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Mein lieber Herr S.!

In meiner Ablage „Groteske Zuschriften“, aus der ich an dieser Stelle ab und an zitieren möchte – damit das Sammeln dieser Post überhaupt Sinn ergibt – sticht eine Gemeinsamkeit ins Auge: Es gibt keine Absender. Jedenfalls keine, die aus der Anonymität hervorträten. Sie dagegen haben diese Heimlichtuerei nicht nötig. Sie schreiben mit offenem Visier, was Ihnen zum selbsterwählten Thema „Großfamilie randaliert in Hameln“ in den Sinn kommt. Nicht unbedingt in epischer Breite, Sie lieben eher das Crescendo, vergrößern zum Schluss den Zeilenabstand und setzen die Pointe groß und fett: „…sofort Rübe ab.“

Mein lieber Herr S.! Auf Facebook sind wir einiges gewohnt, aber so in aller Ruhe getippt und abgeschickt? Im Ernst: Die Grenzen, was über andere gesagt und geschrieben werden darf, scheinen sich gerade zu verflüssigen. Unter dem Hitzegrad der aktuellen Debatten schmelzen Achtung und Anstand dahin, grassiert verbale Gewalt – das ist es, was wahrhaft besorgniserregend ist in unserer Zeit. Herr S., vielleicht hätten Sie nicht gedacht, dass Sie dafür mal zum Kronzeugen ernannt werden.

Vielleicht darf ich Sie, 225 Jahre nach der Französischen Revolution, noch mit dem Hinweis konfrontieren, dass das Schafott nicht mehr zu den Gepflogenheiten unseres Rechtsstaates gehört und es ausgerechnet die Terror-Schergen der IS sind, die Ihre Forderung so häufig und so martialisch vollstrecken. Wir Abendländer vergewissern uns angesichts solcher Bilder, dass Mord und Selbstjustiz nicht zu unseren Werten gehören. Wer das bestreitet, Herr S., hat ein Integrationsproblem, oder?

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