Wo Träume begraben werden

Im Morgengrauen haben wir uns in Hameln aufgemacht. 1600 Flugkilometer liegen vor uns. Unser Ziel heißt Idomeni, ein 100-Seelen-Dorf an der griechisch-mazedonischen Grenze. Fluchtpunkt für Tausende. Ein Ort, an dem in diesen Tagen Träume begraben werden. 15000 bis 20000 Menschen sind hier gestrandet. Gezählt hat sie niemand. Seit Wochen harren sie auf Äckern aus. Sie kommen nicht weiter. Die Balkan-Route ist dicht. Einige werden Asyl erhalten, irgendwann, irgendwo. Andere werden ihr Ziel nicht erreichen – sie werden abgeschoben in ihre Heimatländer. Wir sind gekommen, um zu berichten. Über Schicksale von Menschen, über unsere Gefühle. Wir wollen die Fragen unserer Leser aufgreifen – wir sind auf der Suche nach Antworten. Wir wollen uns persönlich ein Bild von der Lage machen.

Tagelang habe ich nachgedacht, habe mich gefragt, was mich wohl erwarten wird. Ich war schon in vielen Krisen- und Kriegsgebieten. Aber so aufgeregt wie diesmal war ich noch niemals zuvor. Es ist eine Reise ins Ungewisse. Julia Niemeyer und ich werden darüber berichten. Wir wissen nicht, was uns erwartet. Wir lassen es auf uns zukommen. Unser Taxi-Fahrer Nikos hat uns in das Lager der Vergessenen gefahren.

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Die Polizei ist wachsam. Sie zeigt Präsenz, fährt mit Blaulicht in den Dörfern rund um Idomeni Streife. Jeden Tag passiere hier etwas, sagt Nikos. Erst gestern hätten die Flüchtlinge die Europastraße blockiert und die Öffnung der Grenze gefordert. Andere hätten versucht, den Grenzzaun einzureißen. Nötigung und Gewalt – keine gute Idee. Nikos gibt uns einen guten Rat mit auf den Weg: „Passt gut auf Euch auf! Die Flüchtlinge sind frustriert.“ Als wir das Camp erreichen, geht die Sonne unter.

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Immer mehr Feuer brennen in der Zeltstadt. Verbrannt wird alles, was brennt. Bäume, die einst hier wuchsen, sind längst abgeholzt worden. Die Bauern sind sauer, sie können ihre Felder nicht bestellen, weil ihre Äcker besetzt wurden. Einer hat schon aus Protest ein paar Zelte untergepflügt. Das Gerücht macht die Runde, das die Polizei das Lager der Hoffnungslosen noch an diesem Wochenende räumen wird. Ein paar Männer tanzen vor einem Pavillon zu lauten arabischen Klängen.


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Frauen kochen Eier über offenen Feuer. Auf den Bahnschienen stehen viele bunte Zelte. Wer Glück hatte, konnte einen Platz in einem der alten Eisenbahnwaggons ergattern, die auf einem Abstellgleis vor sich hin rotten. image

Auf diesen Schienen fahren schon lange keine Züge mehr ins Nachbarland. „Dort drüben“, sagt Taxifahrer Nikos und zeigt auf hohe Berge, ist Fyrom. Das Wort Mazedonien kommt ihm nicht über die Lippen. FYROM – das ist die Abkürzung für Former Yugoslav Republic of Macedonia. Seit Jahren gibt es einen Namensstreit. Der Kleinstaat ist nach dem Zerfall Jugoslawiens entstanden. Skopje sieht sich in der Tradition Alexander des Großen.

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Doch nicht nur Nikos weiß: Die wichtigsten Ruinen des antiken hellenischen Königreichs liegen bei Thessaloniki. Und diese griechische Stadt sei nun mal die Hauptstadt Mazedoniens, sagt der Taxi-Fahrer. Die Menschen, die wir in Idomeni treffen, interessiert der erbittert ausgetragene Streit nicht – sie lächeln uns freundlich zu. Manche winken. Mein Schnurrbart sorgt für Aufsehen. Vor allem junge Männer finden ihn offenbar toll. Es ist ruhig. Niemand ist aggressiv. Ich hatte mir die Situation schlimmer vorgestellt. Verzweiflung sieht anders aus. Oder ist das die Ruhe vor dem Sturm?

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Zwei Väter tragen Kinder auf ihren Armen. Sie betteln. Der eine möchte 60 Euro, um mit seiner schwangeren Frau nach Athen fahren zu können. Die Großmama lebe in Hamburg, behauptet der Mittdreißiger. Der andere sammelt Geld für einen Arztbesuch. Doch dafür muss er gar nicht weit laufen – und nichts bezahlen. Ärzte ohne Grenzen, das Österreichische und das Ungarische Rote Kreuz behandeln unentgeltlich in Containern und in Zelten. „Free Doctor“ steht auf Schildern. Dr. Adolf Schöppl aus Salzburg ist heute angekommen. Von seinen Kollegen hat der Arzt, der sich ehrenamtlich engagiert, gehört, dass nachts viel los ist im Feldhospital. Manchmal kommen 150 Patienten – allerdings meist mit Lappalien. Notfälle seien selten darunter, sagt er. „Doktor gucken“ – nennt das Dr. Schöppl. Im Camp gibt es einige Dixi-Klos und sogar Duschcontainer – aber nicht genug. Eigentlich müssten die Menschen davor Schlange stehen – tun sie aber nicht. Seltsam. Das, was wir sehen, rührt uns an. Das Schicksal dieser Menschen lässt uns nicht kalt. Sie haben daheim alles aufgegeben, ihr Leben auf dem Meer riskiert und Schleppern ihr Erspartes geben müssen. Ihre Zukunft ist dennoch ungewiss.

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Es wird Abend in Idomeni. Die fliegenden Händler packen ihre Waren ein. Erdbeeren, Kartoffeln, Zitronen, Zwiebeln, Tabak. Über den Bergen braut sich etwas zusammen. Als es dunkel wird, fallen dicke Regentropfen, blitzt es am nachtschwarzen Himmel. Morgen wird sich das Camp wieder in eine Schlammwüste verwandelt haben. Mal sehen, wie dann die Stimmung ist

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In dieser Nacht werde ich sicher nicht gut schlafen. Das steht fest. So viele Bilder spuken in meinem Kopf herum. Schon im Flugzeug sind mir die Worte einer Pastorin in den Sinn gekommen. Im Radio hatte Melanie Beiner gesagt: „Wir sitzen im Flieger und reisen in den Süden. Und unter uns laufen uns die entgegen, die aus ihrem Land fliehen. Mit Angst im Genick, Hunger im Bauch und Schmerzen und Müdigkeit im Leib. Müssen zu Fuß gehen oder übers Meer; ungesichert, höchst gefährlich, bleiben oft genug auf der Strecke. Dürfen nur in ganz, ganz kleiner Zahl mit dem Flugzeug ausreisen. Oben und unten, reich und arm – die großen weltweiten.“ Wie passend.

3 thoughts on “Wo Träume begraben werden

  1. Liebe Chefredakteurin Niemeyer,

    Ich habe eine Frage, die Sie sehr gut vor Ort klären können:

    Wie viele dieser Menschen, die sie dort sehen, haben sich politisch betätigt haben und wurden aus diesem Grund von staatlichen Organisationen verfolgt?

    Bitte zeigen Sie uns Fotos dieser mutigen Menschen. Hier in Hameln habe ich nämlich keinen einzigen getroffen. Viele sind über 40 und können noch nicht mal lesen.

    Sehen sie dort in Idomeni jetzt die Menschen, die mutig gegen Diktatoren kämpfen. Also diejenigen für die der Artikel 16 A im Grundgesetz geschaffen wurde? Ich würde gerne die Geschichten dieser Menschen erfahren.

    Andererseits wäre es aber auch fair, wenn sie den Mut hätten, allen anderen zu erklären, dass sie keine Chance auf ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland haben.

    Im letzten Jahr hat die Bundesregierung mit Bussen und Sonderzügen bis zu 200.000 fremde Menschen ins Land geholt. Wenn das kein Politikfehler war, könnten Sie uns vielleicht erklären, warum die Bundesregierung damit aufgehört hat.

    Oder sind die Fluchtursachen mittlerweile beseitigt?

    1. Hallo Herr Artmann,
      Sie verlangen von mir persönlich den „Mut“, die Leute in Idomeni darüber aufzuklären, wie ihre Perspektiven in Deutschland, bzw. auf dem Weg dorthin sind. Abgesehen davon, dass dies für mich keine Frage von Mut, sondern von Zuständigkeiten ist, habe ich punktuell natürlich versucht, in den Gesprächen auf Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten hinzuweisen. Mein Eindruck: Den meisten meiner Gesprächspartner waren diese Dinge bewusst. Sie hoffen trotzdem, dass es einen Weg gibt oder zukünftig geben wird.

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