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Liebe Lömö,

mitten hinein in unsere Redaktionskonferenz platzte heute Ihre Mail, Frau Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, kurz „Lömö“, die ich hier der Vollständigkeit halber zitieren möchte. Sie schreiben: „Liebe Redaktion, Glückwunsch zur Titelseite. Endlich mal die richtige Gewichtung. Für mich ergibt sich folgende logische Reihung: Kaiserwetter in Fernost – Bald Sport auf Tündernsee – Von der Leyen: Wir werden noch viele retten müssen. Lömö grüßt aus Berlin.“

Selbstverständlich, liebe Frau Lösekrug-Möller, wird in einer Redaktion so gut wie nichts dem Zufall überlassen. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, der gestrenge Geschäftsverteilungsplan Ihres Ministeriums beruhe auf größerem Zufall als unsere nächste Ausgabe. Und doch kommt es vor, dass Beiträge einer Seite unvermittelt miteinander zu „sprechen“ beginnen. Dass Seiten ein gewisses Eigenleben entwickeln und Redakteure damit in Erklärungsnot bringen. Noch immer fällt mir das dickrot durchgekreuzte Steak ein, das einmal einen Leserbrief zum Veggie-Day illustrierte – direkt neben der Anzeige der „Grill Arena“. Um Gesprächsstoff musste sich danach niemand mehr sorgen: Nein, es sei keine böse Absicht gewesen, nein, die Redaktion sei kein Verein von Kampfveganern.

Im aktuellen Fall verweise ich auf unsere andere Titelseite,  die Pyrmonter Nachrichten mit dem Zweiteiler zum Bundeswehreinsatz im Mittelmeer, den Sie, Frau Bundestagsabgeordnete, womöglich noch gar nicht kennen. Oben der Pyrmonter Retter, unten der Rettungsappell der Ministerin. Alles hängt eben mit allem zusammen.

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Mein lieber Herr S.!

In meiner Ablage „Groteske Zuschriften“, aus der ich an dieser Stelle ab und an zitieren möchte – damit das Sammeln dieser Post überhaupt Sinn ergibt – sticht eine Gemeinsamkeit ins Auge: Es gibt keine Absender. Jedenfalls keine, die aus der Anonymität hervorträten. Sie dagegen haben diese Heimlichtuerei nicht nötig. Sie schreiben mit offenem Visier, was Ihnen zum selbsterwählten Thema „Großfamilie randaliert in Hameln“ in den Sinn kommt. Nicht unbedingt in epischer Breite, Sie lieben eher das Crescendo, vergrößern zum Schluss den Zeilenabstand und setzen die Pointe groß und fett: „…sofort Rübe ab.“

Mein lieber Herr S.! Auf Facebook sind wir einiges gewohnt, aber so in aller Ruhe getippt und abgeschickt? Im Ernst: Die Grenzen, was über andere gesagt und geschrieben werden darf, scheinen sich gerade zu verflüssigen. Unter dem Hitzegrad der aktuellen Debatten schmelzen Achtung und Anstand dahin, grassiert verbale Gewalt – das ist es, was wahrhaft besorgniserregend ist in unserer Zeit. Herr S., vielleicht hätten Sie nicht gedacht, dass Sie dafür mal zum Kronzeugen ernannt werden.

Vielleicht darf ich Sie, 225 Jahre nach der Französischen Revolution, noch mit dem Hinweis konfrontieren, dass das Schafott nicht mehr zu den Gepflogenheiten unseres Rechtsstaates gehört und es ausgerechnet die Terror-Schergen der IS sind, die Ihre Forderung so häufig und so martialisch vollstrecken. Wir Abendländer vergewissern uns angesichts solcher Bilder, dass Mord und Selbstjustiz nicht zu unseren Werten gehören. Wer das bestreitet, Herr S., hat ein Integrationsproblem, oder?

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