Die Weiße Frau und der kalte Hauch

 

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„Morgen ist Vollmond. Lass uns zur Geisterstunde ins Moor gehen und uns etwas gruseln“ – niemals zuvor hatte ich eine solche Einladung bekommen. Sie klang sonderbar, hatte aber ihren Reiz. Denn: Seit meinen Reisen nach Transsilvanien, Anfang der 1990er Jahre, beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Aberglaube und mit rumänischen Geschichten von angeblich ruhelosen Seelen, den sogenannten Strigoi. Es ist ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Thema. Auf dem Balkan glauben viele Menschen noch heute fest an die Existenz dieser Wiedergänger. Im Jahr 2005 holten Bewohner des Dorfes Marotinu des Sus einen Mann, den sie für einen Strigoi hielten, aus seinem Grab. Sie schnitten das Herz aus dem Leichnam, verbrannten es auf einem Blechteller, lösten die Asche in Wasser auf und tranken die Lösung.

Nun, das Weserbergland ist nicht Siebenbürgen. Und dennoch ist der Aberglaube auch hier verbreitet. Man spricht nur nicht so gern darüber. Kein Witz: Britische Soldaten sahen und spürten im Offizierskasino der Hamelner Scharnhorst-Kaserne über Jahre hinweg einen guten Geist. Sie nannten ihn „Casino“ und erzählten sogar Ihrer Majestät Königin Elizabeth II davon.

Gibt es paranormale Phänomene im Land der Sagen, Märchen und Mythen? Zunächst dachte ich: Sicher wirst du für verrückt erklärt, wenn du dich zur Geisterstunde aufmachst, um im Heyener Moor eine Weiße Frau zu suchen. Ich habe es trotzdem gemacht, obwohl ich nicht an Gespenster und blutsaugende Vampire glaube. Ich denke: Nur, wer sich auf etwas Ungewöhnliches einlässt, sammelt Erfahrungen und kann später davon berichten.

Die Bedingungen schienen gut zu sein. Vollmond – das versprach aschfahles Licht, lange Schatten und eine gespenstische Atmosphäre. Am Abend zogen jedoch Wolken auf. Bis kurz vor 23 Uhr war der Mond nur als heller Fleck hinter dem dunklen Gewölk zu sehen. Als wir den mystischen Ort zwischen Heyen und Esperde erreichten, hatten sich die Wolken glücklicherweise verzogen, strahlte der volle Mond vom sternenklaren Himmel. Um in der Finsternis nicht für Wild gehalten zu werden, zogen wir uns Warnwesten über. Ein Jäger hatte uns diesen Tipp gegeben. Sicher ist sicher.

imageDer Vollmond hatte einen Hof. Man sagt, das sei ein Zeichen für einen Wetterumschwung. Überhaupt ranken sich um den Erdtrabanten viele Legenden. Er raube uns den Schlaf, mache uns aggressiv und treibe uns in den Wahnsinn, heißt es. Auf Englisch heißen Wahnsinnige „lunatic“ (Luna – in der römischen Mythologie die Mondgötting). Wissenschaftler sprechen sogar vom Tansylvania effect. Es gibt unzählige Studien, durch die nichts davon bestätigt wurde. In Vollmondnächten gibt es demnach weder vermehrte Fälle von Wahnsinn noch erhöhte Kriminalitätsraten. Aber was ist schon nachweisbar? Es gibt Kräfte, die wir nicht sehen können. Wir wissen: Erde und Mond ziehen sich gegenseitig an. Vereinfacht gesagt: Wenn sich der Mond um die Erde dreht, dann „beult“ die Erde an dem Punkt aus, wo sie dem Mond am nächsten ist. So entstehen Ebbe und Flut. Von all dem spüren wir nichts, aber diese enormen Schwerkräfte existieren dennoch.

Auf dem Weg zum Heyener Moor hören wir einen Kuckuck rufen. Ungewöhnlich zur Nachtzeit, finde ich. Mir fällt der alte Kinderreim ein: „Kuckuck, Kuckuck, sag mir doch, wie viele Jahre leb‘ ich noch?“ Bei den alten Slawen, heißt es, galt der Kuckuck als Verkörperung der Göttin des Lebens und des Frühlings, der Fruchtbarkeit und der Liebe. Manche sagen auch, wenn der Kuckuck beim Sonnenuntergang ruft, heißt es auch Tod, Unglück und Teuerung.

Die Äste der Bäume werfen Schatten auf Felder und Wege. Grillen zirpen. Ein Exemplar ist besonders laut. Irgendwo im Dorf bellt ein Hund. Frösche quaken. Ein Bächlein plätschert. Nächtliche Idylle. Das erste Tier, das wir schemenhaft sehen, ist ein Käuzchen. Es fliegt davon, ohne zuvor gerufen zu haben. Kurz danach hören wir unheimliche Geräusche und halten kurz inne. Es hat sich angehört, wie ein Schnarren. Ein Wildschwein? Es muss ein größeres Tier sein, denken wir. Zum Vorschein kommt es aber nicht. Am Ende des Weges erreichen wir einen großen abgestorbenen Baum. Im Mondlicht sieht der tote Riese schon ein wenig gruselig aus. Eine Fledermaus umkreist uns zweimal. Unheimlich ist es an diesem Ort nicht. Vielleicht hätten wir ein anderes Gefühl, wenn jetzt Nebelschwaden über die kleine Moorfäche wabern würden. Die Weiße Frau zeigt sich natürlich nicht.

Wir setzen uns und lassen die Stille auf uns wirken. Rote Lichter der Windkraftanlagen blinken in der Ferne. Eine Nachtigall singt. Mücken sind zum Glück nicht unterwegs. Auf diese kleinen Blutsauger können wir auch gut verzichten. Wir sind eingetaucht ins Reich der Mythen und der Phantasie. Ich denke an die „Geisterjäger“ vom Ghosthunter Explorer Team, die extra vom Bodenseekreis nach Bad Pyrmont gekommen sind, um in der ehemaligen Bomberg-Klinik paranormalen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Und an Geschichten über Zwischenwelten und magische Momente. Gänsehautfeeling will sich nicht einstellen. Unheimlich ist uns nicht zumute – ganz im Gegenteil: Es macht Spaß, sich auf etwas Neues, etwas Verrücktes, einzulassen. Dennoch sind unsere Sinne geschärft. Wir sind hellwach. Unsere Ohren nehmen jedes noch so leise Geräusch wahr. Kein Wunder, denke ich. Es ist ein ja auch ein ungewöhnlicher Ort und eine ungewöhnliche Recherche.

Null Uhr. Geisterstunde. Der Zeitpunkt, an dem zwei Tage aufeinandertreffen. Es ist schon erstaunlich: Die meisten unter uns glauben nicht an Gespenster. Schon klar. Aber das Wort Geist ist fest in unserem Wortschatz verankert. Wir sind manchmal von allen guten Geistern verlassen – und wir sprechen von der Geisterstunde, als würde es sie wirklich geben.

Etwas ist sonderbar: Um 0.12 Uhr spüren wir beide zur selben Zeit einen eisigen Luftzug. Es wird mit einem Mal unangenehm kalt. Als ich gegen 23 Uhr aus dem Auto gestiegen bin, zeigte das Thermometer noch 17,5 Grad an. Und während unserer kleinen Wanderung durch Heyener Moor fühlte ich mich zu dick angezogen. Und jetzt? Was ist das? Ein Temperatursturz? Es fühlt sich zumindest so an. Wir stehen auf, verlassen das Moor. Es fröstelt uns. Gespensterjäger behaupten ja, Geister würden Energie aus der Umgebungsluft abziehen. Dadurch werde es kälter. Auf dem Rückweg machen wir noch ein paar schaurig-schöne Fotos. Das Selfie will nicht auf Anhieb gelingen. Immer wird auf dem Monitor kurz vor dem Betätigen des Auslösers ein technisches Problem angezeigt. Julia muss herzhaft lachen, ich kann mir die Fehlermeldungen nicht erklären. Es braucht sechs Anläufe – dann klappt es endlich.

Gegen 1 Uhr sitzen wir in unseren Autos. Mit Spannung schaue ich auf das Thermometer. Ist es wirklich kälter geworden? Ich bin erstaunt: Die Temperatur hat sich laut Anzeige kaum verändert. Das Gerät zeigt 17 Grad an. Bei Julia ist das anders: 13 Grad. Es gibt dafür wohl nur zwei Erklärungen: Mein Thermometer ist kaputt. Oder: Der Geist der Weißen Frau begleitet nur einen von uns.

 

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