Falsche Bilder im Kopf

image imageDas Schulgebäude sieht aus, als sei es erst vor Kurzem gestrichen worden. Kinder kommen angelaufen. Ein Junge hat einen Fußball unter dem Arm. Zwei Mädchen lächeln uns an. Sie kommen vom Spielplatz. Es gibt Schaukeln, Klettergeräte, Wippen und Tischtennis-Platten. Neben uns spielen Jugendliche Basketball. Shasib ist 20 – und auf der Flucht vor Terror und Krieg. Er kommt aus Afghanistan. Jetzt steht er hier auf dem ehemaligen Schulhof und erzählt von seinem Traum. Er will zu seinem Onkel nach Österreich. Aber vorerst ist er im bulgarischen Flüchtlingszentrum Voenna Rampa an der Straße Lokomotive Nr. 11 gestrandet. In dem Plattenbau ist alles blitzsauber. Vielleicht, weil man wusste, dass heute eine Delegation des Ausschusses für Inneres und Sport des Niedersächsischen Landtags zu Besuch kommt. Vielleicht aber auch, weil es hier auch sonst ziemlich sauber ist. Die Toiletten, die ich in dem Gebäude „inspiziert“ habe, waren ebenfalls geputzt, der Fußboden gewischt. image imageDie Zimmer der Flüchtlinge, in die ich geschaut habe, wirkten aufgeräumt und wohnlich. Ich kannte dieses Lager nur von Medienberichten, hatte vor einiger Zeit einen Bericht im bulgarischen Fernsehen gesehen, in dem es um angebliche Polizeigewalt im Lager ging. Nun stehe ich vor der Aufnahmeeinrichtung, die ich noch am Montag als „berühmt-berüchtigt“ bezeichnet habe, und stelle fest, dass die Bilder, die ich im Kopf hatte, so gar nicht mit der Realität übereinstimmen. Ich muss an Idomeni denken. Auch an der griechisch-mazedonischen Grenze war nicht alles so, wie ich es erwartet hatte. Keine Schlammwüste, kein Elendslager, keine „Hölle auf Erden“. Ein wildes Flüchtlingslager, zwar nicht schön, aber auch nicht inhuman. Ein wildes Camp, das mich eher an eine Mischung aus Wacken Open Air, Anti-Atom-Dorf und Campingplatz erinnerte.
Jetzt mache ich dieselbe seltsame Erfahrung in Bulgarien. Ich frage Shasib, wie das Leben im Flüchtlingszentrum Vornna Rampa ist. „Es ist gar nicht übel hier“, sagt der junge Mann. Imram steht daneben und nickt. „Ja, es ist ganz okay hier“, meint der 17-Jährige. Auch er stammt aus Afghanistan. Auch er hat seine Heimat verlassen. Er sei auf der Suche nach einem besseren Leben, erzählt er. Sein Ziel sei Österreich. Dort werde er es finden, „das gute Leben“, glaubt er. Davon ist der 20-Jährige überzeugt.
Shasib und Imram möchten dennoch nicht in Bulgarien bleiben. Imram will nach Deutschland und dort studieren. Warum gerade Deutschland? „Ganz einfach. Weil ich dort die besten Studienbedingungen habe“, sagt der Jugendliche. Imran will Wirtschaftswissenschaften studieren.
800 Schlafplätze gibt es in Voenna Rampa. 502 Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak und aus Syrien leben hier. „In dieser Reihenfolge“, sagt Petya Parvanova, die Leiterin der Flüchtlingsagentur. Vor ein paar Monaten sei es noch andersherum gewesen, sagt sie. Da kamen die meisten Schutzsuchenden aus Syrien. image40 Angestellte betreuen die Flüchtlinge. Wer nach Voenna Rampa kommt, wird registriert. image imageMan nimmt ihm Fingerabdrücke ab und gibt die Daten in das Schengener Informationssystem EuroDat ein. „Es dauert keine fünf Minuten, dann wissen wir, ob der Flüchtling bereits in einem anderen europäischen Land gemeldet ist“, sagt der Leiter der Einrichtung, ein Mann mit kurzen Haaren und braunen Haaren. Wer nach Deutschland, Österreich, Schweden oder in ein anderes EU-Land weiterreist und dort überprüft wird, muss damit rechnen, nach Bulgarien zurückgeschickt zu werden. Seit Anfang des Jahren sind 178 Frauen und Männer nach Bulgarien „rückgeführt“ worden, wie es im Amtsdeutsch heißt. Die meisten bereits zuvor auf dem Balkan registrierten Flüchtlinge seien in Österreich aufgegriffen worden, sagt Frau Parvanova. „Warum Deutschland so wenig Flüchtlinge zurückschickt, weiß ich nicht.“ Vielleicht kommen die „Reisenden“ erst gar nicht dorthin.
22400 Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Bulgarien eingereist. Ein Fünftel hat Asyl bekommen. Die wenigsten Schutzsuchenden wollen bleiben. Sie sind auf der Durchreise, haben andere Vorstellungen von Wohlstand. Die schwierige wirtschaftliche Lage in Bulgarien schrecke sie ab, meint Petya Parvanova. Das sieht auch Shubash Wostiyl vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR so. Die konsequente Registrierung von Flüchtlingen und das Abnehmen von Fingerabdrücken „demoralisiere“ diese Menschen, meint er. Dass Bulgarische Rote Kreuz hat von der EU Geld für 800 Flüchtlinge, die in Bulgarien bleiben wollen, erhalten. „Sie werden es kaum glauben“, sagt Dr. Nadezhda Todorovska vom Bulgarischen Roten Kreuz. „Nur sieben Schutzsuchende wollten eine Wohnung haben.“ Es sei keine Frage des Geldes. Mehr als 20000 Flüchtlinge hätten Bulgarien erreicht. „Die meisten sind weitergezogen.“
Shubash Wostiyl, der UNHCR-Vertreter, ist ein Mann der Zahlen. Im vergangenen Jahr sind in Bulgarien 1595 Flüchtlinge aufgegriffen worden. 1921 wurden festgenommen, als sie das Land verlassen wollten. Weitere 1102 wurden in Bulgarien „geschnappt“. Der Druck an der Grenze sei aber nach wie vor groß und werde noch zunehmen. Die vermeintlich kleinen Zahlen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, warnt Wostiyl. Im Jahr 2015 seien es 95000 Menschen gewesen, die die Grenze überwinden wollten. Dass sich Flüchtlinge eine neue Balkanroute durch Bulgarien suchen werden, glaubt der UNHCR-Mitarbeiter nicht.
Das sei schwer vorstellbar. Mit einem Bündel von Maßnahmen versucht Bulgarien, die EU-Außengrenze zu schützen. Das ärmste Land der Europäischen Union gibt viele Millionen aus, um einen Zaun an der Grenze zur Türkei zu bauen. image image86 Kilometer seien schon fertiggestellt worden, sagt Tsvetan Tsvetanov, Vorsitzender des Innenausschusses des bulgarischen Parlaments. Auf einer Länge von 100 Kilometern wurden Wärmebildkameras installiert, zusätzliche Polizisten an die Grenze geschickt. Vor einem Monat sei ein neues Gesetz in Kraft getreten, das es der Grenzpolizei gestatte, das Militär zur Hilfe zu holen. Außerdem habe Bulgarien das Strafgesetz geändert, erzählt der stellvertretende Parteivorsitzende der konservativen GERB. Schleuser sollen hart bestraft werden. Nach Europol-Angaben machten Menschenschmuggler Gewinne zwischen drei und sechs Milliarden Euro.
Tsvetan Tsvetanov sieht das so: „In der Türkei befinden sich derzeit mehr als 2,7 Millionen Flüchtlinge. Nur 250000 leben in Camps. Die restlichen 2,5 Millionen stellen eine Gefahr für Europa dar.“ Es brauche einen Informationsaustausch zwischen den EU-Ländern – und zwar in Echtzeit. Nur so könne man Terroranschläge verhindern. Das ist die bulgarische Sicht der Dinge.  image

One thought on “Falsche Bilder im Kopf

  1. Zitat
    „Imram will nach Deutschland und dort studieren. Warum gerade Deutschland? „Ganz einfach. Weil ich dort die besten Studienbedingungen habe“, sagt der Jugendliche. Imran will Wirtschaftswissenschaften studieren.“
    Genau, weil er hier umsonst studieren kann, und weil er umsonst erst mal etliche Deutschkurse bekommt und umsonst wahrscheinlich jahrelang fitgemacht wird für sein gewünschtes Studium. Kein Wunder, daß Eltern aus aller Welt ihre halbwüchsigen Kinder ohne Papiere hierherschicken. In welchem Land, außer Schweden, gibts das wohl noch?
    Bei meinen eigenen Kindern herrscht in der Schule ständig Lehrermangel, dauernd Unterrichtsausfall. Aber pro 2 minderjährige (traumatisierte) Flüchtlinge gibt es einen eigenen Betreuer – heute erst gelesen.
    Sozialsystem innerhalb Deutschlands, das ist ja voll in Ordnung, damit ärmere Bürger aufgefangen werden. Aber was in letzter Zeit so abgeht!?
    Überall auf der Welt Krieg, Armut und Überbevölkerung, an allem sollen wir auch noch Schuld sein und zahlen, zahlen, zahlen.
    Aber ja nicht einmischen, das ist auch falsch…
    Ja, vielleicht habe ich ebenfalls falsche Bilder im Kopf, mir schwant nämlich nichts Gutes für Deutschlands Zukunft, und der geschätzte Autor lässt auch oft skeptische Untertöne anklingen…

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