Die Not-Gemeinschaft

Idomeni, die Endstation. Das Lager der Gestrandeten. Die Schande, das Chaos, die Katastrophe, das Versagen. Das Lager an der griechisch-mazedonischen Grenze trägt viele Titel, und alle zu Recht. Sie bezeichnen das, was Lager ist in Idomeni, und das ist das meiste. Aber Idomeni ist mehr als das. Wer begreifen will, warum das Camp nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Helfer aus aller Welt anzieht und hält – trotz Schlamm, Dreck, Lärm und Gefahr – muss sich wenigstens für Momente die Frage erlauben, was positiv ist an diesem Lager.

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Vieles davon ist auf den ersten Blick einleuchtend: Die Nähe zur Grenze, kein Zwang, sich registrieren zu lassen. Das – angeblich – bessere Essen. Kein Militär, dessen bloße Präsenz vielen Menschen Angst einjagt. All das bietet Idomeni seinen Bewohnern, und für viele ist das wahrscheinlich Grund genug zu bleiben.

Trotzdem glaube ich mittlerweile, dass es noch andere, weniger konkrete Gründe gibt, denn Idomeni ist mehr als ein Lager. image

Worin dieses Mehr besteht, kann man ansatzweise erkennen, wenn man für einen Moment die Filter ausschaltet, die den Beobachter zwingen, das Leben im Lager als Elend wahrzunehmen. Man sieht dann nur noch Leben – und davon eine ganze Menge. Zwischen den Zelten, in den Gemeinschaftseinrichtungen und auf den Wegen entlang des Camps herrscht buntes, lautes, lebendiges Miteinander. Mitten in der Not und vielleicht gerade deshalb lebendiger als alles, was ich in meinem Leben bisher gesehen habe. image

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Jenseits der Tatsache, dass Idomeni ein Elendslager ist, ist es eine Gemeinschaft, die von Ideen getragen wird. Hier würde nichts funktionieren, gäbe es keine Visionen. In Idomeni, so scheint es, wird aus den Sehnsüchten vieler Einzelner eine Wirklichkeit, der man sich kaum verschließen kann.

Man hört sie in den engagierten Worten der Helfer, die wissen, dass ihre Arbeit hier alles zusammenhält. Selbst wenn sie „nur“ Bananen verteilen. Vor dem Hintergrund des Existenzkampfes, der im Lager allgegenwärtig ist, wird jeder Handgriff wert- und sinnvoll. Wer wünscht sich das nicht?imageimage

Dieselbe Vision schwingt in vielen Erzählungen der Flüchtlinge mit, die von ihrem Alltag berichten. „Friendly“ sei hier jeder, und wenn sie „We“ sagen, meinen sie oft die ganze Gemeinschaft, die sich hier zusammengefunden hat. Die einen auf der Suche nach einem besseren Leben, die anderen entschlossen, wenigstens im Kleinen eben jene Welt zu erschaffen, die im Großen unerreichbar ist. Idomeni ist Projektionsfläche für Sehnsüchte, die wir alle kennen: Solidarität, Nächstenliebe, Sinn, Autonomie und Menschlichkeit. image

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Das ist die andere Seite des Lagers: Idomeni, die bessere Welt – in den Augen ihrer Schöpfer. Besser als die offiziellen Lager, in denen Ordnung und Sicherheit winken, aber gleichzeitig Entmündigung droht, und offenbar wertvoller als vieles, was Menschen sonst durch Engagement erreichen zu können glauben. image

Es tut beinahe weh, daneben zu stehen und überzeugt davon zu sein, dass es so nicht funktionieren wird. Träume sind bedingungslos, die Realität ist es nicht. Schon jetzt stehen die einen kopfschüttelnd daneben, während die anderen Zäune stürmen. Es wird heißer werden, schmutziger und gefährlicher. Der politische Druck wird zunehmen. Und auch innen, wo zwangsläufig verschiedene Ideologien, Wünsche, Interessen und Ängste aufeinandertreffen, kann die Gemeinschaft zerbrechen.

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Irgendwann, aber nicht jetzt.

Vielleicht ist das, was Idomeni – noch – zusammenhält, paradoxerweise die Tatsache, dass alle hier nichts anderes wollen als sein Ende.

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