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Super-Nanny: Mensa-Begeisterung, los jetzt!

Wenn sich wohlmeinende Politiker darüber grämen, dass die Wirklichkeit ihren Idealen nicht gehorcht, ist meist Gefahr im Verzug. So wie in diesem Fall: 130 000 Euro soll der Versuch kosten, doch noch den mensabegeisterten Schüler zu erschaffen. Der Super-Nanny-Staat, der aus uns allen bessere, gesündere und glücklichere Menschen machen möchte, und häufig das Gegenteil erreicht, wird zum Investitionsgrab. Und es spielt keine Rolle, dass es „nur“ um Stiftungsgeld geht. Was ließe sich nicht an sinnvollen Projekten mit dem Geld finanzieren? Beim Thema Mensa könnte man gut aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Mensa, Schiller, Foto: Dana

. Schöne leere Mensa (am Hamelner Schiller-Gymnasium). Foto: Dana

Die vielen Steuer-Millionen, die Kommunen in schmucke Schulmensen gesteckt haben, sie haben die Schüler eben nicht umerziehen können. Die meisten finden Mensen nach wie vor so attraktiv wie lauwarmen Bohneneintopf. Doch statt das eigene Scheitern zu akzeptieren, legt die Stadt noch einen drauf und will mit gehörigem Aufwand „positive Essenserfahrungen“ schaffen. So als könne man solche Erfahrungen bestellen wie den Hauptgang aus der Menükarte. Als seien Pizza und Burger mit dem hocherhobenen pädagogischen Zeigefinger auszutreiben. Gesundes Essen ist wertvoll, keine Frage, aber die Vorstellung, jeden zu seinem Glück zwingen zu können, war schon immer ein Irrtum. Vielleicht ist es ja gerade der Freiraum, sich außerhalb des schulischen Angebots zu bewegen, der die Pizza so lecker schmecken lässt? Zugegeben: Für Erziehungsidealisten ist das ein sperriger Gedanke.

Die Original-Pressemitteilung der Stadt:

Gesundes Essen in der Schule

 

Ein anrührender Abend

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. Buchvorstellung bei der Dewezet (v.l.): Olga Barbesolle, ihre Tochter Hélène Coupé und Stadthistoriker Bernhard Gelderblom.

Olga Barbesolle kam 1942 als Zwangsarbeiterin nach Hameln. Mit 17 Jahren schnitt das deutsche Besatzungsregime in ihr Leben, Familie und Heimat blieben in der Ukraine zurück. Gestern kehrte die heute 90-Jährige nach Hameln zurück, besuchte die Dewezet, um ihre ins Deutsche übersetzten Erinnerungen an die Zeit der Zwangsarbeit vorzustellen. Ohne Groll, ohne Anklage, dafür mit viel Humor und scharfem Sinn für die Gipfel und Abgründe menschlicher Existenz. Am Ende donnerte Applaus durch den Vortragssaal. Kein einziger Platz war unbesetzt geblieben. Das Interesse an der Zeitzeugin, an ihrer und an unserer Geschichte, war riesengroß. Alles schon so lange her, alles schon so oft gehört? Geschichtsvergessenheit wird dem Zeitgeist gerne unterstellt, aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Auch deshalb war es ein anrührender Abend.  

Les Sans-Amour – Die Ungeliebten. Erinnerungen der ukrainischen Zwangsarbeiterin Olga Barbesolle an ihre Jahre in einem Hamelner Rüstungswerk 1942-1945, Holzminden 2015.

 

 

 

Viktoria – die Facebook-Königin

Sorry, der VfL ist nicht die Nummer eins. Hamelns Oberliga-Handballer haben bei Facebook nicht – wie irrtümlich berichtet – die meisten „Gefällt mir“-Klicks der lokalen Sportvereine. Unter den weltweit 1,4 Milliarden Nutzern, die sich mindestens einmal pro Monat bei Facebook einloggen, haben wir bei der Recherche für die inoffizielle Top Ten des Hameln-Pyrmonter Sports einen kleinen Verein im Dschungel des World Wide Web versehentlich übersehen: den FC Viktoria Hameln.

. Dewezet-Artikel vom 4. März 2015

Darauf hat uns Vereinschef Thorsten Gromotka aufmerksam gemacht. Der 47-Jährige hat den am 4. März veröffentlichten Dewezet-Artikel über die Gefällt-mir-Angaben der heimischen Sportklubs bei Facebook mit Interesse gelesen, „aber das Top-Ten-Ranking ist nicht korrekt“, so Gromotka. Denn ausgerechnet sein Verein, der eigentlich die klare Nummer eins sein müsste, fehlt in der inoffiziellen Rangliste. Der erst vor einem Jahr neu gegründete Fußball-Club aus der 3. Kreisklasse hat – Stand 11. März – mit über 2000 „Gefällt mir“-Klicks mehr als doppelt so viele Facebook-Fans wie die Oberliga-Handballer des VfL (946). Und von Tag zu Tag werden es mehr. Die 2000er-Marke wurde heute Nachmittag geknackt. Gromotkas Bruder Carsten, der 2. Vorsitzender ist, postet fleißig aktuelle News, Bilder und Videos via Facebook – und steigert so den Bekanntheitsgrad des gerade einmal ein Jahr jungen Vereins, der über das soziale Netzwerk auch schon einige Neuzugänge und Sponsoren gewinnen konnte.

FC Viktoria Hameln Screenshot

. Screenshot: www.facebook.com/FcViktoriaHameln

Übrigens: Mit 482 „Gefällt mir“-Klicks hat der DT Hameln sein Ergebnis innerhalb der letzten Woche mehr als verdoppelt und inzwischen den FC Preußen Hameln (423) überholt. So schnell geht das im Internetzeitalter.

Ist euer Verein oder eure Mannschaft auch bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken aktiv?   

Pegida, Hamgida, und jetzt?

Es war abzusehen: Wer auf der Pegida-Welle schwimmt, entdeckt eines Tages, dass Politiker, Journalisten und Muslime auch in Hameln ein glückliches Leben führen und die Stadt damit die Grundvoraussetzungen für den Untergang des Abendlandes erfüllt. Einige Wochen vergingen bis zur virtuellen Geburt, aber jetzt ist sie da: die „Hamgida“, die nicht Hamburg oder Hamm retten möchte, sondern Hameln. Ich bin nicht amüsiert, aber ehrlich gesagt auch nicht sonderlich alarmiert. Hameln ist nicht Dresden. Und unsere Werteordnung wackelt nicht gleich, nur weil sich einige wenige Protestfolkloristen montags abends von ihren eigenen Facebook-Tiraden gelangweilt fühlen und auf die Straße gehen. Wer genau hinschaut, erkennt unter den Wortführern der „Hamgida“ unschwer rechtsradikale Gesinnungstäter, die sich eine neue, scheinbar salonfähige Plattform geschaffen haben. Es sind die üblichen Trittbrettfahrer der Angst und Wut. Wer auf sie hereinfällt, darf sich nicht beklagen, in die rechte Ecke gestellt zu werden – er steht mittendrin.

Friedlich zu demonstrieren, verspricht die selbsternannte Abendland-Polizei auch in Hameln. Einer ihrer Protagonisten indes war in den letzten Tagen so frei, sich auf Facebook damit zu brüsten, wie er beim „Hagida“-Protest in Hannover „zwei Zecken und einen Bullen attackiert“ habe  –  das ist großes Kino, wenn man gerade eine „gewaltfreie“ Veranstaltung über die Bühne bringen möchte.

Wir können „Hamgida“ nicht ignorieren, und leider wächst die Bedeutung dieses spärlichen Ensembles im Spiegel jeder öffentlichen Betrachtung. Das sollte man nicht ohne Not befördern. Es grenzt an Satire, wenn in Hannover 150 Rechtspopulisten „Wir sind das Volk“ skandieren und gerade mal 200 Meter Wegstrecke schaffen, weil ihnen 19000 Gegendemonstranten gegenüberstehen. Angesichts dieser Proportionen müsste sich die Frage, wer Integrationsprobleme hat, auch dem letzten „Hagida“-Mitläufer neu gestellt haben. Die Gegendemo am Montag war als einmaliger Akt genau das richtige Signal zur richtigen Zeit, eine beeindruckende Aktion. Aber à la longue laufen sich die kleinen Pegidas von ganz allein am schnellsten die Sohlen ab.