Explosionen an Grenzzaum

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War das ein Tag. Er endete schlimmer, als erwartet. Augen brennen, Gesicht auch. Haut ist gerötet.


imageFolgen der explodierenden Tränengas-Granaten, die die mazedonische Grenzpolizei seit heute Mittag auf Griechenland abfeuert. imageJulias Arme sind gerötet. Ihr Gesicht auch. Sonnenbrand oder Tränengas? Wir wissen es nicht. Mein Gesicht brennt wie Feuer. Wir hatten es schon geahnt. Am Samstag hieß es: „Morgen um neun gehen wir über die Grenze.“ Flüchtlinge hatten es uns erzählt, aber auch George aus Holland, der hier für die Hilfsorganisation „Movement on the Ground“ arbeitet, täglich Bananen an Gestrandete ausgibt und gemeinsam mit seinen Freunden Flüchtlingskinder in einem riesigen Zelt betreut, hatte diese Information irgendwo aufgeschnappt. imageDass es so heftig werden wird, haben wir nicht gedacht. Ein Arzt aus Irland sagt: „So schlimme Szenen habe es in Idomeni noch niemals zuvor gegeben. Ich stelle mir die Fragen: Warum hat die griechische Polizei nur zugeschaut? Warum hat sie nicht wenigstens versucht, den Ansturm auf den Grenzzaun zu verhindern? Wir haben einige Mannschaftsbusse gesehen, aber höchstens vier Dutzend Polizisten gezählt. imageWarum konnten sich Journalisten und Helfer auf diesen Tag vorbereiten – die griechische Polizei aber offenbar nicht? Wir wissen es nicht. Die Polizisten dürfen nicht mit uns sprechen. Der grimmig aussehende Chef hat uns mit den Worten „No english“ abgewiesen. Es hat Ausschreitungen gegeben – und viele Verletzte durch Tränengas. Einige werden auch ein Knalltrauma davongetragen haben. Als wir uns dem Grenzzaun näherten, ist ganz in der Nähe ein Knallkörper explodiert. In meinem rechten Ohr pfeift es. Ein Journalist aus Schweden spricht von der „Schlacht um Idomeni“. Es ist passiert, was passieren musste. Verzweifelte wollen den Grenzzaun überwinden. Sie werfen mit dicken Steinen. Mazedonische Polizisten antworten mit Tränengas und Pyrotechnik. Es sollen auch Gummigeschosse abgefeuert worden sein. Blendgranaten explodieren. So halten die Grenzpolizisten aus Mazedonien die Hoffnungslosen auf Distanz. imageSogar ein Panzerwagen und ein Militärhubschrauber sind im Einsatz. Am Morgen hat sich die Zeltstadt verändert – Flüchtlinge brachen ihre Zelte ab, machten sich auf den Weg zum Grenzzaun. Die griechische Polizei hatte die Gleise nach Mazedonien mit Mannschaftsbussen zugestellt. Ein roter Hubschrauber kreiste über dem Camp. Auf den Schienen versammelten sich immer mehr Menschen – vor den Augen von Pressevertretern aus aller Welt. Martha aus Bilbao hat einen Hilfsgütertransport von Spanien nach Griechenland begleitet. Nun wird auch die Pressefotografin Zeugin von gewalttätigen Ausschreitungen. Sie ist genauso erschrocken wie wir. imageDie Medien werden zum Sprachrohr der Verzweifelten, die auf ihre Situation aufmerksam machen wollen. Die ehrenamtliche Helferin Najida Haghrib aus den Niederlanden ist Koordinatorin von „Movement on the Ground“. Sie hat Verständnis dafür, dass die Flüchtlinge protestieren. Die Situation im Lager sei schließlich nicht die Beste.“ Die Flüchtlinge wollen den Schein wahren – die Welt soll sie leiden sehen. „Lachende und spielende Kinder, tanzende Männer – das soll jedoch niemand sehen“, sagt Najida. image imageAls die Kameramänner filmen, bleiben Mütter und Kinder unsichtbar – sie halten sich in Zelten auf. Die Gestrandeten hoffen, dass die Grenze schon bald geöffnet wird. Manche haben uns gesagt, sie wollten den Zaun überwinden. Irgendwie… Heute sei die Zeit dafür. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Anfangs ist alles friedlich. Die Männer protestieren auf den Gleisen. Auf einem Stück Karton steht: „Open the border!“ image imagePlötzlich setzt sich die Menschenmasse in Bewegung. Am Grenzzaun explodieren Tränengas-Granaten. Laute Knalle, weiße Schwaden. Die mazedonische Polizei schießt Dutzende Tränengas- und Blendgranaten ab – und sie zündet Knallkörper. Dr. William Dienst aus Washington ist mit der Hilfsorganisation SCM Medical Missions an der griechisch-mazedonischen Grenze. Der Notarzt behandelt viele Männer, die Tränengas eingeatmet haben. Zwei sind kurz vor dem Kollaps. Einer bekommt drei Notfall-Spritzen. Sie sollen die allergische Reaktion stoppen. Es hört nicht auf. Tränengas-Granaten fliegen im hohen Bogen von der ehemaligen Teilrepublik Jugoslawien Mazedonien nach Griechenland. Die Zahl der Verletzten steigt, weil der Wind gedreht hat. Kinder weinen. Auch wir haben etwas abbekommen, es ist aber anfangs nicht ganz so schlimm. Julia hat ihr Trinkwasser Verletzten zur Verfügung gestellt. Sie spülen damit ihre Augen aus. Wir werden meine Ration unter uns aufteilen. Es ist heiß. Wir schwitzen, haben Durst. Und dann erwischt es auch uns: Augen ausspülen, Gesicht waschen – weiter geht’s. Wenn ich es mit meinen tränenden Augen richtig gesehen habe, schießen die Polizisten aus FYROM (Mazedonien) auch von einem Panzerwagen aus. Flüchtlinge entfachen mehrere Feuer. Schwarzer beißender Qualm mischt sich mit dem weißen Reizgas.
Ich kann verstehen, dass Mazedonien
seine Grenzen verteidigt. Ich kann auch nachvollziehen, dass die Flüchtlinge das Warten satt haben. Aber Gewalt ist kein guter Begleiter. Damit macht man sich keine Freunde. In Griechenland und in Mazedonien nicht – und auch nicht in Deutschland. Was erwarten die Flüchtlinge, wenn sie Steine auf Grenzpolizisten werfen, wenn sie einen illegalen Grenzübertritt mit Gewalt durchsetzen wollen? Wie man es in den Wald hineinruft, schallt es wieder heraus, sagt ein Sprichwort. Flüchtlinge und Grenzpolizisten stehen sich nun schon seit Stunden gegenüber – die einen werfen mit Steinen und Mülltonnen, die anderen antworten mit Tränengas- und Blendgranaten. Wir haben uns gehen 15 Uhr etwas zurückgezogen. Man kann schlecht Sätze ins Handy tippen und gleichzeitig den Himmel beobachten. Die Gefahr, von einer Tränengas-Granate getroffen zu werden, ist groß. Gleich werden wir uns wieder dem Grenzzaun nähern uns sehen, was dort passiert.

One thought on “Explosionen an Grenzzaum

  1. Die armen mazedonischen Grenzsoldaten.

    Mit denen hat scheinbar keiner Mitgefühl. Die machen ihre Arbeit, sichern die Grenze zu ihrem Land und werden angegriffen. Auch bei denen gibt es Verletzte.

    Warum greifen die Flüchtlinge überhaupt die Grenzer an?

    Weil sie glauben, dass sie ein Anrecht auf einen Platz im Wohlfahrtsstaat Deutschland haben.
    Oder geht es den Flüchtlingen nur um die persönliche Sicherheit? Also müssen die Flüchtlinge in Idomeni befürchten, dass sie von griechischen Soldaten erschossen werden? Vermutlich werden sie noch nicht einmal für die Gewaltanwendung bestraft.

    Aber eine Frage geht an die Menschen in Deutschland: Wollen wir diese Menschen in Deutschland haben, die sich notfalls mit Gewalt holen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht?

    Ich bin der Ansicht, darüber sollte das gesamte Volk entscheiden und nicht nur eine Person.

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