Schlagwort-Archive: Dewezet

Liebe Lömö,

mitten hinein in unsere Redaktionskonferenz platzte heute Ihre Mail, Frau Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, kurz „Lömö“, die ich hier der Vollständigkeit halber zitieren möchte. Sie schreiben: „Liebe Redaktion, Glückwunsch zur Titelseite. Endlich mal die richtige Gewichtung. Für mich ergibt sich folgende logische Reihung: Kaiserwetter in Fernost – Bald Sport auf Tündernsee – Von der Leyen: Wir werden noch viele retten müssen. Lömö grüßt aus Berlin.“

Selbstverständlich, liebe Frau Lösekrug-Möller, wird in einer Redaktion so gut wie nichts dem Zufall überlassen. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, der gestrenge Geschäftsverteilungsplan Ihres Ministeriums beruhe auf größerem Zufall als unsere nächste Ausgabe. Und doch kommt es vor, dass Beiträge einer Seite unvermittelt miteinander zu „sprechen“ beginnen. Dass Seiten ein gewisses Eigenleben entwickeln und Redakteure damit in Erklärungsnot bringen. Noch immer fällt mir das dickrot durchgekreuzte Steak ein, das einmal einen Leserbrief zum Veggie-Day illustrierte – direkt neben der Anzeige der „Grill Arena“. Um Gesprächsstoff musste sich danach niemand mehr sorgen: Nein, es sei keine böse Absicht gewesen, nein, die Redaktion sei kein Verein von Kampfveganern.

Im aktuellen Fall verweise ich auf unsere andere Titelseite,  die Pyrmonter Nachrichten mit dem Zweiteiler zum Bundeswehreinsatz im Mittelmeer, den Sie, Frau Bundestagsabgeordnete, womöglich noch gar nicht kennen. Oben der Pyrmonter Retter, unten der Rettungsappell der Ministerin. Alles hängt eben mit allem zusammen.

Dewezet_Titelseite_20150710  PN_Titelseite_20150710

Der „sonntag“ kommt!

Die Wirklichkeit ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Nehmen wir den Fußball: Der Experte am Bildschirm stoppt die Spielszene und zeichnet den Laufweg ein, der nicht gelaufen wurde. Und plötzlich steht der ehemals flinke Außenstürmer ziemlich flügellahm da. Das in etwa ist Augmented Reality – die Erweiterung der Wirklichkeit. Darum – und um George Clooney, George Clooneys Frau und vieles mehr – geht es in unserem neuen Wochenend-Magazin „sonntag“, das am 27. Juni Premiere feiert:  acht Seiten stark, opulent gestaltet, mit reichlich spannendem Lesestoff! Und mit einer App, die über die gedruckte Wirklichkeit hinausführt, die Bilder in Bewegung bringt, die Zeitung sprechen lässt. Lassen Sie sich überraschen!

2015-06-26 19_00_59-Sonntag.pdf - Adobe Reader

 

Ein anrührender Abend

Foto 2

. Buchvorstellung bei der Dewezet (v.l.): Olga Barbesolle, ihre Tochter Hélène Coupé und Stadthistoriker Bernhard Gelderblom.

Olga Barbesolle kam 1942 als Zwangsarbeiterin nach Hameln. Mit 17 Jahren schnitt das deutsche Besatzungsregime in ihr Leben, Familie und Heimat blieben in der Ukraine zurück. Gestern kehrte die heute 90-Jährige nach Hameln zurück, besuchte die Dewezet, um ihre ins Deutsche übersetzten Erinnerungen an die Zeit der Zwangsarbeit vorzustellen. Ohne Groll, ohne Anklage, dafür mit viel Humor und scharfem Sinn für die Gipfel und Abgründe menschlicher Existenz. Am Ende donnerte Applaus durch den Vortragssaal. Kein einziger Platz war unbesetzt geblieben. Das Interesse an der Zeitzeugin, an ihrer und an unserer Geschichte, war riesengroß. Alles schon so lange her, alles schon so oft gehört? Geschichtsvergessenheit wird dem Zeitgeist gerne unterstellt, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Auch deshalb war es ein anrührender Abend.  

Les Sans-Amour – Die Ungeliebten. Erinnerungen der ukrainischen Zwangsarbeiterin Olga Barbesolle an ihre Jahre in einem Hamelner Rüstungswerk 1942-1945, Holzminden 2015.

 

 

 

Mein lieber Herr S.!

In meiner Ablage „Groteske Zuschriften“, aus der ich an dieser Stelle ab und an zitieren möchte – damit das Sammeln dieser Post überhaupt Sinn ergibt – sticht eine Gemeinsamkeit ins Auge: Es gibt keine Absender. Jedenfalls keine, die aus der Anonymität hervorträten. Sie dagegen haben diese Heimlichtuerei nicht nötig. Sie schreiben mit offenem Visier, was Ihnen zum selbsterwählten Thema „Großfamilie randaliert in Hameln“ in den Sinn kommt. Nicht unbedingt in epischer Breite, Sie lieben eher das Crescendo, vergrößern zum Schluss den Zeilenabstand und setzen die Pointe groß und fett: „…sofort Rübe ab.“

Mein lieber Herr S.! Auf Facebook sind wir einiges gewohnt, aber so in aller Ruhe getippt und abgeschickt? Im Ernst: Die Grenzen, was über andere gesagt und geschrieben werden darf, scheinen sich gerade zu verflüssigen. Unter dem Hitzegrad der aktuellen Debatten schmelzen Achtung und Anstand dahin, grassiert verbale Gewalt – das ist es, was wahrhaft besorgniserregend ist in unserer Zeit. Herr S., vielleicht hätten Sie nicht gedacht, dass Sie dafür mal zum Kronzeugen ernannt werden.

Vielleicht darf ich Sie, 225 Jahre nach der Französischen Revolution, noch mit dem Hinweis konfrontieren, dass das Schafott nicht mehr zu den Gepflogenheiten unseres Rechtsstaates gehört und es ausgerechnet die Terror-Schergen der IS sind, die Ihre Forderung so häufig und so martialisch vollstrecken. Wir Abendländer vergewissern uns angesichts solcher Bilder, dass Mord und Selbstjustiz nicht zu unseren Werten gehören. Wer das bestreitet, Herr S., hat ein Integrationsproblem, oder?

2015-01-23 13_43_25-doc01266520150123133108.pdf - Adobe Reader

Waren wirklich 900 Demonstranten bei der Mahnwache?

Zwar hat sich der Hamelner Pegida-Ableger Hamgida letztendlich doch nicht auf die Straße getraut. Doch das Schlachtfeld Facebook haben sie zumindest mit ihrem Vokabular in Beschlag genommen. Schlagwörter wie „Lügenpresse“ haben sich auch in Hameln verselbstständigt und den Weg in den Sprachgebrauch vieler Menschen gefunden – und damit auch der implizierte Vorwurf, dass Zeitungen, wie die unsere, nicht die Wahrheit berichten.

Nachdem Hamgida wohl erkennen musste, dass man kaum Menschen auf die Straße bringen würde, konzentrierten sich die Organisatoren am Tag und in den Stunden nach der Mahnwache nun darauf, den Schlachtruf der Lügenpresse zu untermauern. Dazu dienen unter anderem Bilder, mit denen gezeigt werden soll, dass bei der Mahnwache wesentlich weniger, als die von Medien (auch uns) veranschlagten 900 Demonstranten anwesend waren.  Und tatsächlich: Die Bilder, aus Fenstern umliegender Häuser aufgenommen, lassen keine 900 erkennen. Auch bei der Berichterstattung vor Ort hätte ich persönlich die Anzahl bei weitem nicht auf 900 geschätzt. Selbst die zuvor von der Polizei kolportierten 800 hielt ich für übertrieben. Trug die Zahl trotzdem so weiter, denn es ist aus gutem Grund allgemeine Praxis, die Schätzung der Teilnehmerzahlen der Polizei zu überlassen und nicht selbst etwas zu behaupten. Im Zweifelsfall – wenn er abweichende Zahlen präsentiert – sollte noch der Veranstalter zu Wort komme. Nicht aber Gegner der Veranstaltung oder unbeteiligte Menschen, die in sozialen Medien die Teilnehmerzahl schätzen.

Dass allerdings auch die Polizei meist kein ganz neutraler Beobachter ist, wissen regelmäßige Demo-Gänger wohl aus eigener Erfahrung. Bei Demonstrationen, die sich gegen Staat, Obrigkeit, oder – Gott bewahre – gar Polizeigewalt wenden, werden oft überraschend wenige Demonstranten von der Polizei gezählt. Anders bei Veranstaltungen von offizieller Seite, bei denen die Schätzungen der Polizei oft deutlich über der Realität zu liegen scheinen.

Und wenig überraschend wird die Polizei eine Mahnwache, zu der Bürgermeister und Stadt aufgerufen haben, nicht kleiner reden als sie ist. Und die Möglichkeit, dass aus Gefälligkeit ein paar hundert Demonstranten mehr geschätzt werden, kann man auf jeden Fall nicht ausschließen.

Schlachtfeld Facebook – Gute Nacht Abendland?

Viele schöne Dinge hört man zum Thema Facebook und Zeitung bei Seminaren und Konferenzen. Kontaktaufnahme mit dem Leser in Echtzeit. Themen diskutieren und vielleicht sogar noch den einen oder anderen Aspekt in den Print-Artikel für den kommenden Tag mit einbauen. Sich öffnen, neue Wege beschreiten. Alles in Höchstgeschwindigkeit und basisdemokratisch. Jeder darf sich äußern, jeder wird gehört.

Klingt nach der schönen neuen Welt, die nur das Internet ermöglicht. Leider ist diese schöne neue Welt am Mittwoch zu einer Welt geworden, mit der wir so nicht mehr klar gekommen sind. Den ohnehin schon häufig ruppigen Umgang mit Meinungen anderer und die täglichen Beleidigungen anderer Nutzer auf unserer Facebook-Seite konnten wir noch nie nachvollziehen. Leider haben wir uns aber im Laufe der Zeit irgendwie an das teils erschreckend niedrige Niveau einiger Meinungsäußerungen gewöhnt. Am Mittwochabend brachen nach unseren Beiträgen über die Vorgänge am Amtsgericht und dem Sana-Klinikum aber alle Dämme des guten Benehmens und der Rechtsstaatlichkeit:

Es wurde beleidigt, gehetzt und diffamiert. In vielen Fällen haben Nutzer in ihren Beiträgen mit spielerischer Leichtigkeit die Latte zum Straftatbestand der „Volksverhetzung“ gerissen, während die Diskussionsgegner ebenso leichtfüßig mit Gewalt, Mord und Folter drohten. Ein schier unerträgliches Schlachtfeld aus mangelnder Toleranz, Hass, und schlecht gelebter Integration auf beiden Seiten. Wir haben in der Nacht zu Donnerstag die Reißleine gezogen und sämtlich Beiträge gelöscht. Mehr als 800 Kommentare waren aufgelaufen von denen mehr als 650 wenig bis nichts mit dem Thema, dafür umso mehr mit Vorurteilen und Verurteilungen zu tun hatten. Eine Flut, die wir weder erwartet haben, noch bewältigen konnten.

Am Freitag sind wir neu durchgestartet. Mit strengeren Regeln und dem Vertrauen, dass alle etwas dazu gelernt haben. Schließlich schreibt sich das viel zitierte Abendland ja eine ausgeprägten Gesprächs- und Diskussionskultur und nicht nicht zuletzt die Demokratie mit Freiheiten und Pflichten auf die Fahne.

Dann mal los!