„Morgen gehen wir“


Dass etwas passieren würde, war schon gestern klar. „Morgen gehen wir über die Grenze“, haben uns mehrere Flüchtlinge in Idomeni erzählt. Wir haben dann den Kopf gewiegt und meistens geschwiegen. Was soll man auch sagen, wenn einem die Hoffnung gegenübersteht? „Bald bin ich in Deutschland“, „in Schweden“, „in der Schweiz“. Morgen schon oder später. Was sie uns jedesmal erzählt haben, wenn wir mit ihnen sprachen. Hoffnung eben, Wunschdenken – und Wille, wie sich heute herausgestellt hat.image

Bis zum Abend verdichteten sich die Hinweise: Helfer berichteten von einer geplanten Demonstration. Angeblich sind Flugblätter im Lager verteilt worden. Ort und Zeit sind bekannt – und wir vor Ort, als sich die Menschen am nächsten Morgen nahe der Grenze versammeln. Entschlossen und ruhig, scheinbar gut organisiert, viele mit gepackten Taschen, geduldig im Sonnenschein auf den Bahngleisen.image

Irgendwann setzt sich der Zug in Bewegung, wie auf Kommando. Wir laufen hinterher. Sehen, wie die ersten Demonstranten Mund und Nase mit Tüchern bedecken und Kurs auf den Zaun nehmen. Ein erster lauter Knall übertönt den Lärm der Menge. Wir laufen schneller. Hunderte bleiben hinter uns zurück, als wir das freie Feld vor der Grenze erreichen. Aus sicherer Entfernung sehen sie zu, wie sich der Strom der Entschlossenen auf dem Acker verteilt und vorwärts strebt.

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In den nächsten Minuten lerne ich viel und schnell. Dinge, die ich hoffentlich nie wieder brauchen werde. Die Flugbahn einer Tränengas-Granate abschätzen. Wo wird sie explodieren? Aus welcher Richtung weht der Wind? Wie schnell und wohin muss ich laufen, um dem beißenden Rauch zu entkommen? Und wann kann ich wieder umkehren, um das nächste Foto zu machen? Das nächste Video, den nächsten Tweet.image

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Ich denke nicht nach, als die ersten Verletzten vom Feld getragen werden. Verwirrt sehe ich mir selbst dabei zu, wie ich den Auslöser drücke. Ein Mann mit rotem Gesicht, der japsend in der Sonne liegt. Ein weinendes Kind. Hustende Menschen. Steinewerfende Demonstranten, Panzer hinter dem Zaun, ein kreisender Militärhubschrauber. Eine Situation außer Kontrolle.

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„They want to kill us“, sagt jemand neben mir. Ich schüttele den Kopf und schreibe meinen Tweet. „They kill us!“, seine Stimme zittert. Ich drücke auf Senden und sehe ihn endlich an. Ein junger Mann, zu jung, um soviel Angst zu haben. „They dont’t want to kill you“, sage ich, „they are afraid.“image

 

 

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