Die Hoffnung hält


Es gibt nicht viel, was für Idomeni spricht. Das Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze ist ein Provisorium aus wackligen Zelten und Verschlägen, die beim nächsten Regenguss erneut im Matsch versinken werden. Die Räumung ist angekündigt. Für heute, morgen oder irgendwann. Und der einzige Weg, den hier jeder gehen will, der Weg über die Grenze, ist versperrt

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Wir fragen uns, warum die Menschen immer noch hier sind. Warum nehmen sie keinen der Busse, die bereitstehen, um sie in die angeblich besser ausgestatteten offiziellen Lager zu bringen? Das Angebot ist bekannt, genau wie die Tatsache, dass ohne Registrierung kein legaler Weg in die Zukunft führt.

Warum also Idomeni? Das fragen wir wieder und wieder. Aber eigentlich müssen wir nicht fragen, um zu verstehen. Es reicht, den Menschen zuzusehen.

Idomeni ist eine Endstation, die keine sein will. Wir sehen fußballspielende Kinder, eine öffentliche Teeküche und ein Begegnungszentrum, vor denen die Menschen zusammenstehen und reden. Und viele freundliche Helfer, die ihr Bestes tun, um der Grenzsituation ein bisschen Normalität zurückzugeben. Tänze werden organisiert, Gruppen von Kindern spielen mit Frauen in leuchtenden Warnwesten. Es gibt kostenlosen Tee und kleine Beutel mit glitzernden Haargummis, die uns stolz präsentiert werden. Jemand verteilt Bananen und lächelt dabei.

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„We hope“, sind die Wörter, die wir in den Gesprächen am häufigsten hören. Die Grenze werde sich öffnen. Schon morgen soll es soweit sein. „Wir warten“. „Müssen Geduld haben“. Ob sie nicht wissen, dass alles viel komplizierter ist? Sie nicken und zucken mit den Schultern.

Wir fragen eine Ärztin, die für das griechische Gesundheitsministerium in Idomeni im Einsatz ist, wie die offizielle Informationen verbreitet werden. Sie weiß es nicht. Sie weiß nur, dass niemand den Offiziellen glaubt. Glauben tun die Menschen hier anderen, die „Jemand“ heißen. Jemand hat gesagt, die Grenze werde geöffnet. Es ist leicht zu glauben, was man hofft, und tröstlich, sich diese Hoffnung gegenseitig zu bestätigen.image

Nur wenige geben die Hoffnung auf. Ein paar hundert sollen es inzwischen sein, die das Lager freiwillig verlassen und den Bus in eins der offiziellen Camps genommen haben. Eine von ihnen ist die 21-jährige Ayat aus Aleppo. Sie sei zu müde, um noch länger hierzubleiben, sagt sie, kurz bevor der Bus nach Alexandria abfährt. Die Hoffnung, über die Grenze zu kommen, hat sie aufgegeben. Die Hoffnung, irgendwann nach Deutschland reisen zu können, bleibt. In Stuttgart wartet ihr Mann auf sie. „Ich muss noch warten“, sagt sie.image

Hoffnung und Geduld sind die einzigen Dinge, die die Menschen in Idomeni im Überfluss haben. Den meisten reicht das, um zu bleiben.

 

 

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