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Waren wirklich 900 Demonstranten bei der Mahnwache?

Zwar hat sich der Hamelner Pegida-Ableger Hamgida letztendlich doch nicht auf die Straße getraut. Doch das Schlachtfeld Facebook haben sie zumindest mit ihrem Vokabular in Beschlag genommen. Schlagwörter wie „Lügenpresse“ haben sich auch in Hameln verselbstständigt und den Weg in den Sprachgebrauch vieler Menschen gefunden – und damit auch der implizierte Vorwurf, dass Zeitungen, wie die unsere, nicht die Wahrheit berichten.

Nachdem Hamgida wohl erkennen musste, dass man kaum Menschen auf die Straße bringen würde, konzentrierten sich die Organisatoren am Tag und in den Stunden nach der Mahnwache nun darauf, den Schlachtruf der Lügenpresse zu untermauern. Dazu dienen unter anderem Bilder, mit denen gezeigt werden soll, dass bei der Mahnwache wesentlich weniger, als die von Medien (auch uns) veranschlagten 900 Demonstranten anwesend waren.  Und tatsächlich: Die Bilder, aus Fenstern umliegender Häuser aufgenommen, lassen keine 900 erkennen. Auch bei der Berichterstattung vor Ort hätte ich persönlich die Anzahl bei weitem nicht auf 900 geschätzt. Selbst die zuvor von der Polizei kolportierten 800 hielt ich für übertrieben. Trug die Zahl trotzdem so weiter, denn es ist aus gutem Grund allgemeine Praxis, die Schätzung der Teilnehmerzahlen der Polizei zu überlassen und nicht selbst etwas zu behaupten. Im Zweifelsfall – wenn er abweichende Zahlen präsentiert – sollte noch der Veranstalter zu Wort komme. Nicht aber Gegner der Veranstaltung oder unbeteiligte Menschen, die in sozialen Medien die Teilnehmerzahl schätzen.

Dass allerdings auch die Polizei meist kein ganz neutraler Beobachter ist, wissen regelmäßige Demo-Gänger wohl aus eigener Erfahrung. Bei Demonstrationen, die sich gegen Staat, Obrigkeit, oder – Gott bewahre – gar Polizeigewalt wenden, werden oft überraschend wenige Demonstranten von der Polizei gezählt. Anders bei Veranstaltungen von offizieller Seite, bei denen die Schätzungen der Polizei oft deutlich über der Realität zu liegen scheinen.

Und wenig überraschend wird die Polizei eine Mahnwache, zu der Bürgermeister und Stadt aufgerufen haben, nicht kleiner reden als sie ist. Und die Möglichkeit, dass aus Gefälligkeit ein paar hundert Demonstranten mehr geschätzt werden, kann man auf jeden Fall nicht ausschließen.

Pegida, Hamgida, und jetzt?

Es war abzusehen: Wer auf der Pegida-Welle schwimmt, entdeckt eines Tages, dass Politiker, Journalisten und Muslime auch in Hameln ein glückliches Leben führen und die Stadt damit die Grundvoraussetzungen für den Untergang des Abendlandes erfüllt. Einige Wochen vergingen bis zur virtuellen Geburt, aber jetzt ist sie da: die „Hamgida“, die nicht Hamburg oder Hamm retten möchte, sondern Hameln. Ich bin nicht amüsiert, aber ehrlich gesagt auch nicht sonderlich alarmiert. Hameln ist nicht Dresden. Und unsere Werteordnung wackelt nicht gleich, nur weil sich einige wenige Protestfolkloristen montags abends von ihren eigenen Facebook-Tiraden gelangweilt fühlen und auf die Straße gehen. Wer genau hinschaut, erkennt unter den Wortführern der „Hamgida“ unschwer rechtsradikale Gesinnungstäter, die sich eine neue, scheinbar salonfähige Plattform geschaffen haben. Es sind die üblichen Trittbrettfahrer der Angst und Wut. Wer auf sie hereinfällt, darf sich nicht beklagen, in die rechte Ecke gestellt zu werden – er steht mittendrin.

Friedlich zu demonstrieren, verspricht die selbsternannte Abendland-Polizei auch in Hameln. Einer ihrer Protagonisten indes war in den letzten Tagen so frei, sich auf Facebook damit zu brüsten, wie er beim „Hagida“-Protest in Hannover „zwei Zecken und einen Bullen attackiert“ habe  –  das ist großes Kino, wenn man gerade eine „gewaltfreie“ Veranstaltung über die Bühne bringen möchte.

Wir können „Hamgida“ nicht ignorieren, und leider wächst die Bedeutung dieses spärlichen Ensembles im Spiegel jeder öffentlichen Betrachtung. Das sollte man nicht ohne Not befördern. Es grenzt an Satire, wenn in Hannover 150 Rechtspopulisten „Wir sind das Volk“ skandieren und gerade mal 200 Meter Wegstrecke schaffen, weil ihnen 19000 Gegendemonstranten gegenüberstehen. Angesichts dieser Proportionen müsste sich die Frage, wer Integrationsprobleme hat, auch dem letzten „Hagida“-Mitläufer neu gestellt haben. Die Gegendemo am Montag war als einmaliger Akt genau das richtige Signal zur richtigen Zeit, eine beeindruckende Aktion. Aber à la longue laufen sich die kleinen Pegidas von ganz allein am schnellsten die Sohlen ab.