; ungesichert, höchst gefährlich, bleiben oft genug auf der Strecke. Dürfen nur in ganz, ganz kleiner Zahl mit dem Flugzeug ausreisen. Oben und unten, reich und arm – die großen weltweiten.“ Wie passend.

Idomeni: Hundertmal „Ich weiß es nicht“

In den letzten Monaten haben mich Hunderte von Fragen zum Thema „Flüchtlinge“ beschäftigt. Fragen meiner Kinder zum Beispiel, die mir unvermittelt am Abendbrottisch gestellt wurden. Fragen, die sich in unzähligen Gesprächen mit Freunden ergaben. Aber auch Fragen von Lesern, die angesichts einer internationalen Krise, die plötzlich die eigene Haustür passiert hatte, Anteil nahmen, interessiert, besorgt und oft auch wütend waren.image

Viel zu oft war die Antwort dieselbe: Ich weiß es nicht. Zahlen lassen sich recherchieren, Ereignisse und Zusammenhänge im lokalen Kontext gut umreißen und darstellen. Alles, was eine Heimatzeitung täglich tut: Es funktionierte auch dieses Mal. Nur ist es mir dieses Mal nicht genug.

Manche Fragen, die (auch) vor Ort beschäftigen, sind zu groß, um sie aus der Ferne oder nur anhand ihrer Auswirkung im lokalen Umfeld erschöpfend zu beantworten. Sie verdienen mehr unmittelbare Nähe und mehr persönliche Aufmerksamkeit. Es reicht nicht, ihnen allein durch Nachdenken zu begegnen.image

Wie ist es, zu fliehen? Schaffen wir das? Müssen wir das überhaupt schaffen? Was geht uns diese Krise an? Was ist der richtige Weg, damit umzugehen?

Alle Antworten, die ich bis jetzt gefunden habe, sind gedachte. Sie entstehen im Kopf – und treffen den Kern der Sache nicht. Das Leid der anderen, das jetzt zu unserer Herausforderung geworden ist, muss nicht nur durchdacht werden, sondern schmerzen, wenn man nach angemessenen Antworten sucht.

Ich bin froh, wenigstens auf eine Frage schon jetzt eine Antwort gefunden zu haben, die mich zufriedenstellt.

Warum Idomeni? Weil es sein muss.