„Schlaf ist das Wichtigste“

IMG_8605Die Sonne strahlt über Stockholm, als das Flugzeug am frühen Samstagmorgen landet. Die Stadt scheint noch zu schlafen. Nicht nur am Flughafen ist es menschenleer. Ich muss mich erst einmal orientieren: Wie komme ich zu meiner Unterkunft? Und wie von da aus zur Globen Arena, oder besser gesagt: zu den Arenen? Rund um das Zentrum des Geschehens, den Ericsson Globe, liegen noch weitere Veranstaltungsorte: Neben dem Fußballstadion „Tele2-Arena“ auch das „Hovet“, eigentlich eine Eishockeyhalle für mehr als 8000 Zuschauer. Dort hat das Pressezentrum Quartier bezogen, in dem gut 2000 Journalisten Platz finden sollen. In einem Container vor dem Gebäude hole ich meine Akkreditierung ab, die mir in den kommenden Tagen das Arbeiten etwas erleichtern soll. In der Plastikkarte befindet sich ein RFID-Chip, der in allen eingeschränkten Bereichen ausgelesen wird. Es piept, Name und
Bild werden angezeigt – und wenn ich richtig bin, leuchtet es grün. Jeder Veranstaltungsort beim ESC ist hochgesichert. Wie am Flughafen gibt es Metalldetektoren und Taschenscanner.

Im Inneren des Pressezentrums werde ich mit den wichtigsten Informationen über Stockholm und den ESC2016 versorgt und bekomme einen Haufen Promoartikel, die bereits in meinem Fach lagern. Ein Fanschal des holländischen Interpreten Douwe Bob ist dabei, viele CDs und lange Texte über Künstler, Lied und das jeweilige
Herkunftsland. Auch das Management von Jamie-Lee möchte die Journalisten für sich gewinnen und versucht mit Klebetattoos der 18-Jährigen als Manga-Zeichnung zu überzeugen. Ich bin gespannt, was sich am Ende der Woche alles angesammelt hat.IMG_8625

Gerade rechtzeitig bekomme ich die letzten Minuten von Jamie-Lees Pressekonferenz mit. Eine gute Stunde zuvor stand sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit das erste Mal auf der 320 Quadratmeter großen Bühne. Die Probe fand sie „einfach mega! Das Gefühl, endlich auf dieser ESC-Bühne zu stehen und zu erleben, wie es ist“, erzählt sie. „Die Bühne ist so riesig, das Bühnenbild ist toll und mein Outfit sah toll aus“. Noch immer euphorisch, gut gelaunt und in flüssigem Englisch beantwortet sie charmant die Fragen der neugierigen Journalisten aus aller Welt. Erzählt, wie froh sie sei, dabei sein zu dürfen. Sie sei sich nicht sicher gewesen, ob die Leute sie auch beim Vorentscheid mögen würden, sagt sie – dennoch glaube die Schülerin, dass das Publikum eine gute Wahl getroffen hat. Bei dieser Aussage muss sie über ihr eigenes Selbstbewusstsein ein wenig lachen.IMG_8612
IMG_8608Die Atmosphäre bei diesen Pressekonferenzen ist prinzipiell freundlich, selten fallen kritische Fragen. Viele der Journalisten sind auch ein großes Stück weit Fans, schreiben für Clubmedien oder Blogs, die sich ausschließlich mit dem ESC beschäftigen. Zum Ende der Fragerunde werden sich dann auch einige erwachsene Männer wie Groupies um die 18-jährige Bennigserin drängeln, um ein Foto von ihr (und mit ihr) vor der Logowand zu ergattern.

Mit der Aussage, dass es eigentlich viel fairer wäre, wenn auch sie wie 36 andere Teilnehmer erst einmal durch ein Halbfinale müsste, erntet sie viel Applaus. „Aber ich mache die Regeln nicht,“ schränkt sie ein. „Ich persönlich fände es cool, wenn ich im Halbfinale nicht nur Gast, sondern auch Kandidatin wäre.“ Nur wenig später stellt Jamie-Lee unter Beweis, dass sie Herausforderungen und Aufregung liebt: IMG_8613Zusammen mit der dänischen Band Lighthouse X schlendert sie über den Freizeitpark Gröna Lund und fährt für’s IMG_8616Fernsehen Achterbahn. Die Berg- und Talbahn mit dem Namen „Insane“ hat ihr sichtlich gefallen. Im Gespräch mit einem Fernsehteam kommt sie aus dem Schwärmen nicht hinaus: „Das war so cool! Ich bin der Adrenalin-Typ: Fallschirmspringen, Bungee-Jumping – das hier kam schon nah ran!“

Auch am Sonntag ist Jamie-Lees Kalender voll: Mittags feilen sie und ihr Team in der zweiten Einzelprobe an Details der Aufführung: Erstmals dürfen auch Presse und Fans das Konzept sehen, das dem Vorentscheidsauftritt treu bleibt. Der Märchenwald, hinter dem ein großer Mond aufgeht, wird durch Hologramme ergänzt.

Datei_000Stimmsicher singt sie sich einige Male durch ihren Song, geht den langen Steg in der Arena auf und ab, um den herum in wenigen Tagen tausende Zuschauer stehen werden. Auch nach dieser Probe kommt sie um eine Pressekonferenz nicht herum. Sie erzählt, dass sie mit der Probe zufrieden war, sich sehr freut da zu sein und von ihrer Liebe zu singen. Wenn sie „Ghost“ singt, habe sie immer ein gutes Gefühl, schließlich sei es der Titel, mit dem sie sowohl „The Voice“ als auch den ESC-Vorentscheid gewonnen hat. Ihr Stimmvolumen habe sie dadurch, dass sie in ihrem Gospelchor die einzige Sopranstimme war und sich gegen die anderen Chormitglieder durchsetzen musste, sagt sie.

Datei_003Ihr Engagement für den Tierschutz kommt ebenso zur Sprache wie ihr Geheimnis für die Vorbereitung: „Ich hoffe, dass ich genug Schlaf bekomme. Schlaf ist das Wichtigste. In den Euroclub zu gehen und zu feiern wie andere Künstler, macht bestimmt auch Spaß, aber ich schaue mir das nur an und gehe dann früh ins Bett.“ Bis zu 14 Stunden schlafe sie pro Tag. Um die offizielle Erföffnungsfeier am Sonntagabend mit großem Auftritt auf dem Roten Teppich und anschließender Party aller Delegationen wird sie aber doch nicht herum kommen.

 

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