Eure Fragen zu: Kirgisistan

Wir verweilen momentan im nicht besonders schönen Osch, in Kirgisistan. Das ist eines der vielen „Was-weiß-ich-istans“ in Zentralasien, die man so schwer unterscheiden kann. Vielleicht kramst du jetzt etwas verlegen nach einem Atlas? Keine Sorge, ging uns genauso!

Ob Pferde gerne Benzin trinken? Jedenfalls treffen sie sich häufig an Tankstellen.

Ob Pferde gerne Benzin trinken? Jedenfalls treffen sie sich häufig an Tankstellen.

Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, möchten wir darum eine kleine Pause, während der wir auf Ersatzteile aus Deutschland warten, dafür nutzen eure Fragen zu dieser kleinen Insel der Demokratie beantworten inmitten der vielen Präsidialdiktaturen beantworten:

1) Ist der „Rattenfänger von Hameln“ in Osh ein Begriff?

Nein, das kennt hier niemand, außer andere Abenteuertouristen aus englischsprachigen Ländern, die kennen tatsächlich meistens den Pied Piper of Hamelin.

2) Einstimmiges Votum des Kreistages: Die Verwaltung ist beauftragt worden, den Breitbandausbau im Kreisgebiet mit Volldampf voranzutreiben. Wie sieht es mit der Internetverbindung in weiten Teilen Kirgisistans aus? Falls nicht so gut, leiden die Menschen darunter oder ist das keine große Sache?

Internet gibt es eigentlich nur in den großen Städten und davon gibt es genau zwei In Kirgisistan: Bischkek und Osch. Der Rest des Landes wird von kleinen, sehr ärmlichen Dörfern und Nomaden in Jurten bewohnt, die kein Internet haben, kennen und unseren Gesprächen mit ihnen zufolge auch nicht brauchen. Sehr erfrischend!

Welten treffen aufeinander: Pferd, Motorrad, Auto, Jurte.

Welten treffen aufeinander: Pferd, Motorrad, Auto, Jurte.

3) In Hameln-Pyrmont stehen am 11. September die Kommunalwahlen an. Welche Wahl steht in Osh/Kirisistan an?

Keine. Erst 2015 wurde das Parlament neu gewählt und ihm steht jetzt eine Sozialdemokratische Regierung vor. Anders als alle „Stans“ um sie herum, haben es die Kirgisen geschafft, nach einer pseudodemokratischen Phase als Nachfolge der Sowjetunion, ihren strengen Mann mit Allmachtsphantasien loszuwerden: 2010 gab es nach heftigen Unruhen den Sturz des Regimes und eine tatsächlich demokratische Verfassung, die bis heute gilt und dem Land eine echte Sonderrolle in dieser Region einräumt. Aber: das Land hat echte Probleme mit zerstrittenen Volksgruppen wie Krigisen, Uzbeken und Tadschiken. Außerdem kämpft das Land um seine religiöse Identität: Gemäßigte Muslime, orthodoxe Christen und eine wachsende Zahl Atheisten kämpfen gegen eine noch überschaubare aber größer werdende Gruppe radikaler Islamisten, was sich auch im Alltag zeigt. Wir sehen Frauen im knappen Dress und vollverschleierte Frauen, die sich gegenseitig feindselige Blicke zuwerfen. Wir sehen auch Plakate der Regierung, die Frauen im traditionellen Nationaldress und daneben Frauen in Burka zeigen, mit der Unterschrift: „Wo soll unser Land hingehen?“ Eine Kirgisin sagte zu uns, als wir erfreut berichteten, endlich mal wieder in einer Demokratie zu sein: „Ja das ist schön und gut, das Problem ist, dass hier jeder seine Meinung sagen darf, auch die Radikalen und dass wir Freiheit durch weniger Sicherheit erkaufen. Diese Debatte kennen wir doch irgendwoher…

Kirgisistan ringt um seine Identität und kämpft gegen wachsenden Islamismus.

Kirgisistan ringt um seine Identität und kämpft gegen wachsenden Islamismus.

4) Das Hamelner Rathaus gilt als äußerst sanierungs-, wenn nicht sogar neubaubedürftig. Wie sieht es in Osh aus? Gibt es da überhaupt ein Rathaus? Welchen Eindruck macht es?

Selbstverständlich hat Osch ein Rathaus. Es sieht nach altem Sowjet-Schick aus. Also hässlich :-)! Aber auf dem Dach weht eine riesige kirgisische Fahne – immerhin.

5) Das 16. Open-Air-Kino im Bürgergarten hat wieder viele Menschen angezogen. Gibt es in Osh sowas? Oder sind Kinos allgemein dort beliebt?

Wie in den meisten islamischen Ländern ist das Nacht- und Entertainmentleben im Vergleich zum Westen im Prinzip nicht existent. Laut Koran sind viele der Dinge, die wir als Spaß ansehen, wie Kinofilme „haram“, das heißt „Sünde“. Wenn auch diese Koraninterpretation laut der Muslime, die uns darüber aufgeklärt haben, Sache aktueller Deutungen und Strömungen ist, sehen das doch viele Gläubige so. Darum hat auch Kino hier ein gewisses „Geschmäckle“ unter der islamischen Mehrheit. Ein Einheimischer brachte es mit diesem Satz zum Ausdruck: „Die Regeln sind ganz einfach: wenn es Spaß macht, ist es haram!“ Was allerdings nicht heißt, dass es keine Kinos gibt! Allerdings darf man sie sich nicht so vorstellen wie bei uns, wie einen kleinen Palast mit Popcorn und Bier, sondern eher wie das alte Puschenkino mit den abgewetzten Polstern, das wir in ehrlichen Momenten urig fanden, aber auch ein bisschen eklig.

Eine ganz normale Straße in Osch.

Eine ganz normale Straße in Osch.

Nächster Stopp: Kasachstan. Fragen? Immer her damit, wir freuen uns auf eure Neugier!

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