Kennen Sie den?

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„Wird ein Kleinbus mit Flüchtlingen von der Grenzpolizei gestoppt. Als die Männer erfahren, dass sie in Rumänien sind, brechen sie weinend zusammen. Sie wollen so schnell wie möglich zurück.“ Oder: „Wissen Sie, was die Bayern machen, damit nicht noch mehr Flüchtlinge in ihr Land kommen? Ganz einfach: Sie stellen an der deutsch-österreichischen Grenze ein Schild mit der Aufschrift Rumänien auf.“ Es sind Witze wie diese, die man sich dieser Tage in Bukarest erzählt. Darf man so etwas schreiben und damit zur Verbreitung dieser fremdenfeindlichen Witze beitragen? Lange habe ich darüber nachgedacht – und es letztlich getan. Denn: Das ist die Realität in Rumänien. „So ticken hier nun einmal die allermeisten Leute“, verrät mir eine zuverlässige Quelle, die es wissen muss. Die Bevölkerung ist sich einer aktuellen Zeitungsumfrage zufolge in einem Punkt einig: Flüchtlinge sind nicht willkommen im aufstrebenden Balkanstaat. 80 Prozent der Rumänen wollen keine Schutzsuchenden aufnehmen, 86 Prozent keine Flüchtlinge als Nachbarn haben. Es gibt aber auch Menschen wie Bianca Albu von der Hilfsorganisation GRS, die den Flüchtlingen, die in Rumänien gestrandet sind, aus Überzeugung helfen, die christliche Nächstenliebe leben und die in dieser Aufgabe aufgehen. Dass eine größere Anzahl Schutzsuchender Rumänien ansteuert, muss das Land nicht befürchten. Die Zeltlager an der Grenze seien leer, hören wir. Die meisten Flüchtlinge machen einen großen Bogen um Rumänien. Sie haben Angst, dort bleiben zu müssen. Dabei ist Rumänien ein sehr schönes Land. Es bietet den Menschen, die aus Afghanistan, Syrien und dem Irak geflüchtet sind, allerdings weit weniger Hilfen an, als Deutschland. Die wirtschaftliche Lage in Rumänien sei eben nicht die Beste, heißt es zur Begründung. Das schrecke die Leute ab. Vor nicht allzu langer Zeit bekam ein Flüchtling in Rumänien umgerechnet weniger als einen Euro pro Tag. Die Sozialhilfe war allerdings auch nicht viel höher. Inzwischen sind die Leistungen erhöht worden. 68 Euro pro Monat sollen es sein. Aber das Geld reicht immer noch nicht. Es sei zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, sagt ein Helfer einer Hilfsorganisation.

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Eine Flüchtlingskrise gibt es nicht in Rumänien. „Stimmt, das ist kein Phänomen in unserem Land“, bestätigt Ioan Buda, Staatssekretär im Innenministerium. Im vergangenen Jahr hätten 1500 Menschen Asyl beantragt, 200 wären es im diesem Jahr gewesen. Rumänien hat den Schutz seiner Grenzen verstärkt, setzt Hightech zur Überwachung ein und hat Sonderstreifen angeordnet. Das Risiko, dass ein Flüchtlingsboot auf dem Schwarzen Meer entdeckt wird, liege bei 99 Prozent, sagt eine deutsche Quelle. Das muss sich unter den Schleppern herumgesprochen haben. In den vergangenen vier Jahren wurden in rumänischen Hoheitsgewässern nur zehn Boote mit insgesamt 500 Flüchtlingen aufgebracht – das letzte Schiff sei im Februar 2015 aufgespürt worden, teilen Grenzschützer nicht ohne Stolz mit. Angesichts dieser Zahlen könne man nicht von einer Migrationsroute sprechen, sagt Staatssekretär Buda, der selbst einmal beim Grenzschutz gearbeitet hat. Man beobachte die Lage allerdings ganz genau, arbeite eng mit bulgarischen und türkischen Sicherheitsbehörden zusammen. Erst in der vergangenen Woche sei der Chef-Admiral der türkischen Küstenwache zu Gesprächen in Rumänien gewesen. „Es findet ein enger Informationsaustausch statt.“ Die Zusammenarbeit sei sehr gut. Buda spricht von Solidarität. Rumänien hat 200 Polizisten nach Griechenland und in andere Länder geschickt, ist im Ausland mit zwei Schiffen und einigen Fahrzeugen im Grenzschutz-Einsatz, stellt anderen Staaten Ausrüstung zur Verfügung. An den rumänischen Landesgrenzen wurden in diesem Jahr 260 Flüchtlinge bei der illegalen Einreise aufgegriffen. 80 Prozent dieser Menschen seien in die Nachbarstaaten, aus denen sie kamen, zurückgeschickt worden, erzählt Buda. Rumänien hat der EU zugesichert, Kontingentflüchtlinge aus Griechenland, Italien und der Türkei aufzunehmen. Man halte Zusagen ein, betont der Staatssekretär und spricht von „einer ganzen Reihe von Flüchtlingen“, die schon angekommen seien. Ich hake nach. Was bedeutet eine ganze Reihe? Staatssekretär und Polizeioffiziere tauschen Blicke und Informationen aus. Dann kommt die Antwort. 35 Flüchtlinge sind schon da, 300 weitere sollen demnächst kommen. Nicht gerade viel für so ein großes Land wie Rumänien.
Abends treffen wir Lorett M. Jesudos. Die junge Frau aus Malaysia arbeitet in Rumänien für das Flüchtlingshilfswerk UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) als Protection Officer. Von ihr erfahren wir etwas, das uns in Erstaunen versetzt. Rumänien betreibt seit 2008 ein Reception Center (Übergangszentrum) für Flüchtlinge – laut Lorett war es weltweit das erste seiner Art. Die Regierung arbeitet eng mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen zusammen. In dem Camp finden Befragungen statt, einige Schutzsuchende werden von dort auf andere Länder verteilt. Laut UNHCR geht die Zahl der Asylsuchenden in Rumänien zurück. 2014 waren es noch 1506, im vergangenen Jahr 1266.
Später, bei einem Empfang in der Wohnung des Ständigen Vertreters des Deutschen Botschafters in Rumänien, treffe ich eine junge selbstbewusste Frau. Sie arbeitet für die Hilfsorganisation GRS und ist empört. Im Februar 2015 hätten rumänische Staatsanwälte damit begonnen, Verfahren gegen die Oberhäupter von Flüchtlingsfamilien zu eröffnen. Der Vorwurf: Beihilfe zum Menschenhandel. Aus Sicht der Strafverfolgungsbehörden hätten die Männer Schuld auf sich geladen, weil sie Schlepper bezahlt haben, erzählt Bianca Albu. Ich habe keine Möglichkeit, die Angaben der Rumänin zu überprüfen. Wenn Bianca Albu keinen Witz gemacht hat, wird die von ihr geschilderte Vorgehensweise der Justiz Flüchtlinge davon abhalten, über Rumänien in die EU einzureisen. Auch eine Möglichkeit, sein Land unattraktiv für Schutzsuchende zu machen.



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