Katerstimmung in Stockholm

IMG_1588Das Wetter am Sonntag passte perfekt zur Stimmungslage in der deutschen Delegation um Jamie-Lee. Nass, grau und kalt präsentierte sich die schwedische Hauptstadt am Tag nach dem Finale. Schon wieder der letzte Platz!

Immerhin waren es diesmal nicht null Punkte, sondern elf, die aus Österreich, der Schweiz und Georgien kamen. In einem starken Feld konnte sich Jamie-Lee am Ende nicht durchsetzen. Wer Vertreter aus dem Team vor der Show beobachtete, konnte sehen, dass ihnen bereits Schlimmes schwante. Vom Verantwortlichen der ARD, Unterhaltungschef Thomas Schreiber, kam zu dem Ergebnis nur eine dünne schriftliche Erklärung für die erneute Pleite: Jamie-Lee habe vor allem das junge Publikum in Deutschland angesprochen. International und beim Publikum in allen anderen Altersschichten sei es offenbar eher auf Unverständnis gestoßen, dass ein Manga-Mädchen aus Deutschland antritt. Die internationalen Fans vor Ort hatten ebenfalls nicht damit gerechnet, dass Jamie-Lee auf den letzten Platz kommt. Klar, ein Top-5-Kandidat sei „Ghost“ nicht gewesen – aber Letzter? Das sei dann doch ein wenig unfair. Auftritt und Song wurden allerorts gelobt, die Interpretin sowieso, dennoch hat es nicht gereicht, Europa in den entscheidenden drei Minuten zu überzeugen. In den kommenden Wochen wird im NDR eine heftige Diskussion erwartet, welche – auch personellen – Konsequenzen aus dem schlechten Abschneiden gezogen werden müssen.

IMG_1564Jubeln durften an diesem Abend andere. Allen voran die stimmgewaltige Ukrainerin Jamala, die in einem Kopf-an-Kopf-Rennen vor Australien und Russland landete. Ihr emotionales Klagelied handelt von der Deportation der Krimtataren von der Halbinsel Krim im Jahr 1944 durch die sowjetische Armee. Sie sei immer sicher gewesen, dass es Menschen berühren kann, wenn man über die Wahrheit singt, das brachte ihr im Schnitt gut 6,51 Punkte pro Voting. (Zum Vergleich: 9,46 Punkte räumte die britische Band Katrina & The Waves bei ihrem Sieg 1997 pro Land ab). Das Lied „1944“ ist ihrer Urgroßmutter gewidmet, die unter den Folgen dieser Verbrechen ihr Leben lang zu leiden hatte. Könnte sie die Vergangenheit ändern, dann würde das Lied nicht existieren, sagte sie in der anschließenden Pressekonferenz.

Nachdem ihr Sieg kurz vor dem Ende der nervenaufreibenden Abstimmung feststeht, herrscht unter den ukrainischen Journalisten und Fans im Pressezentrum eine etwas ungläubige, aber gewaltige Freude, anerkennender Applaus kommt auch von den enttäuschten Russen und Australiern, die das Finale hier angeschaut haben. Ein Hoffnungsschimmer für ein von Krieg, Wirtschaftskrisen und politischer Instabilität gebeuteltes Land. Der nächste Eurovision Song Contest wird damit voraussichtlich in der Ukraine stattfinden, das Finale wird am 20. Mai sein.

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