Crowdfunding – ein Krimi der guten Art

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Es ist ein schönes Magazin, ein unabhängiges Kleinod jenseits des Mainstreams: Junge Journalisten, Architekten, Ethnologen und Fotografen setzen sich mit der Stadt und urbanen Entwicklungen auseinander. Für mich als Soziologen ein gefundenes Fressen. Zwei Ausgaben von „Stadtaspekte – die dritte Seite der Stadt“ hatte ich mir bereits am Kiosk gekauft; sogar ein Abo abgeschlossen. Doch die dritte Ausgabe wollte einfach nicht erscheinen. Monate wartete ich – nichts. Im Internet – keine Spur wie und ob es weiter geht. Ein beiläufiger Blick ins Konto verriet: Das Abo wurde nicht mal abgebucht.
Dann erreicht mich vor wenigen Tagen ein Hilferuf; endlich ein Lebenszeichen. Das neue Heft unter dem Motto „Glaube“ sei fertig, schreibt das Team von Stadtaspekte auf ihrer Homepage. Es könne aber nur erscheinen, wenn alle mithelfen. Das Geld für Druck und sonstige Ausgabe reiche nicht. Aufgeben, nein, das wollen die Macher auf keinen Fall. Helfen soll eine Crowdfunding-Kampagne. 8000 Euro müssen zusammenkommen, um wenigstens eine limitierte Auflage drucken zu können. Mein Interesse ist geweckt. Nachdem ich so lange gewartet habe, will ich helfen. Handy raus, sofort teile ich den Beitrag mit meinen Freunden – vielleicht fühlt sich ja noch wer angesprochen. Dann schaue ich mir auf der Crowdfunding Plattform „startnext“ die Optionen an. Für 5 Euro bekommt der gewillte Unterstützer ein gutes Karma, für nen‘ Zehner sogar eine Ausgabe mit persönlicher Widmung und Nennung im Heft. Für 25 Euro gibt’s eine Ausgabe plus A3-Plakat. Die Option eine ganzseitige Anzeige für 1000 Euro zu schalten, schlagen ich sofort in den Wind und entscheide mich für die Nennung im Heft- so viel Profilneurose muss sein.

 

Die Crowdfunding-Kampagne läuft noch volle 12 Tage und steht bei 1703 Euro. Naja, denk ich, da wird sich schon noch was tun. Richtig zur Ruhe komme ich aber nicht. Seit ich gespendet habe fühle ich mich auf seltsame Weise verantwortlich für den Erfolg der Aktionen. Täglich schaue ich mehrfach nach dem Spendenstand und gerate in Sorge: „Erst 2000 Euro. Erkennt denn keiner, dass das hier eine gute Sache ist!“ Ich teile den Aufruf erneut auf Facebook „Leute, helft diesem schmucken Baby auf die Welt zu kommen“! Drei Tage vor Ablauf der Kampagne halte ich es nicht mehr aus. 5000 Euro sind im Pott. Das ist zu wenig. Ich schaue mir nochmal die Spendenoptionen. Und obwohl ich gar kein Plakat brauche, entscheide ich mich für die 25 Euro-Variante – mehr, als ich je an den WWF oder Amnestie International gespendet habe – was ich mir reumütig eingestehen muss.
Der Abend der Entscheidung kommt schneller als mir lieb ist. Ich verfolge ihn hilflos und entsprechend gespannt. Jetzt sind die anderen dran, rattert es im Hirn, ich habe alles getan, was ich konnte. Und so schlecht sieht es nicht aus. 7200 Euro – das muss doch klappen! Doch der Countdown gerät zum klebrigen Stop-and-go-Verkehr. Mal 10, mal 5 Euro kommen dazu. Um 21 Uhr ist gerade mal die 7500-Grenze erreicht. Auf den Sonntagabend-Blockbuster kann ich mich kaum konzentrieren. Immer wieder starre ich auf mein Smartphone; meine Freundin quittiert’s mit mildem Kopfschütteln.

Dann ist Schluss. Es ist viertel vor Zwölf und es ist tatsächlich geschafft – wenn auch knapp. Am Ende sind 8089 Euro eingegangen. Ich fühle mich gut. Ich habe das Gefühl, Teil einer guten Sache zu sein, einer Bewegung; gemeinsam etwas geschafft zu haben. Am liebsten möchte ich allen Unterstützern meinen Dank entgegenbrüllen – Yes, we did it! Aber das macht in diesem Moment schon jemand. Mein Phone macht mich auf eine neue Facebook-Nachricht aus der Stadtaspekte-Redaktion aufmerksam: „GESCHAFFT! Was für ein Krimi am Sonntagabend! Vielen, vielen Dank für die zahlreichen Unterstützungen auf der Ziellinie! Wir wünschen euch eine gute Nacht und hoffen, ihr freut euch ebenso wie wir auf die Dritte Ausgabe von Stadtaspekte“. Die Nachricht spricht mir aus dem Herzen.

NACHTRAG: Es ist der 19: Dezember. Auf dem Absatz vor meiner Wohnung liegt ein Paket. Aus Berlin steht drauf und drinnen befindet sich Großstadt – genauer gesagt, die dritte Seite der Großstadt. Ein herrliches Vorweihnachtsgeschenk.

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