Eure Fragen zu: Türkei

Über den Dächern Pergamons, auf einem holprigen kleinen Fußgängerweg..

Über den Dächern Pergamons, auf einem holprigen kleinen Fußgängerweg..

Kürzlich haben uns eure Fragen zur Türkei erreicht und jetzt, in Zentralanatolien, nach knapp 1.600 gefahrenen Kilometern auf türkischem Boden und unzähligen Türkisch-Englisch-Hand-und-Fuß-Gesprächen, sehen wir uns dazu in der Lage, euch halbwegs qualifizierte Antworten darauf zu geben. Und natürlich unsere persönliche Meinung, von der wir uns nie so recht befreien können – oder wollen. Also, los geht’s – eure Fragen, unsere Antworten:

1.)Wie sieht es mit der Infrastruktur in der Türkei (oder euer genauer Ort) bzgl. Straßensperrungen wegen evtl. Bauarbeiten aus? Sind die Straßen gut in Schuss oder gibt es reichlich Schlaglöcher?

Die Straßen sind sehr gemischt, allerdings mindestens europäischer Durchschnitt. In Albanien waren wir uns alle paar hundert Meter sicher, dass gleich das Federbein bricht, diese Angst begleitet uns in der Türkei nicht. Gerade das Autobahnnetz ist – wenn auch klein in Bezug auf die Anzahl der Verbindungen – perfekt in Schuss und fast immer dreispurig in jede Richtung mit wenig Verkehr. Toll! Allerdings sind uns die Mautautomaten ein Rätsel. Niemand hält dort an und wenn wir hindurch fahren, steht dort ein Betrag auf einem Bildschirm und ein Alarm ertönt. Allerdings gibt es nichts, wo man Geld einwerfen könnte. Wenn bald landesweit nach uns gefahndet wird, wisst ihr warum :-)! Die Schnellstraßen sind genauso gut und die kleineren Landstraßen dagegen recht holprig und nicht ungefährlich, da der Teer wie überall im Süden sehr heiß und rutschig werden kann.

Die Straßen sind nicht überall mies, sondern nur in Ausnahmefällen.

Die Straßen sind nicht überall mies, sondern nur in Ausnahmefällen.

So fährt es sich gut - fast schon langweilig für einen Endurofahrer!

So fährt es sich gut – fast schon langweilig für einen Endurofahrer!

Dreispurig und gut ausgebaut - die türkische Autobahn.

Dreispurig und gut ausgebaut – die türkische Autobahn.

2.)In Hameln soll aus dem Wienerwald ein „Haus der Wirtschaft“ entstehen. Gibt es in der Türkei auch streitbare, architektonische Gebäude, die die Bewohner nicht sonderlich schön finden? Oder Gebäude, die sie architektonisch gelungen finden?

Unser Eindruck war, dass es das Thema „schöne Gebäude“ oder „Architekturverbrechen“ hier gar nicht in der Form gibt. Ähnlich wie in Griechenland, wo das Leben dank des Wetters und der soziokulturellen Strukturen eher draußen unter Leuten und freiem Himmel stattfindet, macht man sich einfach nicht so viele Gedanken über das Erscheinungsbild des Eigenheims oder der umstehenden Gebäude. Ein Wohnhaus muss eben genau wie ein Bürogebäude seinen Job erfüllen und der ist längst nicht so hart wie in Deutschland, wo wir die meiste Zeit (auch gezwungenermaßen) im Innenraum verbringen. Ein weiteres Indiz dafür sind übrigens die besagten Innenräume selbst: Hier findet man kaum Bilder an den Wänden, oder ausladend viel Deko. Warum einen Lebensbereich vollstopfen und optimieren, den man so selten wie möglich nutzt?

Die Häuser gewinnen keinen Schönheitspreis, dafür gibt es häufiger mal eine Burg über den Dächern zu sehen. z.B. Pergamon :-)!

Die Häuser gewinnen keinen Schönheitspreis, dafür gibt es häufiger mal eine Burg über den Dächern zu sehen.

3)In Afferde hat sich ein Rentner, um die Bepflasterung einer Stellfläche zu verhindern, mit einem Stuhl auf eben diese gesetzt. Die Bauarbeiten konnten so nicht fortgeführt werden.
Gibt es in der Türkei ähnlich kuriose Fälle?

Wir haben uns erkundigt und diese und ähnliche Protestformen sind hier eher normal. Man beschwert sich durch Protest, in dem man sich wiedersetzt, oder man könnte sagen „kindlichen Trotz“ entgegensetzt. Allerdings sind die Behörden hier deutlich weniger zimperlich bei der Umsetzung ihrer Exekutivaufgaben. Im Zweifelsfall weiß man hier darum, wann es Zeit ist den Kopf einzuziehen und tut es dann auch. Das hängt auch mit dem politischen Umschwung zusammen, den Erdogan mit sich gebracht hat, jedenfalls haben uns das viele Einheimische so erklärt, die sich, je weiter westlich in der Türkei, desto stärker, stundenlang über ihren Präsidenten aufregen könnten. Die Türken sind sehr stolz auf ihre gesellschaftspolitischen Strukturen und fürchten um ihre Grundpfeiler, wie die strikte Trennung von Religion und Staat, persönlicher Freiheit und Demokratie. Protest, besonders in organisierter Form, ist in Zeiten gewaltsamer Niederschlagung von Demonstrationen auf dem Taksim Platz und der Erstürmung freier Nachrichtenredaktionen eher ein Wort geworden, das mehr geflüstert als umgesetzt wird.

Die türkische Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft ist enorm - genau wie die Bereitschaft, über Politik und die eigene Meinung zu sprechen.

Die türkische Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft ist enorm – genau wie die Bereitschaft, über Politik und die eigene Meinung zu sprechen.

Wir hoffen, dass unsere Antworten euch ein wenig mehr Einblick in dieses extrem gastfreundliche und gesellschaftlich tief gespaltene Land geben konnten und sind gespannt auf eure nächsten Fragen, wenn auf dem Stempel in unseren Reisepässen „Iran“ steht!

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