Nepper, Schlepper, Seelenfänger

Chaudhy hat eine lange Reise hinter sich – und noch einen weiten Weg vor sich. Ob er jemals sein Ziel erreicht? Er weiß es nicht, aber er hofft es. Deutschland ist das Land seiner Träume. Dort möchte er leben. In Frieden und ohne Angst. Daheim in Pakistan, behauptet Chaudhy, werde er politisch verfolgt. Man trachte ihm dort nach dem Leben, sagt er. Ob seine Geschichte stimmt – wir wissen es nicht. Wie sollen wir seine Angaben überprüfen?

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Der Mann mit dem gepflegten grauen Vollbart, der hohen Stirn und den wachen braunen Augen ist angeblich erst 45 Jahre alt, er sieht jedoch deutlich älter aus. Er sei Mitglied der People’s Party of Pakistan gewesen und habe sich den Zorn des politischen Gegners zugezogen, erzählt der allem Anschein nach gebildete Mann, der seit Monaten auf der Flucht ist. Mit Bussen sei er von Pakistan in den Iran und von dort weiter in die Türkei gefahren. Mit einem kleinen Boot ging’s dann weiter über das Meer auf die griechische Insel Lesbos und schließlich mit der Fähre nach Athen. 3000 Euro will er Schleppern bezahlt haben.

Seine Frau sei tot – Herzinfarkt. Die neunjährige Tochter und der ältere Sohn (12) lebten bei seiner Mutter in Pakistan. Sein Bruder sei Lehrer. Ich frage Chaudhy, warum seine Kinder ihn nicht begleiten. Sie müssten doch daheim auch in ernster Gefahr sein. Der Flüchtling bleibt vage, versteht angeblich nicht ganz so genau, was ich meine. Stattdessen fragt er mich, wer denn schuld sei an den ganzen Kriegen, an dem Zorn und an dem Terror in dieser Welt. Er meint, die USA sollten sich lieber raushalten und nicht Menschen töten. „Die Welt ist ein Haus, ein globales Dorf. Wir sind alle Brüder“, meint Chaudhy. „Wir brauchen Frieden.“ Recht hat er, aber so einfach ist leider nicht.

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Erst am Morgen hat der Pakistaner das Camp der Vergessenen an der griechisch-mazedonischen Grenze erreicht. Zuvor hatte er sich eigenen Angaben zufolge längere Zeit in Athen aufgehalten. Warum er ausgerechnet nach Idomeni gekommen ist? Er muss doch gewusst haben, dass Mazedonien seine Grenze geschlossen hat. Chaudhy scheint mich plötzlich nicht mehr zu verstehen. Jedenfalls erhalte ich keine Antwort. Möglich, dass jemand dem Pakistaner erzählt hat, dass die Flüchtlinge an diesem Tag den Grenzzaun überwinden werden.

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Es ist eine Geschichte von vielen. Kaum verifizierbar. Jeder Flüchtling hat ein Schicksal, einen ganz persönlichen Grund, seine Heimat zu verlassen. Die einen werden politisch verfolgt oder flüchten vor Krieg und Terror, die meisten sind wohl auf der Suche nach einem besseren Leben. Manche geben offen zu, dass sie in Deutschland in den Genuss von Annehmlichkeiten kommen wollen. Schlepper sprechen von einem Land, in dem Milch und Honig fließen. Dass sich nicht alle über Zuwanderung freuen, dass viele Angst vor Fremden haben, verschweigen sie. Die Mafia kassiert, Menschenhandel ist ein einträgliches Geschäft. Kann man es den Flüchtlingen verübeln? Finanzielle Hilfen, eine Wohnung, eine Arbeitsstelle, ein friedliches und sicheres Leben – wer möchte das nicht haben? Deutschland bietet Schutzsuchenden mehr als viele andere EU-Länder. Viele Menschen beantragen in Deutschland aus politischen Gründen Asyl – wir können nicht wissen, ob zu Recht. Ich denke an die sogenannten Entscheider des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die die Asylanträge dieser Menschen innerhalb kürzester Zeit prüfen müssen. An die Frauen und Männer, die die Spreu vom Weizen trennen sollen. Sie werden sich auf ihre Erfahrung und auf ihr Bauchgefühl verlassen müssen.
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Ich gebe Chaudhys kompletten Namen bei Google ein, recherchiere im Internet – und werde fündig. Das Netz wirft eine Fülle von Informationen und zahlreiche Fotos aus. Ich entdeckte jedoch kein Bild, auf dem ich Chaudhy wiedererkennen würde. Dafür aber einen interessanten Zeitungsbericht vom 10. November 2014, aus dem hervorgeht, dass der Bruder eines pakistanischen Ministers exakt so heißt. Dort steht geschrieben, dieser Mann habe einen rivalisierenden politischen Mitarbeiter der Muslim Conference auf einem Marktplatz angeschossen und schwer verletzt. Dann sei er mit einem Dienstwagen geflüchtet. Ist das der Chaudhy, mit dem ich in Idomeni gesprochen habe? Von politischen Rivalitäten hatte er mir erzählt. Aber hätte mir Chaudhy dann seinen vollen Namen verraten? Oder hat er sich absichtlich eine falsche Identität zugelegt, um politisches Asyl erhalten zu können? Sieht er deshalb älter aus als er womöglich ist? Ist der Zeitungsbericht überhaupt wahr? Oder steht die Wahrheit womöglich auf einem anderen Blatt Papier? Fragen über Fragen, auf die ich vom Schreibtisch aus keine Antworten finden werde. Sollte Chaudhy jemals Deutschland erreichen und hier einen Asylantrag stellen, wird sich ein Entscheider mit genau diesen Fragen beschäftigen müssen. Aber auch er hat nur bescheidene Möglichkeiten und wenig Zeit, solche Fluchtgeschichten auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.
Immerhin kann ich die Frage eines Dewezet-Lesers  beantworten: Ja, unter den Flüchtlingen in Idomeni gibt es Menschen, die aus politischen Gründen Asyl beantragen wollen. Ob zu Recht – wir können es nicht beurteilen.image

3 thoughts on “Nepper, Schlepper, Seelenfänger

  1. Danke für alle Berichte in diesem Blog, welchen ich als sehr interessant und ehrlich empfand!
    Haben sie dort einige Flüchtlinge gefragt, was sie von einer europäischen Aufteilung halten?
    Was würden sie tun, wenn sie einem bestimmten (nicht gewünschten) EU -Land zugewiesen würden, wie das ja von den Regierenden geplant ist. Würden die Flüchtlinge das akzeptieren, oder was würden sie tun?
    MfG

    1. Das haben wir nicht konkret gefragt. Ich denke, dass es darauf auch keine einheitliche Antwort gibt. Viele, mit denen ich gesprochen habe, haben Angehörige in einem ganz bestimmten Land. Dort wollen sie dann natürlich hin. Es hängt sicherlich von den einzelnen Personen und ihren Möglichkeiten ab, ob jemand die Zuweisung zu einem anderen Staat akzeptiert oder sich dagegen auflehnt. Mein persönlicher Eindruck ist, dass der Familienzusammenhalt dabei eine sehr wichtige Rolle spielt.

  2. Danke Herr Behmann,

    das hat mich interessiert und hoffentlich auch viele andere Leser. Schade nur, dass Herr Chaudy so vage bleibt. Denn wenn er vor den sogenannten „Entscheidern“ steht, muss er belegen, dass er politisch tätig gewesen ist und vom Staat Pakistan verfolgt wurde (was eher selten der Fall ist). Dann wird er „durchleuchtet“ ob es dann hilfreich ist ein falsches Alter anzugeben und eine für Pakistan untypische Familiengeschichte aufzuweisen wird alles miteinbezogen.

    Ganz persönlich möchte ich hinzufügen, dass eine ausgeprägte USA-Feindlichkeit kein gutes Omen für eine gelungene Integration in Deutschland darstellt.
    Denn die Werte der USA und die Deutschen Werte sind gar nicht so verschieden.

    Ich bedanke mich für diese Darstellung. Und habe jetzt Informationen erhalten, wer sich als politisch verfolgt darstellt.

    Abschließend trotzdem noch eine Frage: Herr Behmann, Sie haben ihn kennengelernt, hätten Sie Herrn Chaundy gerne als Nachbarn?

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