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Ende der Ängstlichkeit

Mein Kommentar zu den Plänen, auf dem Bückeberg ein Dokumentationszentrum zu den nationalsozialistischen „Reichserntedankfesten“ einzurichten:

Über Jahrzehnte haben Historiker den Nationalsozialismus ausschließlich als Herrschaft des Terrors erklärt. Und damit zu kurz gegriffen. Vielfach bedurfte es keiner Einschüchterung und Gewalt, die braunen Machthaber konnten sich der Unterstützung ihrer „Volksgenossen“ sicher sein. Auf viele übten die Inszenierungen von „Führer“ und „Volksgemeinschaft“ eine enorme Faszinationskraft aus. Und es gibt nur wenige Orte in Deutschland, an denen sich dieses Phänomen so mit Händen greifen ließ wie auf dem Bückeberg, dem Schauplatz der „Reichserntedankfeste“.

Hier feierten sich die Nationalsozialisten selbst, und das Feiern war Programm. Der Festplatz ist einer der zentralen Orte der Selbstdarstellung des Regimes, ein Monument der Massenverführung. Und damit allemal ein Ort, der nicht sich selbst überlassen werden sollte.

Ketzerisch gesagt ist aber genau das noch das Beste, was ihm bisher passierte. Der Austragungsort für eines der größten NS-Massenspektakel hat es gerade mal geschafft, der Gemeinde als Bauland von der Schippe zu springen. Vor lauter Scheu, Desinteresse und Ängstlichkeit wuchs Gras über die Geschichte – das ist nicht gerade ein Ruhmesblatt im Umgang mit „Erinnerungsorten“ dieser Gewichtsklasse. Jetzt endlich dreht sich der Wind, am Bückeberg könnte ein Dokumentationszentrum entstehen. Nein, es ist nicht höchste Zeit dafür. Der Schritt ist überfällig.

Für den Landkreis und die Region böte ein solches Zentrum das Potenzial, eine alte Geschichte neu zu erzählen. Man braucht nicht viel Fantasie, um eine Brücke vom sagenhaften Rattenfänger zu Hitlers Auftritten bei den Erntedankfesten zu schlagen. Die Verführbarkeit von Menschen ist ein ewig aktuelles Thema – und Hameln ein prädestinierter Ort, um darüber Auskunft zu geben.